Samstag, 3. Dezember 2011

Das dritte Türchen

Den Tod im Herzen

Drittes Kapitel


Zumindest Sawatzkis erste Aussage schien sich bereits auf dem Weg zu bestätigen: Geld spielte offenbar eine untergeordnete Rolle. Färber kam sich wie ein Fremdkörper vor, als er im Inneren des Mercedes Platz genommen hatte. Vorsichtig strich er über die weißen Ledersitze und erwischte sich mehrmals dabei, wie er das hölzerne Armaturenbrett mit Blicken streichelte. Sie saßen in einem Traumwagen. Und nicht nur der Wagen, dieses ganze seltsame Vorstellungsgespräch schien einem Traum entsprungen.
Die Straße machte eine letzte Biegung und mündete in einen holprigen Waldpfad. Der Weg führte nun immer steiler bergan, krümmte sich in unzähligen Kurven, links und rechts versperrten dichte Tannen die Sicht. Färber ließ das Fenster ein Stück herunter und inhalierte den Geruch des Waldes. Er hätte ewig so weiterfahren können. Endlich, als er schon fast nicht mehr daran geglaubt hatte, öffnete sich das Gelände, und in leichten Nebel getaucht, erschien ein eisernes Tor. Die Grünanlage dahinter erinnerte eher an einen öffentlichen Park als an ein Privatgrundstück. Der Pole kramte eine Fernbedienung aus dem Handschuhfach, und die beiden Flügel des Tores schwangen geräuschlos auf. Färber schluckte. Offensichtlich waren sie angekommen.
„Na, was sagen Sie?“ Sawatzki hielt ihm die Tür auf und machte eine weitläufige Geste. „Ist das nicht ein schöner Ort, um sein Geld zu verdienen?“
Färber legte den Kopf in den Nacken. Das breite Gebäude, das sich inmitten der Grünflächen erhob, war mit einem Wort wie Villa kaum noch zu erfassen. Das war schon beinahe ein Schloß. Großer Gott, wo waren sie hier?
„Wir befinden uns auf dem Anwesen von Herrn Kiaroff“, beantwortete Sawatzki seine unausgesprochene Frage.
„Hartmut Kiaroff? Der mit den Landmaschinen?“ Färber erinnerte sich dunkel an die Werbung aus dem Fernsehen.
„Die Dinger haben ihn reich gemacht“, bestätigte Sawatzki. „Aber auch ziemlich einsam. Wie ich schon sagte, Herr Kiaroff ist ein sehr misstrauischer Mensch. Seit der Scheidung ist er nicht mehr derselbe. Aber er zahlt gut. Und wenn er einmal beschlossen hat, Ihnen zu vertrauen, haben Sie ein sehr angenehmes Leben hier.“
Nachdenklich überquerte Färber den kleinen Parkplatz, auf dem drei weitere Wagen parkten, alles teure Modelle, wie man sie im normalen Straßenverkehr nur selten zu sehen bekam.
„Und Ammann…“, begann er wieder.
„…arbeitet seit über einem Jahr für Herrn Kiaroff. Er wird sie übrigens einarbeiten. Kommen Sie, der Chef erwartet uns.“

