Freitag, 23. Dezember 2011

Das dreiundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Dreiundzwanzigstes Kapitel


Kiaroff sah vollkommen anders aus als an dem Tag, an dem Färber ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Auch jetzt war seine Haut von einer unnatürlichen Blässe, dennoch wirkte er um Jahre jünger. Ein seliges Lächeln umspielte die Lippen, während er reglos auf der schmalen Holzbank saß und wie gebannt zu dem Becken hinüber starrte, das sich als gewaltige Anlage im Zentrum der Halle erhob. 
Beim Näherkommen bemerkte Färber eine schwere Eisenkette, mit der der Millionär an der Bank festgemacht war. Eine weitere Kette lag zu seinen Füßen. Färber sah zu Linea hinüber, die wie betäubt einige Stufen vor ihm ging. Sie hatte seit Minuten nicht mehr gesprochen, und obwohl Sawatzki ihr Handgelenk so fest umklammerte, dass die Venen auf ihrem Handrücken dick hervortraten, zeigte sie noch immer keinerlei Reaktion.

Niemand kümmerte sich darum, dass Färber ein Stück zurückblieb. Ich könnte einfach gehen, dachte er noch einmal, aber genau das konnte er nicht, und Sawatzki wusste es. Jener unirdische Gesang hatte eine vollkommen andere Qualität angenommen. Die Töne glitten ihm unter die Haut und berührten ihn zutiefst, selbst seine Kopfschmerzen schrumpften zu einem sanften Wummern. Fasziniert erklomm er die letzten Stufen der Treppe, und endlich konnte er sie sehen.

Ihre Haut trug den rosiggrauen Farbton von altem Fleisch, die Gesichter erinnerten auf schreckliche Weise an Menschen. Langes Haar von aschgrauer Farbe wand sich um Körper, die perfekt und dennoch abstoßend erschienen. Ab der Taille gingen ihre Leiber in schillernde Schuppenschwänze über. Die Farben des Regenbogens, dachte Färber, und er musste alle noch verbliebenen Kräfte einsetzen, um seinen Blick von den beiden Kreaturen dort im Wasser abzuwenden. Trotz der Hitze begann er zu frösteln. Sawatzki wandte sich zu ihm um und bot ihm mit einem Haifischgrinsen einen Platz auf der Bank an. Färber stolperte auf ihn zu, seine Beine versagten, und er ließ sich erschöpft fallen.
„Was sind das für…Wesen?“ wandte er sich an Sawatzki. Als der Pole nicht sofort reagierte, wiederholte er seine Frage etwas lauter. Richtig, der Kerl trug einen Gehörschutz.

Plötzlich erstarb der unwirkliche Klang. Jetzt war nur noch das Rauschen des Wassers zu hören, das durch mehrere dicke Rohre ständig erneuert wurde. Kiaroff hob erstaunt den Kopf. Er sah aus, als sei er soeben aus einem tiefen Schlaf erwacht.
„Sirenen“, sagte Sawatzki mit rauer Stimme. „Meerjungfrauen oder Nixen. Die Legenden über diese Kreaturen sind so alt, dass längst niemand mehr an ihre Existenz glaubt.“
Färber schüttelte den Kopf. Er hatte nie etwas Vergleichbares gesehen.
„Woher kommen sie?“ fragte er in die fremdartige Stille hinein.
Kiaroff hob den Kopf und lächelte ihm zu. Freundlich, dachte Färber, und etwas in ihm wollte sich dagegen aufbäumen. Jetzt sind sie alle freundlich, als wäre überhaupt nichts geschehen. Er berührte sein Jochbein, und der scharfe Schmerz weckte ihn endgültig aus seinen Gedanken. Er betrachtete die beiden Geschöpfe, die sich nun auf eine künstliche Insel in der Mitte des Beckens zurückgezogen hatten. Sie schienen ihn aus ihren dunklen Augen anzustarren.

„Woher?“ fragte Kiaroff und warf einen zärtlichen Blick aufs Wasser hinaus. „Was spielt das für eine Rolle? Auf einer meiner Expeditionen haben wir sie gefunden. Und in dem Moment, als ich ihr Lied zum ersten Mal hörte, wusste ich, dass sie jedes Opfer wert sein würden.“
„Opfer“, murmelte Färber, und die Gefahr, die er eben noch geleugnet hatte, schien ihm plötzlich wieder sehr real.
„Ich werde jetzt gehen“, erklärte er mit möglichst gleichgültiger Stimme. „Ich werde alles vergessen, was ich hier gesehen habe und …“ Er sah, wie das Leben endlich auch in Lineas Augen zurückkehrte. Tränen glitzerten darin. „Und ich werde das Mädchen mitnehmen.“ Die Worte kamen ihm ohne nachzudenken über die Lippen, und wie eine Marionette bewegte sich Kiaroffs Tochter auf ihn zu.
Sawatzki lächelte bösartig. „Ihr geht nirgendwohin.“ Langsam hob er die Waffe.
Fieberhaft suchte Färber nach einer Ausrede, die es nicht gab. Linea. Immer wieder tauchte ihr Name in seinen Gedanken auf. Sie war die einzige, die ihm helfen konnte, doch sie hatte nicht die Kraft dazu, ihr blasses kleines Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos.

