Montag, 19. Dezember 2011

Das neunzehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Neunzehntes Kapitel


„Matthias Oh, Scheiße!“ Färber drehte seinen Freund auf den Rücken und rüttelte ihn an den Schultern. Ammann zeigte keine Reaktion.

Sawatzkis Stimme kam aus dem Funkgerät wie von einem anderen Stern. „Was ist passiert?“ Den Apparat noch in der Hand, kam ihm der Pole mit riesigen Schritten entgegen gelaufen. An der Tür stand Linea.
„Herr Ammann?“ Sawatzki legte einen Arm um den Ohnmächtigen und schlug ihm leicht auf die unverletzte Wange. Nach endlosen Sekunden schlug Ammann die Augen auf. „Schon gut“, murmelte er.
„Los, helfen Sie mir mal.“ Gemeinsam zogen sie Ammann auf die Füße und führten ihn zum Haus.
„Er bekommt eine Blutvergiftung“, sagte Färber, als sie die Treppe erreicht hatten. „Wir sollten ihn wirklich in ein Krankenhaus bringen.“
Der Pole sah ihn wütend über Ammanns Kopf hinweg an. „Wenn das alles ist, was Ihnen einfällt, sollten Sie besser den Mund halten.“
„Wollen Sie schuld sein, wenn ihm etwas passiert? Sehen Sie nicht, dass er Fieber hat?“ Färber fasste seinen Freund fester und schob ihn eine Stufe hinauf. Ammann stöhnte.
„Was hat er gesagt?“
„Kein Krankenhaus“, wiederholte Ammann undeutlich und bewegte ziellos den Kopf hin und her.
Über Sawatzkis Gesicht wanderte ein stummer Triumph. „Da hören Sie es.“  
„Aber er…“ Färber schnaufte schwer, als sie endlich das Schlafzimmer erreicht hatten. Vorsichtig ließ er Ammann auf das Bett gleiten. „Er…“
„Er wird sich erholen“, beendete der Pole seinen Satz. „Ich hätte ihn nicht so früh wieder an die Arbeit lassen sollen. Und jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie uns allein ließen.“ Er nickte zur Tür.
Wütend ging Färber zurück zum Tor. Er holte eine neue Rätselzeitschrift und seinen Schal aus dem Wagen. Es geht dich nichts an, sagte er sich, doch Ammanns Gesicht mit der vereiterten Wunde wollte ihm nicht aus dem Kopf.

An diesem Vormittag ließ sich niemand mehr im Garten blicken. Färber starrte stundenlang zur Einfahrt hinaus, drehte stumm seine Runden und fror. Gegen Mittag holte er sich die beiden belegten Brote aus dem Auto und aß schweigend in seinem Pförtnerhäuschen. Noch vier Stunden, dann war auch dieser Tag geschafft.

Etwa zehn Minuten, bevor er seinen nächsten Rundgang antreten wollte, sah er Sawatzki fluchend zur Tür heraus kommen. Er beobachtete, wie die Hände des Polen flatterten. Irgendetwas schien passiert zu sein. Aufmerksam blickte Färber ihm entgegen, in der Hoffnung, endlich ein paar Antworten auf seine Fragen zu bekommen, doch sein Vorgesetzter war denkbar kurz angebunden.
„Alles klar hier draußen?“ Die dunklen Augen des Polen flackerten unruhig, doch Färber widerstand der Versuchung, nachzufragen. Er öffnete die Tür des Pförtnerhauses, und sofort zerrte der eisige Wind an seiner Jacke.
„Ich hab heute im Haus zu tun, die Anlage macht mal wieder Probleme. Ich fürchte, Sie müssen noch eine Schicht dranhängen. Dafür können Sie dann morgen zu Hause bleiben.“
Färber war vollkommen überrumpelt. „Und wer passt morgen hier auf? Sie können doch nicht drei Schichten hintereinander…“
„Machen Sie sich um mich keine Gedanken“, erklärte Sawatzki gereizt. „Wenn Sie Hunger haben, der Kühlschrank ist voll.“ Mit steifen Schritten entfernte er sich wieder.

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