Dienstag, 6. Dezember 2011

Das sechste Türchen

Den Tod im Herzen

Sechstes Kapitel


„Du musst hier oben festhalten“, erklärte sein Schulfreund geduldig. „So dass du niemals direkten Kontakt zur Wasseroberfläche bekommst.“
Er hielt Färber den Stiel hin und schaute zu, wie der ungelenk den Wischer bediente, als erneut ein tiefer Ton zu hören war, lauter noch als der erste, und Färber unvermittelt innehielt. Er spürte, wie ihm Schweiß in den Kragen rann und sein Puls sich beschleunigte.
Dieses Geräusch klang nicht nach einer Maschine, aber es hatte auch nichts Menschliches an sich. Es ging ihm durch und durch.
Sein ehemaliger Schulfreund hingegen schien sich überhaupt nicht daran zu stören. „Keine Sorge“, meinte er. Du wirst dich dran gewöhnen. Bei Wind kann die Anlage die tollsten Töne produzieren.
Färber nickte stumm und versuchte, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren.
Seine Armbanduhr zeigte bereits viertel nach sechs. Sie hatten mehrere Wasserwechsel vorgenommen, und er hatte Ammann geholfen, ein neues Aquarium einzurichten.

Endlich öffnete sich die Tür und Sawatzki trat ein. Er sah sehr viel entspannter aus als noch vor ein paar Stunden, das steife Jackett hatte er ausgezogen.  „Na, kommt ihr gut zurecht?“ erkundigte er sich zufrieden. „Ich glaube, Herr Färber kann für heute Schluss machen. Den Rest zeige ich Ihnen dann morgen, es wird ja schon dunkel draußen. Wir erledigen jetzt noch kurz das Schriftliche, dann fahre ich Sie nach Hause.“
Erleichtert legte Färber den Wischlappen zur Seite. Es war seltsam, die ganze Zeit über hatte er weder Hunger noch Durst verspürt, das unwirkliche Licht, das in diesem Raum herrschte, ließ ihn jedes Zeitgefühl verlieren. Doch jetzt, da Sawatzki ihn in die Realität zurückgeholt hatte, sehnte er sich nur noch nach frischer Luft.
Er verabschiedete sich von Ammann und folgte dem Polen zurück in die Bibliothek.

Die Büroräume befanden sich im Obergeschoss. Sawatzki zog die Lamellenabdeckung eines altmodischen Sekretärs in die Höhe und kam mit einem mehrseitigen Schreiben zurück. Erschöpft ließ sich Färber auf den Besucherstuhl am Fenster sinken und blätterte den Vertrag durch. Er schüttelte den Kopf und versuchte, wieder klar zu denken. Eine unangenehme Müdigkeit überfiel ihn plötzlich, er hätte hier und jetzt, in diesem Büro einschlafen können. Mühsam versuchte er, die Augen offen zu halten. Das war zweifellos die seltsamste Abmachung, die er jemals gesehen hatte. Über die Hälfte der Klauseln drehten sich um seine Schweigepflicht. Es war verboten, mit anderen über seine Tätigkeit zu sprechen, Anrufe während der Arbeitszeit waren ebenfalls unerwünscht. Das Wichtigste aber war der Keller. Aus Sicherheitsgründen ist es den Angestellten strengstens untersagt, die Räume des Untergeschosses zu betreten. Färber blies die Backen auf und las weiter. Für seine Rundgänge würde er mit einem Funkgerät ausgestattet werden. Sollte sich eines der Tiere, die er zu betreuen hatte, ungewöhnlich verhalten, war unverzüglich Meldung zu erstatten. Färber griff sich an den Kopf und verkniff sich ein Lächeln. Für ihn waren diese Viecher allesamt ungewöhnlich, krank oder nicht, aber Ammann würde schon die Unterschiede erkennen.

„Alles klar mit Ihnen?“ erkundigte sich Sawatzki. „Dieses Kunstlicht kann einem am Anfang ganz schön zu schaffen machen.“
Färber warf ihm einen verschwommenen Blick zu. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er dem Polen diesen absurden Vertrag vor die Füße geworfen, aber er hatte keine Wahl. Einen anderen Job würde er so schnell nicht finden. So blätterte er nur schweigend bis zum Ende weiter. Der Betrag, den er auf der letzten Seite als monatliches Gehalt entdeckte, ließ ihn kurz zusammenzucken.
„Das ist nicht Ihr Ernst.“ Halt die Klappe, sagte eine Stimme in seinem Kopf, aber er hatte es schon ausgesprochen. „Dafür können Sie zwei ausgebildete Tierärzte beschäftigen.“
Sawatzki lächelte und reichte ihm einen Kugelschreiber. „Wahrscheinlich mehr als zwei“, stimmte er ihm zu. „Aber Kiaroff will Sie haben.“

Als sie den Raum verließen, erkannte Färber durch eines der großen Glasfenster Linea, die auf der Terrasse stand und in die Dämmerung starrte. Etwas an diesem Anblick berührte ihn zutiefst. Sie wirkte so zerbrechlich, und ihr Blick erzählte von einer Bitterkeit, die gar nicht zu diesem elfenhaften Geschöpf passen wollte.
„Hätte ich fast vergessen.“ Mit einem bedeutsamen Lächeln öffnete Sawatzki einen der Wandschränke und reichte Färber eine dunkelblaue Uniformjacke. Dann drängte er ihn zum Ausgang. „Haben Sie einen Wagen?“
Färber dachte an den alten Passat, mit dem er in den letzten Monaten kaum noch gefahren war, weil ihm die Delle am Kotflügel so unangenehm war. Er nickte. Wieder einmal hatte er das Gefühl, der Pole könne seine Gedanken lesen.
„Keine Sorge“, wiederholte Sawatzki einen seiner Lieblingssprüche. „Sie werden sich bald was Neues leisten können.“ Mit ausladenden Schritten lief er die Treppe hinunter.
Färber warf einen weiteren Blick durch die Terrassenfenster, aber das Mädchen war nicht mehr zu sehen. 

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