Sawatzki winkte ihn näher ans Wasser.
„Warte.“ Noch immer hoffte Färber, einen geheimen Sinn hinter allem zu entdecken. Er machte zwei stolpernde Schritte zum Beckenrand und legte eine Hand an die blauen Wandfliesen. Die beiden seltsamen Geschöpfe ruhten noch immer auf dem aufgeschütteten Sandberg. Sie regten sich nicht, doch in ihren dunklen Augen glaubte Färber zu ertrinken. Nur mühsam konnte er den Blick abwenden.
„Was habt ihr mit Schreier gemacht?“ fragte er heiser.
Kiaroff verzog wütend das Gesicht und nickte zu Sawatzki hinüber. „Das hat dieser Idiot zu verantworten. So fest sollte er überhaupt nicht zuschlagen.“
Färber horchte auf. Ein Unfall? Sollte der Tod seines Kollegen gar kein Mord gewesen sein? In ihm nahm eine leise Hoffnung Gestalt an.
„Jetzt heben wir ihn eben auf“, fuhr Kiaroff fort, und das Selbstverständnis in seiner Stimme jagte Färber einen Schauer über den Rücken. „Obwohl er tot nur noch halb soviel wert ist.“
„Wieso?“ Er suchte Halt bei Linea und glitt an ihrem abwesenden Blick ab wie an einer glatten Felswand.
Kiaroff lächelte beinahe zärtlich. „Weil sie an Lebendfutter gewöhnt sind.“
Färbers Gehirn zwang innere Bilder von zappelnden Fischen herauf, doch Sawatzkis trauriges Lächeln ließ sie vor seinen Augen zerspringen.
„Es ist schwer genug, sie in Gefangenschaft zu halten“, sagte der Pole und zuckte bedauernd die Schultern. „Wir haben alles versucht, aber offenbar bekommt ihnen menschliches Eiweiß am besten. Du hättest dich an den Arbeitsvertrag halten sollen.“
Färber starrte gedankenverloren an der Insel vorbei, bemüht, den unwirklichen Kreaturen nicht in die Augen zu sehen. Das konnte alles nur ein Albtraum sein.

„Nun mach schon“, sagte Sawatzki und presste die Waffe gegen Färbers Stirn. „Oder willst du lieber dem Jungen im Kühlraum Gesellschaft leisten? Mir ist es gleich.“
Färber zuckte vor der Waffe zurück. Halt suchend landete er mit einer Hand im Wasser. Sein Herz begann hektisch zu pumpen. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Die kleinere der beiden Kreaturen ließ sich ins Wasser gleiten. Sie kamen! Zitternd hob er ein Bein über die Brüstung und spürte, wie das warme Wasser ihn einladend umspülte. Gott hilf mir! Aber da war kein Gott, nicht hier unten, in dieser nebelverhangenen Vorhölle zehn Meter unter der Erde. 
Reflexartig schob Färber eine Hand in die Hosentasche. Es war eine Bewegung, die er tausende von Malen ausgeführt hatte, immer wenn er aufgeregt war, so wie andere anfingen, unter Stress die Hände zu reiben oder sich am Hinterkopf zu kratzen. Seine Finger umklammerten etwas Weiches.

„Die Waffe runter!“ Wie ein Peitschenhieb durchbrach die tiefe Männerstimme die plötzlich eingetretene Stille.
Der Pole fuhr erschrocken herum. Färber, der noch immer mit einem Fuß im Wasser stand, folgte seinem Blick. Am Ende der Treppe stand Ammann, und er hielt ebenfalls eine Pistole in der Hand. Die entzündete Haut unterhalb seines Auges sah schrecklich aus, als hätte eine Hälfte seines Gesichts angefangen zu schmelzen. In seinem Blick brannte eine düstere Entschlossenheit.
Sekundenlang starrten die beiden bewaffneten Männer sich gegenseitig an. Färber, der seine Chance erkannte, beschloss, seinem Freund beizustehen. Er riss das Bein hoch und stürzte sich von hinten auf seinen Gegner, doch ehe er den Polen wie beabsichtigt von den Füßen reißen konnte, traf ihn Sawatzkis Ellbogen hart gegen den Kehlkopf. Im selben Augenblick erschütterte ein Schuss die Halle. Schwer atmend, die Hände auf seinen Hals gepresst, stürzte Färber zurück ins Wasser. Verschwommen erkannte er, wie Ammann zusammensackte. Aus seinem Mund quoll hellrotes Blut.
Ruhig wandte sich der Pole wieder ihm zu.  „Rein mit dir“, grunzte Sawatzki. Der Druck der Waffe war wieder da, verstärkte sich noch, doch Färber machte keine Anstalten, sich vom Beckenrand zu lösen. Hinter sich spürte er die unregelmäßige Bewegung des Wassers.

Jetzt erst bemerkte Färber das Stückchen nassen Stoff, das ihm aus der Hand gefallen war. Wie erstarrt betrachtete er den hellblauen Frottee, der aufgeweicht am Beckenrand klebte. Es handelte sich um einen Socken. Einen winzig kleinen Socken. Und mit einem Schlag fiel die Angst von ihm ab. Etwas anderes, Dunkleres ergriff Besitz von ihm. Die Erinnerung traf ihn so hart, dass er die Waffe vergaß, die auf ihn gerichtet war.
 „Habt ihr ihnen Kinder zum Fraß vorgeworfen?“ brüllte er Sawatzki an. Tränen traten in seine Augen und vernebelten seinen Blick.  Der Pole schnaubte nur unzufrieden durch die Nase.
 „Hin und wieder, was soll’s. – Tu bloß nicht so, als hättest du davon nichts gewusst!“ fuhr er Linea an, die hinter ihm zu schluchzen begann.
Färber gab auf. Er dachte an Jessy, an die Kleine, und heiße Tränen rannen ihm über die Wangen, während er seine Umklammerung löste und sich endlich ins Wasser gleiten ließ. Hinter sich hörte er ein leises Schmatzen. Dann setzte die Melodie erneut ein, das schönste Lied, das er jemals gehört hatte. 
Sein letztes Schlaflied.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen