Sonntag, 11. Dezember 2011

Das elfte Türchen

Den Tod im Herzen

Elftes Kapitel


Ammann blieb auch in den nächsten Tagen verschwunden. Färber ging dem Polen mit seinen Fragen auf die Nerven, aber aus Sawatzki war nichts Vernünftiges herauszubekommen. In der wenigen Zeit, die Färber nicht allein verbrachte, saß er mit Schreier in der Küche und ließ sich von Linea mit Kaffee versorgen. Er erfuhr, dass sein junger Kollege die Schule geschmissen und bis vor kurzem in einer kleinen Fabrik gearbeitet hatte. Schreier schien sich sein Leben lang irgendwie durchgeschlagen zu haben, dennoch legte er einen kindlichen Humor an den Tag, und Färber genoss die halben Stunden, die sie während der Übergabe miteinander verbrachten, während Sawatzki sich irgendwo im Garten herum trieb und Linea schweigend die Geschirrspülmaschine ausräumte. 

Obwohl sie so unterschiedlich waren, mochte Färber den Langen wirklich gern. Er mochte die Art, wie Schreier sich über alles und jeden lustig machte, ohne dabei wirklich bösartig zu wirken. Wenn Sawatzki sich morgens kurz bei ihnen blicken ließ und anschließend den Raum verließ und Schreier mit den Augen rollte und durch ein animalisches Schnaufen seine Wertschätzung bekannt gab, hätte er sich vor Lachen auf den Boden werfen können. Oft blieb Färber noch ein wenig nach Feierabend und lauschte den Anekdoten, die immer in irgendeiner Katastrophe endeten und bei denen er niemals sicher sein konnte, wie viel Wahrheit tatsächlich darin steckte und wie viel davon frei erfunden war. Schreier kam ihm vor wie ein Kind, für das die ganze Welt eine große Spielwiese ist. Auch Sawatzki gegenüber kannte der Junge kaum Berührungsängste. 

„Was ist eigentlich mit der Maschine im Keller?“ erkundigte er sich eines Morgens zwischen zwei Bissen des Nusskuchens, den Linea gerade angeschnitten hatte.
„Was soll damit sein? Dort unten steht eine Anlage, um das Wasser zu filtern“, erwiderte Sawatzki. Dann schlug er demonstrativ die Zeitung auf.
„Macht aber einen verfluchten Lärm.“ Schreier kratzte sich am Hinterkopf. „Das hört man manchmal bis hier oben.“
Sawatzki warf ihm einen wütenden Blick über den Rand seiner Zeitung zu, aber er antwortete nicht.

In der zweiten Woche übernahm Sawatzki selbst den Nachtdienst und war tagsüber nur selten anzutreffen. Färber war nicht traurig darüber. Hin und wieder schickte Linea ihn nun zusammen mit Schreier in die fensterlose Halle, um die Aquarien zu reinigen und Wasser nachzufüllen, doch betonte sie dabei, dass es sich ausschließlich um ungefährliche Arten handelte, mit denen sie es zu tun haben würden. Es machte Färber nicht mehr soviel aus, sich in dem verschlossenen Raum aufzuhalten. Doch an manchen Tagen wurde ihm plötzlich wieder alles zu viel. Dann sehnte er sich nach Sonnenschein, nach frischer Luft und Vogelgeschrei, irgendwelchen Geräuschen, die ihm sagten, dass er nicht vollkommen von der Welt abgeschnitten war. 

„Was hast du denn?“ fragte Schreier. Wie immer schleppte er den Ordner mit der Auflistung der verschiedenen Arten mit sich herum. Wahrscheinlich verschaffte ihm diese Angewohnheit ein reines Gewissen, auch wenn Färber ihn noch nie darin hatte lesen sehen.
Färber starrte das altmodische Telefon an. Am liebsten hätte er Linea gebeten, ihn hinauszulassen, doch diese Blöße wollte er sich nicht geben. Er fühlte sich schwindelig wie seit langem nicht mehr.
Färber rieb sich entmutigt die Augen. Momente wie dieser brachten all seine Pläne durcheinander, in solchen Augenblicken war er drauf und dran, alles hinzuschmeißen.
„Was ist los?“ fragte Schreier und machte ein bestürztes Gesicht.
„Es geht schon wieder. Bloß manchmal…“Er zog den Kopf ein.
Der Ton, der aus dem Untergeschoss zu hören war, klang nicht nach einer Maschine, eher wie der wütende Ruf eines Ungeheuers, und es war direkt unter ihnen. „Scheiße, was war das?“ 

Schreier behielt noch immer seine lässige Haltung, die Daumen in die Hosentaschen gehakt, lehnte er gegen die Wand gelehnt, aber alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
Färber hielt die Luft an und zählte langsam bis zehn, dann bis zwanzig. Alles blieb still, nur das gleichmäßige Brummen der Anlage war zu hören.
Dann ließ ihn ein weiteres Geräusch zusammen fahren. Ein Schlüssel wurde ins Schloss geschoben.
Färber war nicht wirklich überrascht, Sawatzki zu sehen. Der Pole schaute trotz seiner Nachtschicht hin und wieder zu ihnen herein, um ihnen mit irgendwelchen belanglosen Fragen auf die Nerven zu gehen. Die meiste Zeit jedoch war er mit dem Wagen unterwegs oder drückte sich oben im Garten herum. Manchmal hatte Färber den Verdacht, dass dieser Mann in Wirklichkeit nur dazu da war, um sie zu überwachen. Doch heute war Sawatzki nicht allein.

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