Donnerstag, 8. Dezember 2011

Das achte Türchen

Den Tod im Herzen

Achtes Kapitel


Entsetzt drehte Färber sich um. Sein Freund lag am Boden, beide Hände vors Gesicht geschlagen, er krümmte sich zusammen, als hätte er Bauchschmerzen, aber Färber erkannte schnell, dass das nicht der Grund sein konnte. Der Floralis hatte ihn mitten im Gesicht erwischt. Das Netz lag etwa einen Meter neben Ammann, und darin verfangen zappelte die Wasserschlange, die auf dem Boden viel von ihrer majestätischen Erscheinung eingebüßt hatte. Sie sah aus wie ein zu groß geratener Blutegel.

Färber griff nach dem ersten Gerät, das ihm in die Finger kam. Mit einem Schraubenzieher bewaffnet kehrte er zurück. Doch die Schlange lag vollkommen reglos, nur hin und wieder zeigte sich ein letztes schwaches Zittern. Offenbar konnte sie nur sehr kurze Zeit außerhalb des Wassers überleben. Färber tippte sie mit der Schuhspitze an und schob sie ein Stück zur Seite. Dann kniete er neben Ammann nieder, der aufgehört hatte zu schreien. Färber berührte seinen reglosen Kollegen an der Schulter und erschrak, als dessen Kopf zur Seite fiel. Ammann atmete, immerhin, aber sein Gesicht sah entsetzlich aus. Stirn und Wangen wirkten, als habe man ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, große Brandblasen überzogen die linke Gesichtshälfte. Das Schlimmste jedoch war sein linkes Auge, das nun unter einem milchigen Schleier verborgen war.
„Matthias. He, Matthias!“ Hilflos rüttelte er den Verletzten an der Schulter, sein Gesicht wagte er nicht zu berühren. „Ich rufe Hilfe“, stammelte er und griff nach dem Telefonhörer.

„Es ist alles in Ordnung“, redete Sawatzki wenige Minuten später auf den Verletzten ein. Ammann wirkte mehr tot als lebendig, aber er war bei Bewusstsein.
Färber erschauerte, als Ammann wieder zu stöhnen begann. „Nicht bewegen“, riet er. „Er braucht einen Krankenwagen. Wir müssen…“
Der Pole sah entsetzt zu ihm auf. „Wir müssen ihn nach oben schaffen, sonst gar nichts. Ich lasse einen Arzt kommen.“
„Und wenn der Arzt fragt, wie das passiert ist?“
Sawatzki schüttelte nachsichtig den Kopf und hob Ammanns Oberkörper an. „Er wird nicht fragen.“

Gemeinsam schafften sie Ammann die Treppe hinauf. Von weitem erkannte Färber einen jungen Mann in zerknitterter Kleidung. Ob das der Neue war?
Am Fuß der Treppe stand Linea. Sie sah aus, als hätte sie geweint.
Färber wartete im Wohnzimmer, auf den Arzt. Er fühlte sich schrecklich allein. Von draußen war nur das Geräusch des Regens zu hören, der gegen die Scheiben trommelte. Er wäre lieber bei Ammann geblieben, aber Sawatzki bestand darauf, dass seine Hilfe nicht benötigt wurde. Färber fröstelte. Wenn seinem Freund etwas geschah, waren sie alle mitschuldig. Trotzdem wagte er nicht, etwas zu unternehmen. Sawatzki kennt sich mit diesen Viechern aus, versuchte er sich zu trösten. Zwei Jahre lang hatte er nach einer Arbeit gesucht, einer ehrlichen, anständigen Arbeit. Aber war es anständig, was er hier tat? Färber dachte an die Summe, die auf seinem Arbeitsvertrag gestanden hatte und schluckte eine Portion Speichel hinunter.
Ammann musste einfach wieder gesund werden. Alles andere war unvorstellbar.

Als es an der Tür klingelte, stürzte er selbst zum Eingang, um zu öffnen.
Draußen stand ein Mann in Jeans und Lederjacke, auf dem Kopf eine schiefsitzende Schirmmütze, die ihm halb über die Augen gerutscht war. Er sah aus wie einer der Typen, die abends in irgendwelchen Billardlokalen herumhingen, ein alternder Student vielleicht. Nicht unsympathisch, befand Färber beim ersten Blick und begrüßte den Doktor. Nur wie ein Arzt sah er eben nicht aus.
„Wo ist der Patient?“ Er stellte sich nicht vor, fragte nicht, was passiert war, stand nur vor Färber und warf ihm einen ungeduldigen Blick zu.
„Oben“, rief Sawatzki von hinten, und der Mann mit der Schirmmütze, die sich vom Regen dunkel gefärbt hatte, machte einen verächtlichen Bogen um Färber herum und stieg die Treppe hinauf.

Färber setzte sich wieder auf die Couch. Er horchte auf jedes noch so kleine Geräusch, das ihm hätte verraten können, wie es um Ammann stand, aber da war nichts. Kein Schrei, kein Stöhnen, nicht einmal die Stimmen der beiden anderen waren zu hören.
Nach einer Ewigkeit öffnete sich oben eine Tür, und der Mann lief leichtfüßig die Stufen hinab, eilte ohne ein Wort an Färber vorbei und war verschwunden.
Jetzt wurde Färber wirklich unruhig. Plötzlich tauchten Bilder in seinem Kopf auf, beängstigende Bilder, schlierenhaft und farblos wie hinter einer Nebelwand verborgen. Er fragte sich, ob Ammann noch am Leben war. Dunkle Gestalten kamen ihm in den Sinn, Menschen ohne Skrupel, die die Mitwisser ihrer Taten bei Nacht und Nebel irgendwo verschwinden ließen. Bevor er diese Vorstellung zu Ende gesponnen hatte, spürte er eine kräftige Hand auf seiner Schulter.

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