Donnerstag, 1. Dezember 2011

Das erste Türchen

Und hier ist es endlich, das erste Türchen. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und eine schöne Adventszeit. :)


Den Tod im Herzen

Erstes Kapitel



Färber schwirrte der Kopf. Mit jedem Meter, den er zurücklegte, verstärkte sich das unangenehme Gefühl in seinem Magen. Über dreihundert Bewerbungen hatte er in den letzten beiden Jahren geschrieben, niemand hatte ihn haben wollen. Und jetzt dieser Anruf. Es wollte ihm noch immer nicht in den Kopf, wie sie ausgerechnet auf ihn gekommen waren.
Er griff in die Jackentasche und förderte einen Rest Halbschwarzen zutage, dann das Zigarettenpapier. Tabakkrümel setzten sich unter seine Fingernägel. Jessy hätte ihm abgeraten, da war er sich ganz sicher. An diesem Job musste irgendetwas faul sein. Aber Jessy ging nicht einmal mehr ans Telefon. Zu gern hätte er mit ihr gesprochen, nur noch ein einziges Mal, um ihr zu sagen, wie Leid ihm alles tat. Dass sie keine Angst vor ihm zu haben brauchte. Und dennoch, ein Teil von ihm, derjenige, der nur in mondlosen Nächten zum Leben erwachte, wollte, dass sie litt. Obwohl er sie liebte, vielleicht weil er sie liebte. Es spielte keine Rolle mehr. Sie würden einander nie wieder in die Augen sehen können. Das Kind würde immer zwischen ihnen stehen.
  
Als er den Bahnhofsvorplatz überquerte, hatte es zu regnen begonnen. Ein paar Leute spannten ihre Schirme auf, andere begannen zu laufen, bevor sich der schmutziggraue Himmel vollends über ihren Köpfen entladen konnte. Färber trat an die Straßenbahnhaltestelle und setzte sich auf die Wartebank, begann hastig, sich eine Zigarette zu drehen.
„Sie wurden uns empfohlen“, hatte der Mann mit dem polnischen Akzent am Telefon gesagt. Sawatzki, erinnerte er sich dunkel, der Mann hieß Sawatzki.
Nervös blickte Färber auf seine Armbanduhr, verfolgte, wie der Sekundenzeiger eine seiner endlosen Runden drehte. Und wenn es eine Falle war? Aber wer sollte ihn hereinlegen wollen? Er hatte weder Freunde noch Feinde. Wenn er in die Augen seiner Nachbarn sah, dann schwammen sie für gewöhnlich in einem stummen Mitleid, das ihn beinahe wahnsinnig machte.

Die sieben war genauso überfüllt wie der Bus, mit dem er angereist war. Eigentlich mochte er die Stadt, und er war schließlich nicht zum ersten Mal hier, aber an diesem Nachmittag machte ihm das Gedränge Angst. Die vielen Gesichter, gleichgültig oder aggressiv. Geschlagene zwanzig Minuten stand Färber zwischen den Leuten und klammerte sich an einer der Stangen fest, während von draußen das trübe Oktoberlicht durch die Scheiben hereinkroch und überall seine melancholische Stimmung verbreitete.
Sie wurden uns empfohlen.
Am Neckartor stieg er aus und versuchte sich zu orientieren. Die zweite Seitenstraße, hatte Sawatzki gesagt. Oder war es die dritte? Die Häuser hier waren hoch und schmal, düstere Backsteinriesen, die sicherlich auch im Sommer jeglichen Sonnenschein zwischen ihren Fassaden zerrieben. An einer Ecke erkannte er die defekte Leuchtreklame eines ehemaligen Pornokinos. Hinter der Schaufensterscheibe klebte ein letztes zerrissenes Plakat, auf dem Färber den Oberkörper einer nackten Schönheit ausmachte. Ein Motorrad mit Seitenwagen quälte sich mit heulendem Motor an einer Reihe parkender Autos vorbei. Endlich bemerkte Färber die Hotelreklame, beinahe hätte er sie übersehen. Er war falsch abgebogen und musste einen ganzen Block zurückgehen, aber das spielte im Grunde keine Rolle. Weil er ohnehin zu früh dran war. Weil er im Grunde gar nicht hier sein sollte.

Der Regen hatte nicht aufgehört, aber er war deutlich schwächer geworden. Als er den Eingang schließlich erreichte, war der Klotz in seinem Magen auf Fußballgröße angeschwollen, aber seine Füße marschierten ohne Pause weiter, als hätten sie die Kontrolle übernommen, und Färber ließ es geschehen. Niemand konnte einen Grund haben, ihm etwas anzutun. Woher zum Teufel kam diese Scheißangst, die ihm schon den ganzen Tag über die Luft abschnürte? 
„Geh schon“, flüsterte die Stimme in seinem Kopf, die sich immer zu solchen Gelegenheiten zu Wort meldete, und die der Stimme seiner verstorbenen Mutter verdammt ähnlich war. „Wer nicht hören will, muss fühlen.“
Hinter der Empfangstheke drückte sich ein kräftiger Mann in rotweinfarbener Uniform herum. Als Färber auf ihn zukam, schaute er vom Bildschirm auf und lächelte mechanisch. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich bin hier…“ In Färbers Kehle stauten sich die Worte zu einem kratzigen Klumpen. „Ich bin hier mit einem Herrn Sawatzki verabredet. Wissen Sie vielleicht, ob er schon da ist?“
„Zimmer siebzehn. Gleich hier im Erdgeschoss.“ Der Mann streckte den Arm aus und deutete auf den rechten der beiden Flure, die von der Eingangshalle abzweigten. Färber bedankte sich. Der Teppich unter seinen Füßen zwitscherte beim Gehen wie ein junger Vogel. Dann hatte er die Tür mit der Nummer siebzehn erreicht. Noch einmal sagte er sich, dass er gar nicht hätte zu kommen brauchen. Er konnte genau in dieser Sekunde umdrehen und durch die Vordertür wieder hinaus spazieren. Was immer hinter dieser Tür für ein Angebot auf ihn wartete, er war nicht der richtige Mann für diesen Job.
Das war sicher.
Färber klopfte an.

Erklärungen zur Aktion                                 Nächstes Türchen

Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Birgit, nun steh ich - gemeinsam mit Färber - vor Türchen 1 und warte gespannt ... Eine schöne Idee. Hab schon gesucht, ob und wo ich heimlich den 24sten öffnen kann. Da war früher immer das größte Stück Schokolade drin :-))

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  2. Liebe Birgit, hab gleich früh am Smartphon ins Türchen ge-illert und tret nun von einem Bein aufs andere, wer sich dahinter verbirgt.. So schöne Idee, einen Fortsetzungsgeschichtenkalender zu kreieren!

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  3. Hallo Ihr zwei, freut mich sehr, wenn euch der Anfang gefallen hat. Hm, ganz so süß wie Schokolade wird die Geschichte wohl nicht werden, aber dafür hoffentlich spannend. :)

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  4. Hallo Birgit, ich habe auch mal reingeschaut und es macht auf jeden Fall neugierig. Dann mal sehen wie es morgen weitergeht.
    LG Erika

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  5. Hallo Erika,
    danke für deinen Kommentar. Schön, wenn es neugierig macht. :)
    LG Birgit

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