Mittwoch, 21. Dezember 2011

Das einundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Einundzwanzigstes Kapitel


Die Dunkelheit um ihn herum hatte sich verändert. Das Licht war nicht stärker geworden, nur einzelne dünne Fäden tropften durch die schmalen Ritzen des Belüftungsschachtes herein, der sich knapp unter der Decke befand. Färber brauchte drei Anläufe, um sich aufzusetzen. Nur langsam kehrte die Erinnerung zurück. Das Rohr im Garten, die seltsame Melodie, Sawatzki. Das Summen war auch hier zu hören, schien sogar sehr viel intensiver zu sein, drängender. Es wartet auf dich. Färber stöhnte leise. Sein Kopf fühlte sich an, als sei jemand mit einem Baseballschläger auf ihn los gegangen. Vorsichtig tastete er sein Gesicht ab. Das Fleisch unterhalb des Jochbeins fühlte sich geschwollen an, seine Lippe war aufgeplatzt. Am Hinterkopf stieß er auf eine Platzwunde, aus der noch immer Blut sickerte, sein Hemdkragen war ganz durchtränkt davon. Doch all das war nicht wichtig, wichtig war, dass er schnellstmöglich hier herauskam. Sawatzki konnte ihn nicht ewig hier festhalten.

Er stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, etwas in diesen beiden Ritzen zu erkennen, vielleicht eine Bewegung, doch der Lichtschein war so leblos wie die eisige Mauer, gegen die er stieß. Der Raum schien fensterlos zu sein, was dafür sprach, dass er sich im Untergeschoss befand. Im Keller. Auch das durchdringende Summen schien nicht von unten, sondern eher durch die Wände zu ihm hereinzudringen. Färber versuchte, mitten in die Schwärze hineinzusehen, wenigstens ein paar Umrisse zu erkennen. Steifbeinig machte er ein paar Schritte, seine Hände begaben sich auf die Reise, tasteten über den porösen Stein, aus dem die Wände seines Verlieses bestanden.

Jetzt erst spürte er, wie kalt es hier war, viel kälter als draußen im Garten, obwohl sich hier unten kein Lüftchen regte. Und dieser Geruch… Hilflos registrierte Färber, wie sich all seine Sinne nach und nach zurückmeldeten, ihn mit Informationen überschwemmten, auf die er gerne verzichtet hätte. Woran erinnerte ihn dieser widerliche kalte Geruch nur? Er schrie laut auf, als er mit der Schulter gegen etwas Schweres stieß, das sofort zu schwanken begann. Sein Kopf funktionierte immer noch nicht richtig, jeder einzelne Gedanke flatterte ihm wild vor der Nase herum. Als müsse er die Biester buchstäblich mit dem Schmetterlingsnetz einfangen. Im nächsten Moment schwankte der Gegenstand wieder in seine Richtung und warf Färber beinahe um. Also war das hier unten zumindest kein kahles Erdloch, immerhin gab es Möbel oder was auch immer.
Färber atmete auf und bewegte sich vorsichtig ein Stück in die entgegengesetzte Richtung. Wie schnell die eigenen Ansprüche doch zusammenschrumpften. Selbst die Vorstellung einer Rumpelkammer hätte ihn beruhigt. Wenn er nur die Tür finden könnte.

Einen kurzen Augenblick lang verließ ihn die Kraft. Vor seinen Augen blinkten helle Punkte, und er ließ sich rasch zu Boden gleiten, um einer drohenden Ohnmacht zu entgehen. Mit angezogenen Beinen hockte er auf den eisigen Fliesen, die den Untergrund bildeten. Diese Kälte war wirklich unnatürlich, selbst für Oktober. Als seine Zähne aufeinander schlugen, quälte er sich wieder in die Höhe, lauschte angespannt auf Geräusche, die es gar nicht gab. Nichts als das eintönige Summen jener geheimnisvollen Maschine.

Eine tiefe Verzweiflung erfasste Färber, um vieles schwärzer noch als seine Umgebung. Was hatte Sawatzki mit ihm vor? Wieso hatte er ihn niedergeschlagen und hierhergebracht? Warum konnten sie ihn nicht einfach gehen lassen. Ein paarmal dachte er daran, laut um Hilfe zu rufen, doch jedesmal verschloss die Angst ihm die Kehle. Gab es überhaupt jemanden in diesem Haus, dem er vertrauen konnte? Außerdem machte dieser seltsame Geruch ihm das Atmen schwer. Färber schniefte, er wusste nicht, ob es Rotz oder Blut war, das aus seiner Nase lief. Er war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Hastig durchsuchte er seine Jackentaschen nach irgendetwas, woran er sich die Hand abwischen konnte, selbst in den schlimmsten Situationen hielt seine Erziehung ihn noch gefangen. Ein kleiner Gegenstand entglitt seiner Hand und schlug scheppernd auf den Fliesen auf. Erschrocken tastete Färber seine beiden Futterale ab. Das Funkgerät war noch da, nicht einmal den Geldbeutel hatte Sawatzki ihm weggenommen. 

