Samstag, 17. Dezember 2011

Das siebzehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Siebzehntes Kapitel


Es war genau zwölf Uhr, eigentlich noch zu früh für seine nächste Runde, aber auf dem ganzen Gelände begegnete er niemandem, dem das hätte auffallen können. Alles war wie sonst, er kontrollierte die Zäune, den Hintereingang, und hielt gleichzeitig Ausschau nach etwaigen Gestalten, die sich im Gebüsch versteckt haben könnten. Wie jedesmal kam er sich lächerlich vor dabei, so ganz ohne Waffe, nur mit einem Notizblock und dem Funkgerät in der Tasche, aber das war eben sein Job, er hatte sich darauf eingelassen und würde jetzt nicht bei der ersten Gelegenheit alles hinschmeißen.

Als er die Rückseite des Hauses erreichte, wusste Färber plötzlich mit Sicherheit, was ihn hierher geführt hatte. Das Summen der Anlage war an dieser Stelle auch im Freien deutlich zu hören, ein tiefer Brummton, der die Steinplatten des Gartenweges vibrieren ließ. Diese Strecke, dicht an den roten Backsteinmauern vorbei, gehörte überhaupt nicht zu seinem üblichen Weg, und ihn überkam eine leise Panik, als hinter ihm etwas knackte. Doch nur eine Amsel hüpfte aus dem Gehölz eines Busches hervor und flog in den trostlosen Himmel hinauf. Die Mitte der Hauswand war von einer dicken Schicht Ranken überwuchert. Färber musste an die Dornröschenhecke denken, in der alle Verehrer hängen blieben, um eines langsamen qualvollen Todes zu sterben. Es roch modrig in diesem Teil des Gartens, während kaum fünfzig Meter entfernt in einem gepflegten Blumenbeet die ersten Astern blühten, schien hier seit langem niemand mehr gewesen zu sein. Färber stolperte über eine Baumwurzel und fing sich gerade noch an den Ästen einer verkrüppelten Birke ab. Erschrocken hielt er inne und besah sich den Übeltäter. Aber es war gar keine Wurzel, die ihn zu Fall gebracht hatte. Wenige Zentimeter eines grauen, moosbewachsenen Rohres ragten aus der Wiese, die an dieser Stelle schlammig war wie ein Seeufer. In unregelmäßigen Abständen ergoss sich übel riechendes Wasser aus der Röhre und versickerte sofort im Boden. Von hier also kam der faulige Geruch, den er wahrgenommen hatte. Färber beugte sich vorsichtig herunter und betrachtete seinen Fund. Ein Stück Abflussrohr, nichts weiter. An den Rändern schmutzig und pilzbewachsen schien es ihn anzustarren. Nur das Summen wurde, als er den Kopf beugte, so durchdringend, dass es ihn beinahe um den Verstand brachte. Von hier aus klang es vollkommen anders, lebendig und düster. Ein wenig erinnerte es ihn an den Gesang der Wale, aber da war noch etwas anderes dabei, etwas, das ihn fort trug nach nirgendwo. Mit zusammengepressten Lippen stand er da und ignorierte den Druck, der durch diese Haltung in seinem Kopf entstand. Erst nach einigen Minuten hielt er es nicht mehr aus. Es kam ihm vor, als erwache er aus einem Traum, und er musste sich tatsächlich von dieser Stelle losreißen. Erschrocken hielt er sich die Ohren zu. Niemand konnte ihm erzählen, dass dieser Ton von einer Maschine stammte, was solche Geräusche produzierte, musste ein Lebewesen sein. Diese Töne folgten ihrer eigenen Melodie, der schönsten und zugleich schrecklichsten, die er je gehört hatte.

