Mittwoch, 7. Dezember 2011

Das siebte Türchen

Den Tod im Herzen

Siebtes Kapitel


Am nächsten Morgen quälte Färber also den Passat die steile Steigung hinauf. Zu Anfang war er sich gar nicht sicher, ob er den richtigen Weg erwischt hatte. Bei diesem Dämmerlicht sah alles gleich aus. Der Motor gab ein paar Mal seltsame Geräusche von sich, und Färber befürchtete schon, er könne auf halber Strecke liegen bleiben. Endlich lichteten sich die Tannen, und vor ihm tauchte der gepflasterte Vorplatz mit dem schmiedeeisernen Tor auf.
Auf sein Klingeln meldete sich eine undeutliche Stimme durch die Sprechanlage. Dann öffneten sich langsam die Torflügel. An der Eingangstür erwartete ihn Linea. Sie sah ihn interessiert an. „Heute bekommen Sie einen neuen Kollegen.“
„Tatsächlich?“ Färber reckte sich, um ihr über die Schulter zu schauen, aber er konnte niemanden entdecken.
Sie strich nervös über den Kragen ihrer Uniform. „Herr Sawatzki zeigt ihm gerade den Garten.“
Färber nickte. Stumm registrierte er, wie sie sich nach allen Seiten umsah. Sie war wirklich ein hübsches Mädchen, aber sie wirkte so…Ihm fiel überhaupt kein passendes Wort dafür ein. Nicht von dieser Welt, dachte er. Das traf es wohl am besten.

Stärker noch als am Vortag hatte Färber das Gefühl, mitten in einem Märchen gelandet zu sein, als er durch die Tür hinter dem Vorhang schlüpfte und die Halle mit den Aquarien betrat.
Wie ein Schemen tauchte Ammann aus den Schatten auf. „Freitag“, erklärte er mit wichtiger Stimme, als Linea gegangen war. „Heute zeige ich dir die Wassertests. Du musst die Ergebnisse in der Tabelle hier eintragen. Kiaroff erwartet jeden Freitag einen Bericht.“ Er hielt Färber einen grünen Schnellhefter unter die Nase.
Färber stöhnte genervt. Hartmut Kiaroff hatte in den 80ern ein Imperium erschaffen. Aus dem Nichts. Und jetzt hatte er offenbar nichts anderes mehr im Kopf als seine Fische. Er schloss für einen Moment die Augen und rieb sich die Schläfen. Das Summen der unterirdischen Anlage dröhnte in seinen Ohren, und dieses grünliche Licht machte ihn schon wieder träge und schläfrig. In Gedanken suchte er nach einem Haken, an dem er sich an der Realität festklammern konnte. Es fühlte sich an, als sei er selbst ein Teil dieser unwirklichen Unterwasserwelt, sogar seine Bewegungen schienen langsamer zu werden.

„Was ist mit dem Neuen?“ erkundigte er sich, um das Gespräch in Gang zu halten.
„Keine Ahnung.“ Ammann wandte ihm den Rücken zu und schritt prüfend an den einzelnen Becken entlang. „Soll noch sehr jung sein. Du wirst ihn später kennenlernen. - Das sieht nicht gut aus“, murmelte er im nächsten Moment. Färber betrachtete seinen Freund, der sich ein Stück weiter hinten über ein Becken mit der Aufschrift Floralis beugte. „Gut, dass Kiaroff in Basel ist. Hilf mir mal, vielleicht können wir noch welche retten.“

Färber betrachtete die beiden violetten Tiere, die sich gemächlich durchs Wasser bewegten. „Wasserschlangen?“ fragte er.
Ammann nickte. „Müssen unheimlich selten sein. Die findest du in keinem Lexikon. Wir versuchen seit Monaten, sie zu züchten, aber jedesmal geht was schief. Ich hätte den Alten gestern umsetzen sollen, aber ich dachte, das dauert noch ein paar Tage, bis sie ihre Eier ablegt.“ Er deutete auf einige gallertartige Klumpen, die an der Unterseite eines Blattes klebten. Darin schimmerten winzige Kügelchen wie Glasperlen. Weitere Gelatinefetzen schwammen an der Wasseroberfläche. Das größere Tier, das sich durch einen hellen Fleck an der Seite von seinem Artgenossen unterschied, versteifte sich plötzlich und änderte die Richtung. So schnell, dass Färber ihm kaum mit den Augen folgen konnte, schoss es auf die Laichpakete zu und schnappte danach. Jetzt waren nur noch drei der unförmigen Klumpen übrig.

„Oh, Scheiße!“ Ammann wurde nervös. „Schnell, wir müssen ihn raus fangen, bevor er die ganze Brut auffressen kann. Kiaroff wird durchdrehen, er hängt mir seit Wochen damit in den Ohren.“
Färber betrachtete Ammann stumm. Er fand die ganze Aufregung reichlich übertrieben, und er war schrecklich müde.
„Hast du ein Netz?“ fragte er, aber Ammann hatte sich bereits abgewandt.
Er verschwand in den angrenzenden Nebenraum und kehrte mit einem Kescher zurück. Seine Hände steckten in grünen Gummihandschuhen. „Das ist eben die Kehrseite der Medaille.“
„Wieso?“
„Weil die Biester giftig sind. Sie geben das Gift über die Haut ab, eigentlich mehr eine Art Säure. Das hat zumindest Sawatzki behauptet, und der arbeitet direkt mit den Lieferanten zusammen.“
Färber fragte sich, was diese Lieferanten für Leute sein mochten. Arme Fischer, eiskalte Geschäftsleute? Wo begann die Kette, und wo endete sie?
 „Du hältst den Eimer“, bestimmte Ammann. Er füllte einen großen gelben Plastikeimer zur Hälfte mit handwarmem Wasser, anschließend hängte er das Netz ins Becken und verharrte reglos.
Färber hielt den Atem an. Mit einer einzigen geübten Bewegung riss Ammann den Kescher nach vorne. Die Wasserschlange, die Färber eher an einen jungen Aal erinnerte, zappelte im Netz. Langsam und mit voller Konzentration hob Ammann das Netz aus dem Wasser. Er beugte sich vor und hielt möglichst viel Abstand zu dem Tier, wich sogar den spritzenden Wassertropfen aus. Dann war die Schlange im Eimer, und Färber atmete auf.

„So, und jetzt machst du…wo hast du denn den Deckel gelassen?“
„Deckel?“ Färber stockte der Atem. Er hatte vorhin einen Deckel gesehen, ein rundes Plastikteil, genauso gelb wie der Eimer. Er musste hier irgendwo liegen. „Ich suche ihn.“
„Kein Problem.“ Ammann hielt das Netz notdürftig über die Öffnung des Eimers. 
Färber warf einen letzten Blick auf das violette Etwas dort im Wasser und sah, wie sich die Schlange zu einem Fragezeichen krümmte, sah die angespannten Muskeln unter der glänzenden, dunklen Haut. Ziellos lief er an den Regalen entlang. Seine Schritte quietschten auf dem Linoleum, aus dem Keller dröhnte die Aufbereitungsanlage, dann erklang ein patschendes Geräusch. 
Hinter ihm stieß Ammann einen gurgelnden Schrei aus.

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