Sonntag, 6. November 2011

Ein Autor in unserer Familie - Ein paar hilfreiche Strategien für den Ernstfall

Sie haben in Ihrem Leben schon so mancher Krise getrotzt, waren für Ihre Lieben stets der Fels in der Brandung, der zu jedem Problem einen Rat wußte, doch diesmal hat es Sie kalt erwischt. Sie stecken in einer Situation, mit der Sie niemals gerechnet hatten, über Nacht hat sich eine fremde Lebensform in Ihren Alltag geschlichen, in Form eines jungen Mannes, den Sie bis vor kurzem noch stolz Ihren Schwiegersohn genannt haben und der Ihnen bis gestern noch vollkommen normal erschien. Nun hat er sich geoutet, und Sie wissen nicht, wie Sie mit den Neuigkeiten umgehen sollen. Nein, er vergnügt sich in seiner Freizeit nicht als Gewaltverbrecher, er ist weder schwul noch scheint er sich häufiger zu besaufen als andere in seiner Altersgruppe. Er trägt ein viel schlimmeres Geheimnis mit sich herum, düster, abartig und irgendwie auch faszinierend. Er schreibt an einem Buch!
Doch bevor Sie nun schreiend im Vorgarten verschwinden, um sich in der Regentonne zu ertränken, halten Sie einen Moment inne, denn hier gibt es ein paar hilfreiche Strategien für den Ernstfall.

Das Ablenkungsmanöver
Vielleicht haben Sie Glück, und Sie treffen auf die harmloseste Variante dieser Spezies. Hier haben wir es mit dem Typus labiler Tagträumer zu tun, auch als das "Wat wär et schöööön"-Syndrom bekannt. Diese relativ weit verbreitete Form der Erkrankung nimmt in der Regel einen recht milden Verlauf. Die einzigen Symptome bestehen in gelegentlichen gedanklichen Abschweifungen. Es überwiegt der Wunschtraum, eines Tages ein, möglicherweise sogar bekannter, Schriftsteller zu werden. In diesem Stadium ist es nur selten notwendig, ernsthafte Gegenmaßnahmen zu ergreifen, denn noch ist der Familienfriede nicht wirklich gefährdet. Der Betroffene ist leicht durch gutgemeinte Ratschläge wie etwa "Wolltest du nicht Tennis spielen lernen?" von seinem düsteren Vorhaben abzubringen. Oft existiert noch nicht einmal ein Manuskript, das er Ihnen mit leuchtenden Augen unter die Nase halten könnte. Sollte er jedoch bereits konkrete Pläne äußern, so lauschen Sie andächtig seinen Ausführungen, ohne ihn zu unterbrechen, schieben Sie ein bewunderndes "Oh" oder "Ah" an den passenden Stellen ein, bevor Sie Ihr Ablenkungsmanöver starten.

Schlimmer sieht es hingegen aus, sollte der junge Mann bereits ausgeprägtere Symptome zeigen. Versinkt er immer wieder in Gedanken über seine Geschichte oder verkriecht er sich gar an einem stillen Ort, um tatsächlich den geplanten Roman in Angriff zu nehmen, ist es Zeit für drastischere Maßnahmen. Laute Musik kann helfen, den Geplagten wieder in die Realität zu holen, auch das gelegentliche Fallenlassen eines Topfdeckels auf Steinfußboden erfüllt seinen Zweck, doch kann dies nicht die Lösung sein. Was also ist zu tun, wenn der Unbelehrbare nicht auf Sie hören will. Sie wissen, was es bedeutet, einen Künstler in der Familie zu haben. Er wird sein ganzes Gehalt für Druckerpatronen und Kugelschreiberminen ausgeben, nicht mehr regelmäßig zum Friseur gehen und seine Frau und die Kinder nach und nach ins Elend stürzen. Schon sehen Sie diesen adretten Jungen mit tiefen Augenrändern im Unterhemd durch die abgedunkelte Wohnung schleichen, unzusammenhängende Laute stammeln, während er in den Händen das Absageschreiben eines Verlages zerknüllt. Doch soweit muß es nicht kommen.

Gehen wir also vom schlimmsten Fall aus. Der Roman ist bereits in weiten Teilen geschrieben und, was noch viel schlimmer ist, Ihre Tochter hat sich inzwischen von dieser verrückten Idee anstecken lassen und unterstützt ihn sogar in seinen Bemühungen. Nun tritt der aufstrebende Jungautor mit stolzgeschwellter Brust an die Person heran, die er neben seiner Frau am meisten zu beeindrucken sucht. An Sie, seine Schwiegermutter. Ihnen wird die Ehre zuteil, das Werk zu lesen und zu beurteilen. Dieser Schritt ist wichtig, denn er zeugt immerhin von einem Rest Vertrauen und erspart Ihnen den unangenehmen Gang in das verlassene Schlafzimmer der beiden, um das Manuskript heimlich zu lesen. Und hier tritt Schritt Nummer zwei in Kraft:

Die Demoralisierung
Sie werden also das Buch Ihres Schützlings lesen, zumindest so gründlich, daß Sie eventuellen Rückfragen glaubwürdig begegnen können. Lassen Sie sich Zeit damit, so erhält Ihr Schwiegersohn ausreichend Gelegenheit, doch noch von selbst zur Besinnung zu kommen. Verhält er sich auffällig nervös und gereizt, können Sie während dieser Zeit noch einmal vorsorglich auf den Tennisclub verweisen. Doch irgendwann wird es zur Konfrontation kommen. Seien Sie also vorbetreitet. Sie sollten eine mitfühlende Miene aufsetzen, während Sie ihn zu einem Gespräch unter vier Augen bitten. Bieten Sie ihm einen Stuhl an, er wird ihn brauchen. Dann folgt der schwierigste Teil. Sie werden ihm taktvoll und in aller Höflichkeit erklären, wie unsinnig sein Bestreben ist. Selbstverständlich haben Sie sich zuvor jeden noch so kleinen Fehler auf einem Zettel notiert, doch sollten Sie mit den grundlegenden Mängeln beginnen. Und keine Sorge: es ist nur natürlich, daß er sich zunächst gegen Ihre Kritik sträubt, wer hört schon gerne, daß er da hunderte von Stunden in ein einschläferndes und vollkommen sinnentleertes Stück Text investiert hat, aber glauben Sie mir, Sie erweisen Ihrer gesamten Familie damit einen guten Dienst. Sollte er Sie als Hexenbesen oder Giftnudel beschimpfen, so zeigt dies nur, wie tief sich die Krankheit bereits in seiner Denkstruktur verankert hat. Im schlimmsten Fall können Sie auch ein wenig auf die Tränendrüse drücken und ihre Tochter zu Hilfe rufen. (Hysterische Anfälle mit vorgetäuschter Ohnmacht haben sich in der Vergangenheit als zu riskant erwiesen, da es bei ungünstigem Fallwinkel leicht zur Beulenbildung kommt)

Herzlichen Glückwunsch! Als treusorgende Mutter und Schwiegermutter haben Sie die härteste aller Prüfungen auf sich genommen, um einem jungen Menschen auf den rechten Weg zurückzuhelfen. Niedergeschlagen und wortkarg hat er Ihre Wohnung verlassen, vielleicht noch ein wenig trotzig, doch schon bald wird er sich ihre Worte zu Herzen nehmen und erkennen, wie recht Sie hatten. Sollte dieser Fall nicht eintreten und sich stattdessen nun Ihre gesamte Familie von Ihnen abwenden, versuchen Sie es einfach mal mit Tennis spielen. Das ist zumindest gesünder als der Gang zur Regentonne...

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