Donnerstag, 15. Dezember 2011

Das fünfzehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Fünfzehntes Kapitel


Das erste, das Färber hörte, als er den Kopf hob war eine keifende Frauenstimme. Die Worte konnte er nicht verstehen, in seinen Gedanken drehte sich alles, er nahm hauptsächlich einen kalten Luftzug wahr. Vorsichtig öffnete er die Augen und wartete, bis sich seine Sicht auf die richtige Entfernung eingestellt hatte. Langsam nahmen die farbigen Flecken zu seiner Linken Gestalt an.

„Also manchmal frage ich mich wirklich, was in deinem Schädel vorgeht“, sagte die Dame im gelben Kleid zu ihrem Begleiter. „Siehst du nicht, dass er verletzt ist.“
Der Mann, der nun seinen Hut mit einer Hand zerknautschte, schob sie ungeduldig zur Seite und beugte sich durch die offene Fahrertür zu Färber herein. Sein faltiges Gesicht drückte Besorgnis aus. „Haben Sie was abbekommen?“
„Ähm.“ Färber versuchte, sich zu orientieren. Er hob eine Hand und berührte die Stelle, an der sein Schädel am meisten schmerzte. Er tastete Blut und zog erschrocken die Finger zurück. „Was ist passiert?“ Nur mühsam konnte er sich an die Erschütterung erinnern.
„Was passiert ist? Dieser Sonntagsfahrer hier hat…“
„Ingrid, bitte.“ Der Alte packte seine Frau am Handgelenk und senkte die Stimme, als dürfe niemand erfahren, was er getan hatte. „Ich konnte nicht so schnell bremsen. Es gab einen Zusammenstoß.“
„Einen…?“ Färber hielt sich krampfhaft an der Wagentür fest und stieg mit wackeligen Beinen aus. Jetzt erst fiel sein Blick auf die Ampel, die inzwischen wieder einladend ihr grünes Licht verströmte, zum wievielten Male, das wusste er nicht. 

Ein paar Autos fuhren im großen Bogen um sie herum, weiter hinten drückte jemand auf die Hupe. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig erkannte er undeutlich ein paar Gestalten, Schaulustige vermutlich. Vorsichtig bewegte er sich auf das Heck des Passats zu. „Sieht es schlimm aus?“
„Nicht sehr schlimm“, beteuerte der Mann, obwohl Färber die Delle inzwischen erreicht hatte. Das war keine Kleinigkeit. Der Opel klebte an seiner Stoßstange, die bedenklich verbeult aussah, ein Rücklicht war gesplittert, die Einzelteile lagen auf der Straße verstreut. Er hat mir wirklich voll in den Arsch getreten, dachte Färber und unterdrückte ein hysterisches Kichern.

Die Frau im gelben Kleid kramte ein Handy aus ihrer Handtasche hervor und klappte den Deckel auf.
„Was tust du denn?“ Endlich kam Leben in den Alten. „Das lässt sich doch sicher auch so regeln.“
„Gar nichts lässt sich regeln. Guck lieber mal, ob du wenigstens den Verbandskasten dabei hast.“
Färber wurde unruhig. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Zehn vor sieben. „Meinetwegen brauchen Sie nicht die Polizei zu rufen“, wandte er sich an die Frau und hoffte, dass sie seine Erregung nicht missdeutete. „Geben Sie mir einfach Ihre Adresse“, er blinzelte, als ihm ein dünner Blutfaden ins Auge lief, „und wenn Sie vielleicht ein Pflaster hätten?“
„Nichts da.“ Die Dame machte einen Schritt zurück und wäre beinahe vor einen überholenden Transporter geraten. „Das wird ihm eine Lehre sein. Sowas gibt es ja gar nicht, das nächste Mal fährt er vielleicht jemanden tot.“
Sie sagte noch mehr und begann, eine Nummer zu tippen, aber Färber konnte sich nicht länger konzentrieren. Ihm war schlecht und die Lichter der Wagen, die nun reihenweise aus dem Nebel auftauchten, blendeten ihn.

Der Mann kam mit einem Papiertuch auf ihn zu und tupfte nervös an der Verletzung herum. Färber zuckte ein paarmal kurz zusammen, aber eigentlich empfand er außer dem dumpfen Pochen hinter der Stirn keine Schmerzen.
Nach einer Ewigkeit bog der Streifenwagen um die Ecke. Zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, stellten Fragen und machten sich Notizen. Färber gab bereitwillig Auskunft. Die uniformierte Frau kritzelte mit ihrem Kugelschreiber eifrig über ein Blatt ihres Blockes. Er betrachtete ihre Wimpern, die dicht und dunkel ihren auf das Papier gesenkten Blick verbargen. Wie bei Jessy, fuhr es ihm in den Sinn und sofort verstärkten sich die Kopfschmerzen wieder. Drei- oder viermal versuchte Färber, das Gespräch abzukürzen, aber er hatte keinen Erfolg. Die Dame in gelb kommentierte zwanghaft jede Aussage ihres Mannes, außerdem hatte sich ein Zeuge zu Wort gemeldet, der vom Straßenrand auf sie zukam, einen schwarzglänzenden Aktenkoffer in der Hand.
Färber dachte an Schreier, und in seinem Hals bildete sich ein unangenehmer Kloß, der beim Schlucken schmerzte. Er konnte nur hoffen, dass der Lange noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen war, oder zumindest, dass ihn niemand erwischen würde. Es war bereits zwanzig nach sieben, und es sah nicht so aus, als würde er in nächster Zeit hier weg kommen.

„Damit können Sie doch nicht weiter fahren“, sagte die Polizistin und schaute ihm ernsthaft in die Augen. Färber hatte sich wieder auf seinem Fahrersitz niedergelassen. Es war ihm egal, was sie sagten, im Moment wollte er nur noch weg von hier, weg von den neugierigen Blicken der Passanten und der durchdringenden Stimme dieses keifenden Kanarienvogels. „Außerdem sollten Sie besser zu einem Arzt gehen. Vielleicht haben Sie eine Gehirnerschütterung davon getragen.“
„Ich fahre direkt in eine Werkstatt“, versprach er mit heiserer Stimme und startete den Motor. Nach einem endlosen Gurgeln erklang endlich das vertraute Brummen. Die Reifen drehten durch, und einen Augenblick lang verließ ihn der Mut, dann löste sich der Passat mit einem durchdringenden Kreischen von der Schnauze des Opels und fuhr ein paar Meter vor. Färber streckte die Hand aus dem Fenster und winkte den Polizisten zu. Im Rückspiegel konnte er sehen, wie sie die Köpfe schüttelten.

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