Freitag, 11. November 2011

Online Marketing - Die Tragödie der Amalie Augenstern

Die meisten Autoren, die sich im Internet tummeln, haben es längst erkannt. Es genügt heutzutage nicht mehr, ein gutes Buch zu schreiben, man muß auch etwas dafür tun, daß die Leser dieses Buch finden, überhaupt von seiner Existenz erfahren. Zu diesem Zweck bietet das Netz eine bunte Vielfalt an Möglichkeiten. Doch das wichtigste ist es meiner Meinung nach, authentisch zu bleiben, die eigenen Wertvorstellungen nicht aus den Augen zu verlieren. Wer in seinem Eifer der Verlockung erliegt, gar obskure Angebote in Anspruch nimmt, wird bald nicht mehr ruhigen Gewissens in den Spiegel sehen können.
Und da ich für mein Leben gern Geschichten erzähle, möchte ich diese These anhand einer kleinen Geschichte erklären. Nehmen wir also als Beispiel eine fiktive Autorin.
Erna Müller schreibt Geschichten, und das seit einigen Jahren. Nun hat sie von der Möglichkeit erfahren, ihre Texte über Amazon als eBook zu veröffentlichen, und obwohl ihr Mann Winfried sie für verrückt erklärt, wagt Erna das Experiment. Mit Photoshop bastelt sie sich ein farbenfrohes Cover mit einem Einhorn drauf, denn Erna schreibt ausschließlich Einhorngeschichten, dann sucht sie sich ein Pseudonym, und los geht's.
Über Nacht ist nun aus der Metzgersfrau Erna Müller die Fantasy-Autorin Amalie Augenstern geworden. Auch ihr Profilbild wirkt nach der Weichzeichnerbehandlung um zwanzig Jahre jünger, die dicke Warze am Kinn hat sie gleich ganz wegretouschiert.
Erna ist kaum noch vom Bildschirm wegzukriegen. Immer wieder muß sie ihre Einhorngeschichten betrachten, die jetzt endlich zum Verkauf stehen. So stolz war sie in ihrem ganzen Leben noch nicht.
Zwei Wochen später hat die Begeisterung schon etwas nachgelassen. Genau vier Leute haben ihr Buch bis jetzt erworben, ihre Einnahmen belaufen sich somit auf knappe zwei Euro. So wird das vorerst nichts mit dem neuen Sportwagen. Doch so leicht läßt sich Erna nicht unterkriegen. Sie googelt ein bißchen durch die Gegend, und bald ist klar, woran es ihr mangelt. Werbung heißt das Zauberwort. Winfried, der die ganze Sache für eine milde Form von Wechseljahrsneurose hält, seufzt nur leise vor sich hin, doch Erna ist nicht mehr zu bremsen. Sie meldet sich bei Facebook und Twitter an, und sie legt sich einen rosaroten Einhornblog zu. Doch damit ist es nicht getan. Amalie Augenstern, die neueste Fantasyentdeckung, hat leider nicht wirklich viel zu sagen. Auf ihrem Blog postet sie vor lauter Verzweiflung Gulaschrezepte, denn davon versteht sie was. Nachdem sie auf Twitter stündlich dieselbe Werbung getweetet hat, sind von ihren 18 hart erkämpften Verfolgern sechs wieder im Nirgendwo verschwunden, und ihre Facebookseite hat gerade mal drei Fans, die rein zufällig alle denselben Nachnamen tragen. Erna ist verzweifelt. Um sich mit ihren Verwandten zu unterhalten, braucht sie kein Internet. Jetzt versucht sie es über die Kundschaft.
Sie druckt kleine Zettel mit der Adresse ihrer Facebookseite aus und verteilt sie im Laden an Stammkunden, doch niemand reagiert darauf. Als schließlich ein älterer Herr bemerkt, er habe keine Firma namens Facebook im Telefonbuch finden können, bricht Erna die Aktion ab. Eine Woche lang schaut sie den Computer überhaupt nicht mehr an.
Doch irgendwann treibt sie die Neugier wieder zurück an den Schreibtisch. Ein weiterer Mensch hat ihr Buch heruntergeladen, sie hat drei neue Follower erbeutet und sogar einen fünften Fan auf ihrer Seite. Es ist Herr Haferkamp, der freitags immer kommt, um frische Schälrippchen zu kaufen.
Auch auf ihrem Blog gibt es ein paar Kommentare, allerdings nur zu ihren Gulaschrezepten. Wie auch immer, Erna ist bereit, dazuzulernen.Sie postet weitere Rezepte und erzählt ein paar Anekdoten aus der metzgerei. Das interessiert die Leute. Doch noch immer fehlt ihr die treibende Kraft, und Erna wird klar: was sie braucht, sind Fans. Nicht diese kreischenden Teenager, die die Vorgärten irgendwelcher Sänger belagern, die Fans im Internet sind viel zivilisierter. Sie kaufen brav das angebotene Buch und hinterlassen anschließend wo sie gehen und stehen, ihre Lobeshymnen, so zumindest stellt Erna Müller sich das vor. Ein weiterer Aspekt, der die Geschichte für sie umso spannender macht, ist die Tatsache, daß man jedem, der zufällig vorbeistolpert, seine Fans und Verfolger stolz präsentieren kann. Doch Erna hat noch immer keine Ahnung, wo sie diese Leute auftreiben könnte.
Dann, eines Tages, stößt sie zufällig auf eine Annonce. "Facebook-Fans bestellen. 300 Stück nur 29,99 Euro" Erna ist wie elektrisiert. Zuerst fühlt sie sich ein wenig unwohl bei dem Gedanken, doch nach ein paar Tagen ist sie überzeugt, dieses Wagnis eingehen zu können. Solange Winfried nichts davon erfährt, ist die Sache in Ordnung. Ein seltsames Gefühl bleibt trotzdem zurück. Irgendwie kommt es ihr vor, als würde sie ein paar Statisten anheuern, die vor ihrer Fleischtheke herumlungern, damit es in der Metzgerei nicht so leer aussieht, doch sie verbietet sich, weiter darüber nachzudenken.
Kaum ist das Geld überwiesen, treffen die ersten Klicks ein. Die Firma hat nicht zuviel versprochen. 47 Fans schmücken bereits am ersten Tag die Seitenleiste. Erna strahlt und kommt sich vor wie eine Kopfjägerin. Eine Woche später sind es genau 304, nicht zuwenig, aber auch keiner mehr. Die Einhornautorin Amalie Augenstern hat sich inzwischen in ein geiferndes Ungeheuer verwandelt, das nur noch um diese erbarmungslose Kiste auf dem Schreibtisch herumschleicht. Erna heult und tobt. Sie will doch nur ein paar echte Fans, aber niemand scheint sich wirklich für ihre Seite zu interessieren. Das einzig florierende scheint ihr Blog zu sein. Täglich tauchen dort etliche Hausfrauen auf, um mit ihr über neue Gulaschrezepte zu diskutieren. Dann eines nachts, als Erna neben dem schnarchenden Winfried vergeblich einzuschlafen versucht, hört sie plötzlich ein Geräusch draußen vor dem offenen Fenster. Sie bekommt eine Gänsehaut. Und plötzlich schlüpft ein Schatten aus den Büschen und gleitet leise über die Tür ihrer Bauernkommode. Er ist viel kleiner als der Schatten eines Menschen, nur eine gesichtslose Silhouette, doch das schlimme ist, er ist nicht allein. Immer mehr dieser zweidimensionalen Gestalten schweben jetzt durchs Zimmer, kommen immer näher auf sie zu, und Erna beißt in ihr Kopfkissen, um nicht laut aufzuschreien. Ihr Winfried ist nach seinem Feierabendbier mal wieder zu nichts zu gebrauchen und grunzt bloß lethargisch vor sich hin, als sie ihn wecken will. "Du hast für uns bezahlt", wispern die Schatten ganz nahe an ihrem Ohr. "Jetzt gehören wir für immer dir..."


