Dienstag, 13. Dezember 2011

Das dreizehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Dreizehntes Kapitel


„Na, das hatte ich mir schon fast gedacht, dass der nicht mitkommt.“ Bedächtig setzte Schreier sein Glas ab. Ein paar Tropfen Schaum liefen dennoch über den Rand und hinterließen einen dunklen Fleck auf der Tischdecke. Bis auf ein paar Stammgäste war die Klause an diesem Abend beinahe leer.
Eigentlich hatte Färber keine Lust gehabt, nach Feierabend noch in die Kneipe zu gehen, doch der Gedanke an seine leere Wohnung behagte ihm auch nicht recht. Seit Jessy zu Hause ausgezogen war, war er nur selten unter Menschen gegangen. Zuerst war die Kündigung gekommen, dann eine Reihe endloser dunkelgrauer Tage, die er oftmals nur in Unterhosen und Bademantel vor dem Fernseher verbracht hatte. Er hatte die Wände angestarrt, versucht, die Augen zu schließen, doch ganz gleich was er tat, überall erschien nur das Gesicht der Kleinen. Anfangs war er noch durch die Stadt geirrt, ohne zu wissen wohin. Er hatte begonnen, den Polizisten zu misstrauen, abfällig über ihre Arbeit zu sprechen. Was taten die schon. Saßen in ihren Amtstuben und drückten sich die Ärsche platt, anstatt nach seiner Tochter zu suchen. Die mitleidigen Blicke der Nachbarn und Freunde hatte er kaum ertragen, niemand wusste, wie es in ihm aussah, und niemand sollte es wissen. Ein drei Monate alter Säugling, einfach aus dem Kinderwagen entführt, nur weil die Mutter ihn fünf Minuten lang allein vor der Metzgerei gelassen hatte. Jessy hatte sich nicht gerechtfertigt, nicht an dem Tag, als er zugeschlagen hatte und auch später nicht, es gab keine Rechtfertigung, für keinen von ihnen.
Färber rieb sich die Augen und blinzelte eine Träne weg. Draußen war es längst dunkel geworden, um diese Zeit hielten sich wenigstens keine kleinen Kinder mehr auf den Straßen auf, denen er hinterher starren konnte, bis die Mütter sie energisch bei der Hand nahmen, um sie vor dem seltsamen Mann in Sicherheit zu bringen.
„Was hältst du von dem ganzen?“
Färber zuckte zusammen, er bemerkte erst jetzt, dass Schreier mit ihm sprach. „Von Kiaroff?“
„Von dem auch. Linea, Ammann, Sawatzki… In dem Haus ist doch keiner normal, findest du nicht?“
Die Bedienung brachte Färbers Schnitzel. Er griff nach der Zitrone und verschmierte sich die Finger. „Linea ist eigentlich sehr nett. Ich frage mich bloß, warum sie sich nicht einen besseren Job sucht.“
„Was weiß ich? Vielleicht hängt sie an dem Alten.“
Färber, der gerade in sein Brot gebissen hatte, schaute ungläubig auf. „Warum sollte sie an ihm hängen?“
Schreier lachte leise. „Sie ist immerhin seine Tochter, oder wusstest du das nicht?“
Färber schluckte mühsam das Brot herunter und schüttelte den Kopf. Er hatte nicht gewusst, dass Kiaroff überhaupt Kinder hatte. „Wo steckt der eigentlich?“ fragte er weiter. „Wollte er nicht längst aus Basel zurück sein?“
„Du kriegst aber wirklich nicht viel mit.“ Schreier grinste ihn breit an, doch es wirkte nicht fröhlich.
Färber legte den Kopf schief, kaute an seinem Schnitzel, bis ihm die Zähne schmerzten, und hörte zu.
„Das mit den Reisen kam mir von Anfang an schon komisch vor“, sagte Schreier. „Für mich sieht Kiaroff aus wie ein Wrack, schwerkrank oder drogensüchtig oder beides. Hast du ihn dir mal aus der Nähe angesehen?“ Er schüttelte sich. „Als Ammann und Sawatzki heute in den Keller runtergegangen sind, habe ich seine Stimme gehört. Er war dort unten und hat auf sie gewartet, da bin ich mir ganz sicher. Später ist mir dann Linea im Wohnzimmer begegnet. Sie kam mit einer Tasse Tee vorbei und hat mich zuerst gar nicht gesehen, weil sie so aufpassen musste, dass ihr das heiße Zeug nicht über die Finger schwappt.“
„Und dann?“
Nun wirkte Schreier etwas verlegen. „Naja, eigentlich hab ich nur einen Grund gesucht, mich mal mit ihr zu unterhalten. Ist ja ein verdammt hübsches Weibsbild. Ich hab sie gefragt, ob sie erkältet sei, wegen dem Kamillentee. Und da hat sie nach oben gezeigt und gemeint, ihr Vater fühlt sich nicht wohl.“
Färber nickte in seinen Teller hinein und schob das restliche Fleisch lustlos hin und her. Der Alte schien sich tatsächlich vor ihnen zu verstecken. Wie ein Gespenst, dachte er. Er huscht durch die Räume, als wollte er nicht gesehen werden. Aber warum? „Vielleicht ist er tatsächlich schwerkrank“, überlegte er laut. „Aber warum er dann noch irgendwelche Messen besuchen geht?“
„Glaubst du das wirklich? Dass er in Basel war und das ganze Zeug. Ich denke eher, das ist alles gelogen. So wie er aussieht, würde ich behaupten, er hat das Haus seit Monaten nicht verlassen.“
„Warum sollte er uns denn anlügen?“
„Keine Ahnung.“ Schreier nahm noch einen Schluck von seinem Bier. „Wenn mein Essen nicht bald kommt, bin ich verhungert.“ Wieder versuchte er ein albernes Gesicht zu machen, und wieder misslang es.
Färber ging etwas ganz anderes im Kopf herum. „Wenn du recht hast und er tatsächlich so krank ist, wer weiß, wie lange er noch zuhause wohnen bleiben kann.“ Wie lange wir unsere Arbeitsplätze behalten können, hatte er sagen wollen, aber das erschien ihm pietätlos. „Vielleicht sind sie alle deshalb so komisch?“
„Vielleicht.“ Schreier sah nicht besonders überzeugt aus.
„Du glaubst die Geschichte mit der Anlage nicht, was?“
„Was weiß ich, was die im Keller treiben, aber nach einer Maschine hat es für mich ganz und gar nicht geklungen. Aber du könntest ja mal deinen guten Freund Ammann fragen, was hier wirklich abgeht. Irgendwas ist doch in diesem Haushalt oberfaul, oder denkst du das nicht?“

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