„Da seid ihr ja.“ Eine junge Frau öffnete die Tür und winkte ihnen eilig, einzutreten. „Er ist schon ganz ungeduldig. Morgen fängt die Messe in Basel an, da ist er wieder für drei Tage außer Haus.“ Sie warf Sawatzki einen seltsamen Blick zu. Dann wandte sie sich um und eilte einen langen Flur hinab.
Färber hatte Mühe, Schritt zu halten. Eigentlich war es eher ein Mädchen, beschloss er beim Blick auf ihre kindliche Figur. Ein hübsches Mädchen, das irgendjemand in eine Art Stewardessenuniform gesteckt hatte. Gleich wird sie uns zeigen, wie wir die Schwimmwesten anlegen müssen, dachte Färber und musste kichern.
Der Flur endete abrupt in einem großen Raum mit Stuckdecke und altmodischen Tapeten. In der rechten Ecke hatte eine wuchtige Couchgarnitur ihren Platz. Aus dem ihnen abgewandten Sessel erhob sich ein Mann, den Färber bisher nicht wahrgenommen hatte. Er konnte seine Überraschung nur schwer verbergen, als Kiaroff auf ihn zutrat. Sicher, es war Jahre her, dass er dieses Gesicht zum letzten Mal in einer Fernsehwerbung oder in einer Illustrierten gesehen hatte, aber die Veränderung war dennoch erschreckend. Aus dem vitalen Mann war ein Greis geworden. Seit seinem letzten Auftritt in der Öffentlichkeit hatte er mindestens dreißig Pfund an Gewicht verloren. Er wirkte hohlwangig, und seine Gesichtshaut zeigte einen unnatürlichen Grauton, nur die Augen glänzten fiebrig und schienen niemals still zu stehen.
Färber reichte dem Mann die Hand und deutete eine Verbeugung an. Wer in einem Haus wie diesem lebte, erwartete sicher etwas in der Art.
„Sie sind Färber?“ fragte Kiaroff mit leiser Stimme.
„Dirk Färber aus Schwetzingen“, bestätigte er. Etwas anderes fiel ihm nicht ein.
Der Alte, der eigentlich nicht viel älter sein konnte als Färber selbst, schien ihn gar nicht zu hören. Wie benommen schweifte sein Blick durch den Raum und fand Halt bei Sawatzki. „Alles in Ordnung soweit?“
Sawatzki nickte. „Ich denke, wir sind uns einig.“
Färber wollte etwas erwidern, aber der Pole machte ihm ein hektisches Zeichen, den Mund zu halten.
„Ich freue mich“, krächzte Kiaroff und streckte ihm abermals die Hand entgegen. Ein unsicheres Lächeln schwebte für Sekunden um seine Lippen, bevor es sich einfach in Luft auflöste. „Wir werden einander gewiss noch besser kennenlernen, wenn ich aus Basel zurück bin. Herr Ammann wird Ihnen alles zeigen.“
„Ist das Finanzielle schon geregelt?“ wandte er sich an Sawatzki.
Der winkte nur ab, anscheinend hatte Kiaroff seine Finanzen längst nicht mehr im Griff, aber das schien in diesem Haus niemanden zu stören.
Färber blieb schweigend neben Sawatzki stehen und sah zu, wie der Hausherr mit unendlich langsamen Bewegungen aus dem Zimmer schlurfte.
Das Mädchen in der Uniform hatte die ganze Zeit über schweigend an der Wand gelehnt. Jetzt trat sie näher und betrachtete Färber scheu. „Wenn Sie gestatten, bringe ich Sie jetzt zu Herrn Ammann.“

Das Mädchen hieß Linea, wie Färber einige Minuten später erfuhr. Sie war zweiundzwanzig, sah aber höchstens aus wie sechzehn. Färber folgte ihr quer durchs Haus und fragte sich, ob er sich in diesen verwinkelten Gängen jemals zurecht finden würde. Schließlich erreichten sie einen Raum, der als Bibliothek eingerichtet war. Die hohen Bücherregale reichten bis unter die Decke, darin reihten sich jede Menge ledergebundene Klassiker aneinander.  Dunkelrote Vorhänge verdeckten die Wand zwischen den Regalen und verliehen dem ganzen Raum eine altertümliche Atmosphäre.
„Hier geht es lang.“ Sie durchquerte den Raum und drückte mit der Hand auf eine der Holzplatten, mit denen die Wand getäfelt war. Augenblicklich geriet eines der Regale in Bewegung. Mit einem leisen Knirschen schwenkte es zur Seite und gab den Blick auf eine Stahltüre frei. Beeindruckt verfolgte Färber die Prozedur. Bisher hatte er es nie mit so reichen Leuten zu tun gehabt. Vielleicht waren solche Geheimtüren in diesen Kreisen ja normal? Er trat einen Schritt zurück, während Linea sorgfältig die Tür hinter ihnen wieder verschloss.
„Der Chef ist sehr auf Sicherheit bedacht“, sagte sie und zuckte lächelnd die Schultern. Färber nickte gequält. Gab es hier überhaupt jemanden, der nicht die ganze Zeit über lächelte?
Es gab ihn, und er machte sich lautstark bemerkbar. 

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