Montag, 5. Dezember 2011

Das fünfte Türchen

Den Tod im Herzen

Fünftes Kapitel


Die nächsten beiden Stunden verbrachte er damit, hinter Ammann die einzelnen Aquarien abzuschreiten. An der linken Seite der Becken waren kleine Kupfertafeln angebracht, die Auskunft über die Bewohner gaben.
„Und das ist das ganze Geheimnis?“ fragte er irgendwann verblüfft und starrte auf eine graubraune Meeresschnecke, die gleichgültig an einer Wasserpflanze saugte. „Dafür der ganze Aufwand? Ich dachte zuerst, der Kerl käme von der Mafia.“
„Wer weiß?“ Ammann überprüfte die Temperatur und füllte vorsichtig etwas Wasser nach. „Einige der Biester hier sollen richtige Liebhaberstücke sein. Da ist nicht so einfach dranzukommen. Kiaroff hat ein Vermögen in die Sammlung investiert. Bis vor ein paar Jahren hat er noch persönlich die Expeditionen begleitet. Und wenn irgendeine Tierschutzorganisation davon erfährt…“ Er fuhr sich genüsslich mit dem Daumen über die Kehle. „Du kannst mir gleich helfen, dem Taberkulis sauber zu machen.“
„Taber…“ Färber blieb die Frage im Hals stecken. Von unten erklang ein klagender langgezogener Ton, der den Fußboden vibrieren ließ und ihm direkt in den Magen fuhr. Auf seinen Armen bildete sich eine Gänsehaut.

Im nächsten Moment war das Geräusch verschwunden, stattdessen vernahm er nur noch das tiefe Summen, das ihm schon die ganze Zeit über aufgefallen war.
„Hast du was?“ Ammann schien nichts gehört zu haben.
„Dieses Geräusch.“ Färber sah sich unruhig nach allen Seiten um.
„Ach, das ist nur die Pumpe im Keller. Was meinst du, wie empfindlich diese Exoten auf Leitungswasser reagieren. Im Keller steht eine riesige Anlage, mit der das Wasser gefiltert und aufbereitet wird, die wirst du gehört haben. Macht manchmal einen ganz schönen Lärm, das Ding.“
Färber nickte benommen. Das Summen ging ihm durch und durch. War es wirklich nur eine Pumpe gewesen, die er gehört hatte? Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen und folgte Ammann zu dem langen Becken, in dem sich die unscheinbaren Fischchen zwischen den Pflanzen versteckten.

„Taberkulis, Küste vor Neuguinea“, verkündete das Schild an der Seite.
„Die heißen Taberkulis?“ fragte er zögernd und öffnete den Deckelschacht, um einen Finger ins Wasser zu tauchen.
„Nicht!“
Im selben Moment erwachte eines der langen Wurzelstücke zum Leben und schoss blitzschnell an die Oberfläche. Färber konnte gerade noch rechtzeitig die Hand zurückziehen. Mit einem dumpfen Geräusch prallte das mouränenartige Tier an der Deckelinnenseite ab. Ammann schloss rasch den Fütterungsschacht, dann wandte er sich ab, seine Rückenmuskeln zuckten hysterisch. Er schüttelte sich vor lachen.
„Scheiße, das hättest du mir ruhig vorher sagen können!“
„So wirst du es besser in Erinnerung behalten“, entgegnete Ammann. Er lachte immer noch. „Die erste Regel hier lautet: Finger weg von Viechern, die du nicht kennst. Der hier hätte dir höchstens einen Finger abbeißen können, aber es gibt hier auch richtig gefährliche Zeitgenossen. Wenn dich der Kugelfisch erwischt, kannst du von Glück sagen, wenn der Notarzt eintrifft, bevor die Lähmung dein Atemzentrum erreicht.“

Bei diesen Worten überlief Färber ein kalter Schauer, und für einen Moment drängte es ihn nur noch nach draußen. Er wollte nicht hier sein, zwischen all diesen exotischen Geschöpfen, die ihn aus kalten Augen durch die Glasscheiben hindurch anstarrten, mit einem Chef, der ihm wie ein wandelnder Leichnam erschienen war, vollkommen versunken in einer Welt, die Färber nicht kannte und auch nicht kennen lernen wollte. „Du musst dir keine Sorgen machen“, sagte sein Freund, der keine Ähnlichkeit mehr mit dem schmalen Jungen von damals hatte. „Das ist echt eine coole Sache mit Kiaroff. Der Alte ist ein Spinner, aber keiner von der unangenehmen Sorte. Und er zahlt wirklich verdammt gut. Hat Sawatzki schon den Vertrag fertig gemacht?“
Färber schüttelte den Kopf. „Dazu hatten wir noch keine Gelegenheit.“
„Hat er dir wenigsten einen Vorschuss gegeben?“
„Fünfhundert.“ Der Umschlag in seiner Jackentasche knisterte leise, als er mit den Fingern dagegen drückte.
„Na, siehst du. Es ist echt nicht so schwierig, du musst nur ein bisschen aufpassen, dann kann gar nichts schief gehen. Am wichtigsten ist für Kiaroff, dass du die Klappe hältst. Erzähl einfach nicht rum, was du hier machst. Keinem, verstehst du?“

Färber gab einen unverständlichen Laut von sich. Er wusste nicht, was er wollte, in diesem Augenblick waberte alles wie Nebel durch seinen Kopf, dieser ganze seltsame Tag, das Treffen mit Sawatzki in dem Hotelzimmer, der arme reiche Mann mit seinem Fische - Spleen… Er ließ den Blick über die Becken schweifen. Dabei ging es hier gar nicht nur um Fische, stellte er fest, in vielen der Aquarien befanden sich Krebse oder Garnelen, Muscheln und Seepferdchen, und weiter hinten entdeckte er auch einige Lebewesen, die er überhaupt nicht einordnen konnte.
Er schaute zu, wie Ammann vorsichtig den Deckel der Taberkulis-Behausung ein Stück anhob und mit einem langstieligen Gerät von innen über die Scheiben fuhr. Das Tier, das ihn vor wenigen Minuten angegriffen hatte, ruhte wieder reglos in einer Mulde im Kies, kaum von einem Stück Wurzel zu unterscheiden.

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