Mittwoch, 26. Oktober 2011

Schön war die Zeit

"Sie baden gerade Ihre Hände drin". Kennen Sie diesen Satz noch? Oder wie wär's mit "Etwas Warmes braucht der Mensch"? Manche dieser Werbeslogans sind uns im Laufe der Jahre in Fleisch und Blut übergegangen, sind irgendwie klammheimlich zum Volksgut avanciert, und auch, wenn man sich noch so sehr dagegen wehren mag, die Erinnerungen sind da, und sie tragen oft genug einen Hauch der vergangenen Jahre in sich. Nicht umsonst heißt es bei uns in der Kurpfalz unter älteren Leuten, wenn sich jemand aufregt: "Jetzt mach doch nicht schon wieder das HB-Männchen".
Doch dies soll kein Artikel über Reklamesprüche werden, mir geht es vielmehr um die Bedeutung persönlicher Erinnerungen und das Phänomen der Verklärung vergangener Jahre. Wäre ich ein Psychologe, hätte ich sicherlich eine kluge und unaussprechliche Erklärung für dieses Verhalten, das so viele Menschen gemeinsam haben, aber das bin ich nicht. Mir bleiben nur meine eigenen Überlegungen, und die möchte ich gern mit Ihnen teilen.
Für mich hatte diese Form der nostalgischen Rückbesinnung immer einen hohen Stellenwert. Schon als Kind war es eine Frage der Zugehörigkeit. Wenn das Gespräch auf Ereignisse gelenkt wurde, die irgendwann in finsterer Vorzeit stattgefunden hatten, konnte ich mich fest darauf verlassen, daß in den nächsten fünf Minuten jener Satz folgen würde, den ich von jeher fürchtete. Und um sich dabei nicht selbst zu Tode zu langweilen, hatten die Erwachsenen nach und nach einige Variationen dieses Satzes entwickelt. "Das war vor deiner Zeit, mein Schatz", war einer der beliebtesten Wortlaute, oder auch "Damals gab es dich ja noch gar nicht." Doch auch ein liebevoll gehauchtes "Ach Kindchen" vereint mit dem obligatorischen übers-Haar-Streichen verfehlte seine Wirkung nicht.
Für mich stellten diese Menschen, die schon vor mir auf der Welt gewesen waren, einen geheimnisvollen Zirkel dar, eine Gruppe, die ihre Macht ganz einfach aus ihrer eigenen Existenz zu schöpfen schien, und so versuchte ich eifrig, mich mit ihnen zu identifizieren, selbst einen Zipfel jener fremden Erinnerungen zu ergattern, was jedoch ein sinnloses Unterfangen darstellte. Ich konnte Informationen sammeln, aber sie nahmen keine Farben und Formen an, so sehr ich mich auch bemühte.
Inzwischen bin ich älter geworden und trage meine eigenen Erinnerungen mit mir herum. Und hin und wieder trete ich nun meinerseits in den geheimen Zirkel meiner Generation ein, freue mich, wenn ich feststelle, wie andere Menschen sich an genau dieselben Dinge erinnern wie ich, vielleicht sogar dasselbe dabei empfinden. Das können ältere Lieder sein, Automarken, die man heute kaum noch auf den Straßen findet oder eben Werbeslogans vergangener Jahre. Es sind Dinge, die verbinden, die einen Teil von uns ausmachen, uns auf unserem Lebensweg ein Stück weit begleitet haben, selbst wenn es sich nur um die Titelmelodie von "Bonanza" handelt, für mich ist es ein Stückchen Kultur, eines der vielen Puzzleteile, aus denen sich meine Vergangenheit zusammensetzt, und ich genieße es, bei anderen auf Ähnlichkeiten zu stoßen.
Weshalb diese Dinge über die Jahre solch einen goldenen Glanz angenommen haben, weiß ich bis heute nicht, aber das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Ich freue mich einfach, wenn mir ein VW Käfer über den Weg rollt oder wenn im Radio Nena ihre 99 Luftballons zum Himmel steigen läßt. Und Freude ist doch etwas Unbezahlbares.
Inzwischen bin ich auch selbst Mutter, und wenn meine Tochter mich irgendwann mit leuchtenden Augen nach einer Episode aus meiner Jugend befragt, dann werde ich ihr gerne von damals erzählen. Nur seufzend übers Haar streichen werde ich ihr dabei nicht.

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