Montag, 21. November 2011

Treue Helfer


Auch wenn viele es nicht glauben wollen, es gibt tatsächlich ein Leben neben dem Schreiben, genauer betrachtet sind Autoren ja auch nur eine Art Menschen. Sie essen und schlafen mehr oder weniger regelmäßig, und solange sie noch nicht in der Lage sind, eine eigene Putzkolonne aus dem Hut oder vielmehr aus dem Sparschwein zu zaubern, läßt sich auch die Hausarbeit nicht vollständig ausblenden, so sehr man sich auch darum bemüht.
Doch hat sich in dieser Hinsicht in den letzten 100 Jahren einiges verändert. Schon in den Siebzigern besang Johanna von Koczian das „Bißchen Haushalt“, und im Gegensatz zu früher mag da tatsächlich etwas Wahres dran sein, wenn man bedenkt, wie unsere Mütter und Großmütter sich noch mit Waschbrett und Kernseife abmühten oder den Brotteig zum Bäcker trugen. Wo früher Muskelkraft gefordert war, genügt heute für viele Dinge ein einziger Knopfdruck. Eine ganze Schar elektronischer Gehilfen steht bereit, um uns den größten Teil der Arbeit abzunehmen. Wenn denn alles so funktioniert, wie vom Hersteller erdacht. Denn es gibt eben auch die anderen, unheimlichen Erfahrungen, die die moderne Technik zuweilen mit sich bringt, und gerade als phantasiebegabter Mensch kommt man da hin und wieder auf die absonderlichsten Gedanken.
Kaum jemand traut sich, offen darüber zu reden, aber die meisten haben es längst bemerkt. Einige unserer summenden und quirlenden Kameraden besitzen wahrhaft ein Eigenleben. Noch ist die Hemmschwelle zu hoch. Kein Forscher wird es wagen, eine großangelegte Studie über das Seelenleben elektrischer Dosenöffner anzustellen, und auch die Frage, ob Rasenmäher ein Klimakterium durchleben, wird viel zu selten aufgegriffen. Doch ich weiß, wovon ich rede, auch wenn ich über einen langen Zeitraum hinweg versuchte, das Offensichtliche zu verdrängen. Da gab es den Kassettenrekorder aus Kindertagen, der eine Abneigung gegen Hui Buh-Kassetten entwickelte, den heimtückischen Radiowecker, der trotz korrekter Einstellung mit Vorliebe gegen drei Uhr früh die ganze Familie mit Volksliedern beschallte, doch niemand in meiner Umgebung nahm diese ersten Anzeichen damals besonders ernst. Und wirklich hatte ich es über Jahre und Jahrzehnte hinweg mit äußerst unkomplizierten Hausgenossen zu tun, selbst das Bügeleisen hörte irgendwann auf, Funken zu sprühen. So verlief mein Leben in geregelten Bahnen, und ich war schon geneigt, meine anfängliche Skepsis endlich zu begraben. Bis ich letztes Jahr zu Weihnachten einen eReader geschenkt bekam.
Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist ein entzückendes kleines Gerät. Es liegt gut in der Hand und man kann es prima statt des abgewetzten rosa Stoffkaninchens zum Kuscheln mit ins Bett nehmen, und niemand wird einen für infantil halten oder sich darüber lustig machen. Lesen kann man selbstverständlich auch darauf, allerdings nur in kleinen Abschnitten, denn ungefähr alle fünf bis zehn Minuten geht Ready schlafen. Niemand weiß, warum er das tut, er macht ganz einfach die Äuglein zu und möchte neu eingeschaltet werden. Nun gut, überlegte ich, womöglich ein Fabrikationsfehler, vielleicht braucht er auch nur mehr Zuwendung, kurz, ich hätte mir nichts weiter dabei gedacht, wäre es bei diesem einen Mysterium geblieben. Doch kurz darauf folgte die Sache mit dem Toaster. Es ist ein ziemlich neuer Toaster, wohlgemerkt, ein ganz windschnittiges Modell mit chromglänzenden Flanken und integriertem Brötchenaufsatz. Nicht so niedlich wie mein Reader, aber ich will ihn ja auch nicht mit ins Bett nehmen. Doch vielleicht war genau das mein Fehler. Beim ersten Toasten passierte noch nichts. Mit einem metallischen Klonk schoß der Funktionshebel in die Höhe und verkündete mir, die Brötchen seinen fertig zum Wenden. Kein Rauch, keine Flammen, alles war in bester Ordnung. Siehst du, sagte ich zu meinem Reader, an dem könntest du dir mal ein Beispiel nehmen. Am nächsten Morgen bückte ich mich gerade, um die Marmelade aus dem Kühlschrank zu holen, als mich das erste Brötchen am Hinterkopf traf und anschließend neben dem Küchenschrank auf den Boden klatschte. Und damit brach die Revolte los.

