Freitag, 16. Dezember 2011

Das sechzehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Sechzehntes Kapitel


Um Viertel nach acht erreichte Färber die Zufahrt zum Haus. Schon auf dem Parkplatz kam ihm Sawatzki entgegen. „Verdammt nochmal, was sollte das denn?“ Dann sah er die eingedrückte Rückseite des Wagens.
„Tut mir leid“, erklärte Färber mit gesenktem Kopf. Er hoffte, dass niemand bemerken würde, wie nervös er war. „Mir ist einer hintendrauf gekracht. Und die wollten unbedingt die Polizei dabei haben.“ Seine Stimme wurde immer leiser und verlor sich bei den letzten Worten ganz.
Nachdenklich betrachtete Ammann das Pflaster auf Färbers Stirn.
„Na, ich bin ja froh, dass Sie überhaupt gekommen sind“, erwiderte er etwas versöhnlicher. „Kommen Sie, holen wir uns erst einmal einen Kaffee.“
Der Kies knirschte laut unter ihren Füßen und Färber spürte, wie ihm schwindelig wurde. Er hielt sich an dem kurzen Treppengeländer fest und schlurfte hinter dem Polen die Stufen hinauf zum Eingang.

In der Küche setzte er sich auf die Eckbank und ließ sich dankbar von Linea einen Kaffee einschenken. Der Duft und die Wärme weckten langsam seine Lebensgeister. Zum zweiten Mal erzählte er seine Geschichte und erntete einen mitleidigen Blick.
„Um einen Wagen kümmern wir uns später“, sagte Sawatzki und holte eine Zigarette aus seinem Etui. Er suchte nach seinem Feuerzeug und sah beinahe wie ein Mensch aus.
Färber lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen.
„Ist Schreier schon auf seiner Runde?“ erkundigte er sich beiläufig.
„Schreier?“ Sawatzki zog die Stirn in Falten. „Der ist heute noch gar nicht erschienen. Ich bin gespannt, welche Ausrede er parat hat, wenn er auftaucht. Falls er überhaupt auftaucht.“ Er nippte an seinem Kaffee und klopfte Färber auf die Schulter. „Es ist eben immer ungünstig, wenn man so kurzfristig neue Leute einstellen muss.“
Färber saß wie erstarrt auf seinem Platz, die Hände um die heiße Tasse verkrampft, bis seine Finger schmerzten.
„Geht es wieder?“ fragte Linea, die diesmal ein dunkelblaues Kleid trug, das sich kaum von der Uniform der letzten Tage unterschied. Sie holte eine Packung Kamillentee aus dem Schrank und ließ einen Beutel in eine Tasse gleiten.
„Für Ihren Vater?“ Färber wartete auf ihre Reaktion, doch sie stockte nur kurz in der Bewegung und lächelte ihm freundlich zu.
„Ja, er ist gestern aus Basel zurückgekommen.“
„Ach so.“ Färber senkte den Blick, damit sie sein nervöses Zwinkern nicht bemerkte. Sie lügt, dachte er, und eine kalte Hand legte sich auf seine Gedanken. Weshalb lügt sie mich an? „Was war denn das für eine Messe?“ wagte er sich einen Schritt weiter vor.
Ihr Lächeln gefror zu Eis. Rasch wandte sie sich wieder der Teetasse zu, griff in eine große Porzellandose und legte einen Keks dazu. „Irgendwas mit Landmaschinen.“
Kiaroff isst Kekse? Der Gedanke fuhr ihm mitten in die Stirn, brachte die Platzwunde erneut zum Pochen. Herrgott, warum sollte er keine Kekse essen. Färber versuchte, die Überlegung zu verdrängen, aber es gelang ihm nicht. Weil er nicht danach aussieht, antwortete die Stimme, die sich ständig in seine Selbstgespräche einmischte. Er sieht aus, als hätte er seit Ewigkeiten nichts zu sich genommen.

„Blödsinn“, murmelte Färber in seinen Kaffee und verstummte sofort, als sich Sawatzki zu ihm umdrehte. Aber es stimmte, Kiaroff sah nicht einfach krank aus, er wirkte ausgetrocknet, so als würde das Leben nach und nach aus ihm herausgesogen.
„Was haben Sie gesagt?“ fragte Sawatzki und holte ein Taschentuch hervor, mit dem er sich die Stirn abtupfte.
„Nichts, gar nichts. Ich werde dann mal…“ Färbers Knie knackten laut, als er sich von der Bank erhob. „…wieder an die Arbeit gehen.“ Er quälte sich an Sawatzki vorbei und betrachtete dabei Linea, deren Augen heute tief in dunklen Höhlen lagen. Was auch immer mit Kiaroff nicht stimmte, es hatte seinen Schatten bereits auf alle Bewohner dieses Hauses geworfen.

Schaudernd machte Färber seine Jacke zu und ging hinaus zum Tor, um seinen Notizblock zu holen. Bisher hatte er sich hin und wieder die Zeit mit Kreuzworträtseln vertrieben, wenn nicht gerade der Junge aufgetaucht war, um eine seiner unmöglichen Geschichten zu erzählen. Die Illustrierte vom Vortag lag noch in der Schublade, doch Färber konnte sich nicht auf ein einziges Wort konzentrieren. Unruhig überblickte er den Garten und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Aber an diesem Vormittag blieb alles ruhig.
Um kurz vor zwölf kam Sawatzki an das Pförtnerhäuschen, unter dem Arm einen Schirm und in der Hand den Autoschlüssel. „Ich fahre kurz in die Stadt, was zu essen holen. Soll ich Ihnen irgendwas mitbringen?“
Färber schaute von seiner Zeitung auf. Sein Kopf pochte nur noch leise, aber er fror erbärmlich. Der Himmel versprach Regen, und es war düster wie an einem Winternachmittag. „Danke, ich brauche nichts“, murmelte er. „Höchstens einen Beutel Orangensaft.“ Er suchte nach seiner Geldbörse. „Soll ich Ihnen das Geld geben?“
Sawatzki winkte ab. „Bis gleich.“

Als Sawatzki verschwunden war, versuchte Färber, sich zu beruhigen. Wahrscheinlich hatte der Pole recht. Er hatte in seinem Arbeitsleben eine Menge unzuverlässiger Gesellen kennengelernt. Wie konnte er so sicher sein, dass Schreier anders war?
Mitten in seinen Überlegungen stellte Färber erschrocken fest, dass er sich bereits auf dem Weg um das Grundstück befand. 

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