Und damit endete die hoffnungsvolle Karriere der Amalie Augenstern. Was in jener Nacht tatsächlich im Schlafzimmer der Müllers geschah, konnte nie ganz geklärt werden, doch als Winfried am kommenden Morgen erwachte, fand er seine Frau mit weit aufgerissenen Augen in einer Ecke des großen Bettes vor. Sie murmelte unverständliche Worte und mußte alsbald in eine psychiatrische Einrichtung gebracht werden, wo sie noch immer lebt. An ihrem Zustand hat sich bis heute nichts geändert. Einige Wochen nach diesem bedauerlichen Vorfall machte sich Winfried an seinem freien Tag daran, im Internet nachzuschauen, was seine Frau dort all die Tage getrieben hatte, und er stieß dabei auf einen Blog mit mehreren hundert Mitgliedern, die sich angeregt über die unterschiedlichsten Gulaschrezepte austauschten. Da der Metzger Winfried Müller auch ein leidenschaftlicher Koch war, sammelte er all diese Rezepte und machte daraus ein Buch mit dem Titel "Gulasch für Einhörner", das über Nacht ein Bestseller wurde. Auch Ernas Fantasygeschichten fanden nach und nach einige tausend Anhänger. Und als Winfried einige Jahre später die Metzgerei an seinen Sohn übergab, war er bereits ein erfolgreicher Kochbuchautor.
ENDE

Was ich mit dieser Anekdote sagen will? Keine Ahnung, vielleicht erzähle ich einfach gerne Geschichten. Aber vielleicht hat sie doch eine Aussage, nämlich daß es beim online Marketing immer auch auf Geduld ankommt und darauf, sich nicht auf Angebote einzulassen, die man später bereuen könnte, selbst wenn sie im ersten Moment noch so verlockend erscheinen mögen.
Ich habe übrigens auch eine Autorenseite auf Facebook, aber die Fans sind alle echt und nirgendwo im Multipack erworben. Wenn Sie Lust haben, dürfen Sie gern einmal reinschauen. Ich würde mich freuen. :)

Kommentare:

  1. Haha. Gern gelesen. Danke. Rückmeldung: Schwarze Schriften auf grünen Hintergrund lassen sich schwer lesen für meine Augen. LG Wenyue

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  2. Hallo Wenyue,
    freut mich, wenn dir der Artikel gefallen hat. Schlecht zu lesen? Hm, das ist schade, ich hab keine Probleme mit der Schrift. Liest du am PC oder an einem Tablet? LG Birgit

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  3. Am PC. Es geht um Kontrast. Vielleicht eine hellere Farbe lässt sich besser auf dunkelgrünen Hintergrund lesen. LG Wenyue

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  4. Hm, ich hatte vorher eine hellere Schriftfarbe, aber die konnte man noch schlechter lesen. Und das grün kann ich nicht verändern. Ich warte mal ab, vielleicht kommen ja noch ein paar Stimmen dazu. Ich kann es eigentlich gut lesen.

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