Donnerstag, 27. Oktober 2011

Verborgene Potenziale oder wie war das mit Schneewittchen?

Eigentlich bin ich immer auf der Suche nach neuen Geschichten, als Leserin und natürlich auch als Autorin, obwohl sie mich auch hin und wieder geradezu rücksichtslos überfallen. Am liebsten mag ich Spannungsromane und am allerliebsten Horrorgeschichten. Wer meine Texte kennt, der weiß, daß die Figuren oft in der Blüte ihrer Jahre dahingerafft werden, ich kann gar nichts dagegen tun, was ich auch anfange, irgendwann taucht immer eine Leiche auf.
Wenn ich allerdings so über verschiedene bekannte Geschichten nachdenke, ist es häufig auch einfach die Form, wie etwas erzählt wird, die aus einer Geschichte eine Horrorgeschichte oder zumindest einen Psychothriller machen kann oder eben nicht. In vielen Texten steckt das Potenzial dazu, und oft verbirgt es sich nicht einmal in der eigentlichen Handlung, sondern eher in Nebensächlichkeiten.
Nehmen wir nur einmal die guten alten Märchen. Daß diese Überlieferungen manchmal Geschehnisse beschreiben, die nicht unbedingt kindgerecht sind, wissen wir alle, aber sie besitzen eben den Bonus einer Jahrhunderte alten Tradition. Oder würden Sie einer Fünfjährigen zu Weihnachten ein Buch schenken, das von Meuchelmorden und menschenfressenden Hexen handelt? Ich würde zumindest gründlich darüber nachdenken. Doch um diese allseits bekannten Dinge geht es mir weniger.
Ich denke da vielmehr an die Bestandteile, die nur am Rande erwähnt werden. Wie wäre es zum Beispiel mit Schneewittchen? Eine junge, schöne Frau, die mit sieben alleinstehenden Männern zusammenlebt, was für eine seltsame Konstellation. Sexuelle Auslegungen gab es schon genug, man denke nur an Otto Walkes und die emporschießenden Zipfelmützen. Die erste Hippiekommune? Warum nicht? Was aber, wenn alles ganz anders verlief? Wenn diese Zwerge in Wahrheit an einer gewöhnlichen Beziehung gar kein Interesse gehabt hätten? Natürlich ist es schrecklich, von der eigenen Stiefmutter verfolgt zu werden, doch die Vorstellung, nach dem gewaltsamen Tod in einem gläsernen Sarg aufbewahrt zu werden, finde ich um Längen morbider, und sie bietet Spielraum für alles Mögliche.
Es sind oft die Kleinigkeiten, die über die Wirkung einer Geschichte entscheiden. Auch bei Dornröschen gibt es solch eine Kleinigkeit, die gerade mal einen Nebensatz lang Beachtung findet. Da gibt es den Fluch, das schlafende Mädchen und natürlich den tapferen Prinzen, der sie rettet. Was aber ist mit den vielen, die es vor ihm versucht haben? Eine Dornenhecke, in der hunderte von Leichen hängen, in den verschiedensten Stadien der Verwesung? Eine Fundgrube für angehende Rechtsmediziner und wahrlich ein Ort, dessen ausführliche Beschreibung auch Erwachsenen schlaflose Nächte bereiten könnte.
Das waren nur zwei Beispiele, aber die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Und mir zumindest zeigt diese Betrachtung, daß sich in einer Idee sehr viele Geschichten verstecken können, und wenn man nur die Gewichte ein wenig anders verteilt, ergibt sich etwas vollkommen anderes. Etwas Beängstigendes, das einem die Nackenhaare aufrichtet, eine bitterböse Satire - oder eben einfach ein Märchen.

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