Dienstag, 15. November 2011

Vielohrhasen und andere Katastrophen

Auf dem Blog meines geschätzten Kollegen Oliver Fehn stieß ich heute auf einen Artikel über Leute, die anderen zu dicht auf die Pelle rücken, was mich wiederum zu ein paar kleinen, aber tiefschürfenden Gedanken inspirierte. :)
Als Autor hat man es, wie jeder andere Mensch auch, mit einer Vielzahl unterschiedlichster Zeitgenossen zu tun. Eine dieser Gruppen sind die sogenannten Vielohrhasen oder auch Riesenlöffler, wobei der Vergleich ein wenig hinkt, denn diese Leute verfügen über mannigfaltige Sinnesorgane, sie sehen alles, hören alles und sind auch sonst immer mit dabei, wenn es um den neuesten Tratsch geht. Der typische Vielohrhase ist zu zwei Dritteln weiblicher Natur, zeichnet sich durch eine beachtenswerte Sammlung guter Ratschläge aus, die er oder sie zu jeder Tages- und Nachtzeit willkürlich unter seinen Mitmenschen verteilt und neigt zu frühzeitiger Faltenbildung, weil sich seine Mimik sofort wütend verkrampft, wenn er keine Möglichkeit sieht, an die gewünschten Informationen heranzukommen oder gar, was noch viel schlimmer ist, ein entscheidendes Ereignis verpaßt hat. Die Nachbarin ist ins Krankenhaus gekommen? Mit dem Rettungswagen? Und ich war nicht zu Hause!
Nun sieht sich der hoffnungsvolle Jungautor ohnehin mit einigen Problemen konfrontiert. Da sitzt Männlein oder Weiblein also tagein, tagaus vor seinem Rechner, tippt bis die Fingerkuppen schwellen, während ihm schon vom Vitamin D-Mangel die Haare ausgehen. Und wenn man ihm hin und wieder auf der Straße begegnet, blinzelt er die ganze Zeit, weil er das Tageslicht nicht mehr gewöhnt ist. Eine Erleichterung brachte die Erfindung des Laptops mit sich. Seitdem hat auch der angehende Bestsellerautor endlich wieder Gelegenheit, sein Haus zu verlassen. Jetzt sitzt er also in seinem Schrebergarten, wo er sich neben seinem neuesten Roman der Bekämpfung hunderter Stechmücken widmet, und es könnte alles so idyllisch sein, wäre da nicht die Nachbarin, die schon seit einer halben Stunde neugierig über den Zaun herüber starrt.
Nun ist es vielen Autoren peinlich, von ihrer Umwelt als solche erkannt zu werden, zumindest, solange der Welterfolg noch auf sich warten läßt. Die ganze Geschichte wird also zunehmend durch die selbstauferlegte Tarnung erschwert, die meist doch nicht lange funktioniert. Sie glauben, daß Ihre Nachbarin nichts über Sie weiß? Oh, Sie irren sich gründlich. Der typische Vielohrhase weiß ALLES über Sie. Er kennt Ihre Schlafgewohnheiten, Ihre sexuellen Vorlieben, und über Ihr geheimes Toupet weiß er schon lange Bescheid. Aber diesmal wird er auf Granit beißen. Sie legen sich also eine Strategie zurecht. Der Laptop erscheint Ihnen inzwischen viel zu verdächtig, also wechseln Sie zu Kugelschreiber und Collegeblock. Doch Ihr Temperament läßt die Fassade nur allzu schnell bröckeln. Im Bus ziehen Sie sämtliche Blicke auf sich, weil sie bei jedem Schlagloch laut zu fluchen anfangen, beim Zahnarzt fallen Sie unangenehm auf, weil Sie auch auf den fünften Ruf der Sprechstundenhilfe nur mit einem argwöhnischen Brummen reagieren. Dabei sind Sie vollkommen im Recht, wer will sich schon einer Wurzelbehandlung unterziehen, während er eigentlich gerade an der Seite seines Protagonisten die Welt retten sollte?
Außerdem ist dieses Versteckspiel auf die Dauer ungesund. Sie bekommen einen Buckel, weil Sie sich ständig beim Schreiben zur Seite lehnen, damit ihnen niemand der Anwesenden über die Schulter schauen kann. Auch der Versuch, ihre Stenografiekenntnisse aus der Berufsschule zu reanimieren, ist fehlgeschlagen. Zuhause brauchten Sie anschließend Stunden, um Ihre eigene Geheimschrift wieder zu entziffern. Also wieder zurück ins finstere Kämmerlein? Die Rolläden herunterlassen, damit der Vielohrhase von gegenüber vor Wut seinen Operngucker gegen die Wand wirft?
Doch irgendwann kommt unweigerlich die verhaßte und zugleich befreiende Frage. Was schreibst'n da eigentlich? Freuen Sie sich. Atemen Sie tief ein und erzählen Sie in allen Einzelheiten von Ihrem Projekt, denn das ist es doch, was Sie eigentlich schon die ganze Zeit tun wollten. Was danach geschieht? Nun, das richtet sich nach der Kategorie des Fragestellers. Wenn Sie Pech haben, nickt derjenige ein paarmal interessiert und zuckt gegen Ende Ihres explosiven Vortrags nachsichtig die Schultern. Ach so, ein Buch.
Haben Sie jedoch einen Vielohrhasen vor sich, oder zumindest jemanden, der mit einem solchen in Verbindung steht, wird sich Ihr Geheimnis in Windeseile herumsprechen. Man wird sie im Supermarkt ansprechen, vielleicht will Ihr Urologe ein Autogramm von Ihnen haben. Die Leute in Ihrer Straße werden ein paar Wochen lang verlegen in eine andere Richtung starren, wenn Sie aus der Haustür kommen. Lassen Sie Ihren Nachbarn diese Zeit. Sie brauchen eben eine Weile, um Sie gedanklich in einer anderen Schublade zu verstauen. Irgendwann sagen Ihnen die vertrauten Blicke, daß die Sache ausgestanden ist. Für Ihre Freunde sind Sie endlich wieder der harmlose Spinner, und wenn Sie jetzt in Ihrem Schrebergarten sitzen, den Schreibblock auf einem Knie, die Fliegenklatsche auf dem anderen und Ihre Nachbarin Sie seit einer halben Stunde anstarrt, dann wissen Sie zumindest eines: über Ihr Buch zerbricht sie sich nicht den Kopf!

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