Sonntag, 18. Dezember 2011

Das achtzehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Achtzehntes Kapitel

 
Breitbeinig kam der Pole über den Parkplatz auf ihn zu, unter dem Arm eine Tüte mit Brötchen und Färbers Orangensaft.
„Herr Ammann wird heute wieder die Nachtschicht übernehmen“, sagte er und streckte Färber den Trinkbeutel entgegen. „Es geht ihm etwas besser. Außerdem bin ich ja auch noch da.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete er Färbers Platzwunde. „Mein Gott, zwei Unfälle hintereinander. Halten Sie durch bis zum Abend?“
„Sicher.“ Eigentlich war er sich alles andere als sicher. Die Kälte kroch immer weiter unter seine Kleidung, und sein Kopf hämmerte die ganze Zeit, doch der Pole schien davon nichts zu bemerken. Mit einem zufriedenen Grunzen verabschiedete er sich und ging ins Haus.

Später konnte sich Färber kaum daran erinnern, wie er die restlichen Stunden des Nachmittags herumgebracht hatte. Vollkommen durchgefroren stieg er gegen Abend in seinen Wagen und machte sich auf den Heimweg. Er versuchte, an nichts zu denken, das mit seiner Arbeit zu tun hatte. Zuhause holte er den Umschlag mit den 500 Euro aus seiner Schreibtischschublade. Wenn er sich erst eingewöhnt hatte, würde er das Geld nehmen und sich richtig belohnen.
Er machte die Heizung an und verkroch sich unter der Bettdecke, doch die Gedanken drehten sich noch immer in seinem Kopf. Er hatte alles in seiner Macht stehende unternommen. Jetzt war es genug mit diesen Verrücktheiten. Von nun an würde er nur noch funktionieren, seine Arbeit verrichten und an sich selbst denken, das hatte er in den letzten Jahren viel zu selten getan. Doch schon im Halbschlaf holten ihn jene düsteren Klänge wieder ein, die aus dem Rohr im Garten gekommen waren. Färber schaltete die Nachttischlampe aus und umklammerte fest sein Kopfkissen. Nichts, da war nichts gewesen. Kein Schatten, keine Melodie. Nur eine Maschine, die ihn verflucht nochmal nichts anging – nichts angehen durfte, wenn er seinen Job behalten wollte.

Am nächsten Morgen ging es ihm besser. Färber duschte ausgiebig und gönnte sich sogar ein Ei zum Frühstück, obwohl sein Hausarzt ihm die Dinger verboten hatte. Auch der Blick in den Spiegel gab eine erste Entwarnung. Er sah immer noch ein bisschen mitgenommen aus, aber von der Platzwunde war nach einer vorsichtigen Reinigungsaktion nur noch ein kleiner Wundschorf übrig geblieben. Wenn man von den leichten Tränensäcken und der Tatsache absah, dass er den Friseurtermin seit zwei Monaten hinauszögerte, sah er ganz manierlich aus an diesem Morgen.
Das Auto hingegen gefiel ihm weniger. Die Delle war bei genauerem Hinsehen doch ziemlich ausgeprägt, und er fragte sich, ob eine Reparatur überhaupt noch lohnen würde.

Auf Kiaroffs Anwesen war noch alles ruhig. Der Garten sah aus wie immer, der Wind trug ganze Kolonien gelber Eichenblätter spazieren, und der Gärtner, ein altes Hutzelmännlein, das er erst ein paarmal hier gesehen hatte, jagte ihnen fluchend mit seinem Rechen hinterher. Ammann saß in der kleinen Schutzhütte. Offenbar war er eingeschlafen, denn er sah nicht einmal auf, als Färber gegen die Scheibe trommelte. Färber schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg in die Küche, um sich einen Kaffee zu holen. Das Summen war heute wesentlich lauter zu hören als in den Tagen zuvor, es verfolgte ihn durch das ganze Haus. Eine seltsame Spannung lag in der Luft, für die er keine Erklärung hatte.

Sawatzki und Linea saßen am Küchentisch und starrten beide vor sich hin. Eigentlich hatte Färber vorgehabt, sich noch einmal nach Schreier zu erkundigen, aber er verkniff sich die Frage. Stattdessen wandte er sich an Linea. „Wie geht es Ihrem Vater?“
Anstatt seine Frage zu beantworten, tauschte sie nur einen hilfesuchenden Blick mit Sawatzki. Färber betrachtete ihre weißen, beinahe durchscheinenden Hände, die sie unruhig gegeneinander rieb. War es möglich, dass sie angst vor dem Polen hatte?
An ihrer Stelle antwortete Sawatzki: „Es geht ihm nicht gut im Moment.“ Er warf Färber einen durchdringenden Blick zu. „Er ist nicht gesund und auch nicht mehr der Jüngste…“
Das stimmt nicht, dachte Färber. Er dachte an die Zeitungsartikel über das Landmaschinenimperium. Der Mann konnte nicht einmal zehn Jahre älter sein als er selbst, auch wenn er äußerlich wie ein Greis wirkte.

Er nahm seine Tasse mit und ging nach draußen zum Pförtnerhäuschen, obwohl seine offizielle Arbeitszeit noch nicht angefangen hatte. Ohne Schreier würde es ein langer, einsamer Tag werden.
„Wie fühlst du dich?“ wandte er sich an Ammann, der noch immer zusammengesunken an dem kleinen Tisch saß.
„Es wird schon wieder.“ Sein Freund hob den Kopf und versuchte ein Lächeln, das Färber erschrecken ließ. Eine der verätzten Stellen in Ammanns Gesicht hatte zu eitern begonnen. Scheußliche gelbe Fäden durchzogen das rohe Fleisch. Das verletzte Auge tränte.
„Du brauchst einen Arzt“, stellte Färber fest und machte unbewusst einen Schritt zurück.
Ammanns Gesicht verzog sich zu einer unwilligen Grimasse, während er sich mühsam von seinem Stuhl erhob. „Sag mir nicht, was ich brauche. Ich werde mich jetzt ausschlafen, und danach…“
Wie ein gefällter Baum stürzte er nach vorne und riss Färber dabei von den Füßen.


          





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