Am darauffolgenden Tag begann mein Staubsauger, im Einklang mit meinem Reader, alle zehn Minuten eine Pause einzulegen, die Waschmaschine piepste lange vor ihrer Zeit und der Plattenspieler leierte mit 45 Umdrehungen pro Minute vor sich hin, ganz gleich, welche Geschwindigkeit man eingestellt hatte. Was sollte ich tun? Einen Psychologen engagieren? Omas Waschbrett vom Speicher holen?  Ich beschloß, auf keinen Fall klein beizugeben. Wer teilt schon gern sein Bett mit einer eifersüchtigen Waschmaschine? Schließlich kam mir ein anderer Gedanke. Sie wollten Aufmerksamkeit, sie sollten sie bekommen. „Ich werde heute einen neuen Artikel für mein Blog schreiben“, sprach ich heute morgen laut vor mich hin, in der Hoffnung, keiner meiner Nachbarn möge gerade mit gespitzten Ohren an meiner Wohnungstür vorbeikommen. „Und ihr werdet die Hauptrolle darin spielen.“ Und tatsächlich hat es seitdem keine weiteren Katastrophen mehr gegeben. Alles verläuft so ruhig, als wäre nie etwas derartiges geschehen.

Eine großartige Idee, finden Sie? Ja, das dachte ich auch, bis vor ein paar Minuten meine Glühbirne zu flackern begann. Dann hörte ich ein eigenartiges Summen aus der Küche. Ich tippe diese Zeilen ganz vorsichtig, in der Hoffnung, mein PC möge gerade mit den Gedanken woanders sein und nicht mitbekommen, daß ich vergaß, ihn zu erwähnen.  Das Summen wird lauter. Ich glaube, ich gehe erst einmal eine Runde spazieren. Und morgen früh werde ich mich wohl als erstes auf den Speicher begeben. Wer weiß, vielleicht steht dort oben sogar noch die alte Kofferschreibmaschine. Schade nur, daß die keinen Internetanschluß hat...
Mehr zu diesem Thema gibt es heute auch von meiner Kollegin Regina Mengel, die ihre ganz eigenen Erfahrungen mit der lieben Technik gemacht hat. Ihren Beitrag finden Sie hier.

Kommentare:

  1. Das kenne ich. Mein Kühlschrank gibt schon seit einer Weile seltsame Geräusche von sich... fast wie ein Stöhnen. Ich hoffe nur, es geht ihm gut. Wenn niemand zu Hause frage ich was ihm fehlt aber er antwortet nicht. Was soll ich nur tun?

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  2. Gerade erhielt ich Werbung von amazon - schon merkwürdig, als ob die unsere Blogs lesen würden:
    "Bis 100 EUR Sparen: Elektronik-Bonuswochen" ....

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  3. @Regina: Wah, wo ist er, der große Bruder?

    @Birgit: Hm, das klingt bedenklich. Im Bett macht er sich wohl nicht gut, bißchen kühl, vermutlich. Vielleicht solltest du ihm auch mal eine Geschichte widmen. :)

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