Mühsam stakste er über den morastigen Boden hinweg zurück auf den Weg. Er wollte fort von hier, zurück zu seinem Häuschen, zu seiner Illustrierten. Vor Kälte schlugen seine Zähne aufeinander, während er sich die Schuhe am Gras abstreifte.
Dann fiel sein Blick noch einmal auf die Hauswand. Viel war von dem alten Gemäuer nicht zu sehen, eine dicke Schicht zum Teil längst abgestorbener Efeuranken kroch ums Haus und verdeckte den roten Backstein bis hinauf zu den Fenstern im Obergeschoss. Etwas weiter rechts, keine zehn Meter von dem Rohr entfernt, schienen die gelblichen, vertrockneten Blätter von jemandem plattgetreten worden zu sein. Färber schaute genauer hin. Der Unterschied war kaum zu erkennen, aber er war da. Mit klopfendem Herzen schlug er einen Bogen über die Wiese ein und näherte sich abermals dem Haus. Er blieb stehen und lauschte, doch außer dem Rauschen des Windes war nichts zu hören. Nicht einmal das Summen aus dem Rohr trug bis hierher. Er betrachtete die Ranken, die teilweise nur noch an wenigen Stellen Halt an der Mauer gefunden hatten. Einige von ihnen hingen nur noch wie ein gelblicher Vorhang herab, und mit klammen Fingern machte er sich daran, das Gewirr aus Pflanzen zur Seite zu schieben.

Zunächst kam nur ein Stück Mauerwerk zum Vorschein. Der Stein zeigte bereits erste Risse, etwas weiter unten ertastete Färber eine Vertiefung in der Wand. Das schien das Kellerfenster zu sein, von dem Schreier gesprochen hatte. Mühsam arbeitete er sich weiter vor. Die Efeuranken schlugen ihm ins Gesicht, als wollten sie ihn für seine Neugier bestrafen. Färber ging in die Hocke, er konnte kaum etwas erkennen. Dann hatte er endlich die schmutzige Scheibe vor sich. Das Fenster war geschlossen, von innen erkannte er undeutlich den rostigen Riegel. Es war zweifellos groß genug, um einen Menschen durchzulassen. Jetzt, so nahe am Glas, konnte er auch das Summen wieder hören, es wirkte einschläfernd und jagte ihm zugleich eine Gänsehaut über den Rücken. Färber hatte nur den einen Wunsch: endlich von hier zu verschwinden. Trotzdem versuchte er, einen Blick durch die Patina aus Schmutz ins Innere des Kellers zu werfen, aber es war aussichtslos. Von drinnen empfing ihn nichts als Dunkelheit.

Als er sich gerade abwenden wollte, schien sich plötzlich etwas dort unten zu regen. Es war nur ein Schatten, der Hauch einer Bewegung irgendwo rechts, fast schon außerhalb seines Blickfeldes. Färber verbog sich den Hals, um weiter hinein sehen zu können. Schreier, schoss es ihm durch den Kopf. Was, wenn etwas schief gegangen war, wenn er dort unten eingesperrt war? Er klopfte sachte gegen die Scheibe und erschrak im selben Moment. Wer sagte ihm denn, dass es Schreier war, der dort drinnen zugange war? Und würde der Junge nicht laut um Hilfe rufen, wenn er im Keller festsäße? Ein letztes Mal brachte er das Gesicht dicht vor das Glas und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen, aber da war nichts, nur das Summen war lauter geworden. Eigentlich war es gar kein Summen mehr, es war ein Lied, eine Melodie, die er nicht greifen konnte und die ihn auf beängstigende Weise gefangen nahm. Es ruft dich, dachte Färber und glaubte, wahnsinnig zu werden. Was immer sich in diesem Keller befindet, es will, dass du zu ihm hereinkommst. Dann hatte er den unsichtbaren Bann durchbrochen und zog eilig den Kopf zurück. Die Platzwunde an seiner Stirn pulsierte. Ohne sich darum zu kümmern, ob Ammann oder einer der anderen ihn sehen würde, machte er sich so schnell er konnte auf den Rückweg zum Pförtnerhäuschen. Mit jedem Meter, den er sich vom Haus entfernte, kamen ihm seine eigenen Gedanken lächerlicher vor.

Dort unten befand sich irgendeine Maschine, die seltsame Geräusche produzierte. Sein neuer Kollege hatte einen über den Durst getrunken und war nicht zum Dienst erschienen. Daran war nichts Ungewöhnliches. Langsam fängst du an zu spinnen, dachte Färber bitter und holte die Illustrierte aus der Schublade. Der Schatten, den er gesehen zu haben glaubte, hatte vermutlich zu Kiaroff gehört, der dort unten nach dem Rechten sah – vorausgesetzt, es hatte überhaupt einen Schatten gegeben. Nicht einmal dessen konnte er sich sicher sein. Als er sich gerade über das Kreuzworträtsel beugte, hörte er Sawatzkis  Mercedes den Berg hinauffahren. 

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