Schlagartig meldete sich ein kristallklarer Gedanke, der ihm ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Das Handy! Nein, so dämlich konnte der Pole nicht sein. Jetzt nahm er keine Rücksicht mehr auf seine Kopfschmerzen. Hastig ging Färber auf die Knie und begann, den Boden abzusuchen. Die Steinplatten fühlten sich erstaunlich sauber an, als würde hier regelmäßig gewischt. Dann fuhren seine Finger über das flache Kunststoffgehäuse. Augenblicklich schossen ihm Tränen der Verzweiflung in die Augen. Das war nicht das Handy, natürlich nicht. Er hielt Schreiers bescheuerte Taschenlampe in der Hand!

Nachdem er die erste Enttäuschung überwunden hatte, versuchte Färber, sich endlich wieder zu beruhigen. Wenn er hier drinnen durchdrehte, war tatsächlich alles verloren. Er dachte an Jessy, an das Blut, das ihr am Kinn hinab gelaufen war und einen hässlichen Fleck auf der hellen Bluse hinterlassen hatte. Er hatte sie nicht schlagen wollen, niemand hatte verdient, geschlagen zu werden. Wieder tauchte seine Mutter in seinen Gedanken auf, es war, als stünde sie mit einem Mal wieder in der Ecke, den Gürtel mit der großen bronzefarbenen Schnalle noch in der Hand. „Manchmal gibt es gute Gründe, den Menschen, die man liebt, das Fell über die Ohren zu ziehen. Das ist gut für die Charakterbildung.“
„Nein.“ Färber stöhnte. Seine Finger glitten automatisch unter sein Hemd und berührten die Narben seiner Kindheit. Schon damals hatte er sich geschworen, niemals die Hand gegen einen Mitmenschen zu erheben. Und daran hatte er sich ein Leben lang gehalten, bis zu dem Tag, an dem die Kleine verschwunden war.

Er lehnte sich abermals gegen die Wand und versuchte, ruhiger zu atmen. Die Taschenlampe zitterte in seiner Hand, aber sie gab auch beim zehnten Versuch kein Lebenszeichen mehr von sich.
„Komm schon.“ Jetzt brach Färber der Schweiß aus. Ein einziger kurzer Lichtschein würde ihm genügen, um den Raum zu überblicken. Wenn er wusste, wo die Tür war, brachte ihn das schon einen gewaltigen Schritt weiter. Wo die Tür war und was sich mit ihm in diesem Zimmer befand. Wieder erwog er, einfach die Wände abzuschreiten, wie der Gefangene der Inquisition in dieser grässlichen Kurzgeschichte, die er einmal gelesen hatte. Stattdessen begann er, den Deckel des Batteriefachs abzuschrauben. Er ging sehr langsam vor, um nichts zu verlieren. Manchmal genügte es, die Lage der Batterien nur ein wenig zu verändern. Mit zittrigen Fingern löste er eine der Babyzellen aus dem Griff der Feder, setzte sie wieder ein. Nichts, das Gerät war tot. 

Er setzte sich abermals auf den Boden, diesmal nahm er vor Aufregung die Kälte kaum wahr, selbst das Summen erreichte ihn nicht mehr, Färber war lange nicht mehr so sehr auf eine Sache konzentriert gewesen. Es musste einfach funktionieren. Mühsam bog er die Kontakte auseinander, um die Batterien zu entnehmen. Sein Kopf schmerzte jetzt in einem ungesunden Rhythmus, und seine Augen begannen zu tränen. Er fragte sich, ob er überhaupt etwas würde sehen können, selbst wenn jemand hereingekommen wäre, um das Licht einzuschalten. Endlich hatte er die Batterien vertauscht. Ohne den Deckel wieder aufzuschrauben, wagte Färber einen halbherzigen Versuch. Doch die Erleichterung, die ihn beim Anblick des schwachen Lichtscheins erfassen wollte, wandelte sich schnell in Entsetzen, als er sah, wogegen er vor wenigen Minuten gestoßen war.

Die Augen weit aufgerissen, rutschte Färber auf dem Hosenboden ein Stück nach hinten, um von dem Ding wegzukommen, das dort von der Decke baumelte. Sein ehemaliger Kollege starrte aus blinden Augen zurück.

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