Sonntag, 4. Dezember 2011

Das vierte Türchen

Den Tod im Herzen

Viertes Kapitel

„Jetzt leck mich doch am Arsch!“ brüllte eine Stimme, die Färber unter tausenden wieder erkannt hätte. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte ein paar Mal, bevor er sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatte. Dieser Raum besaß offenbar kein einziges Fenster. Stattdessen erfüllte ein geradezu gespenstisches Leuchten die langgestreckte Halle, und jetzt erkannte Färber auch, woher dieses Leuchten kam. Links und rechts eines breiten Mittelganges erstreckten sich in zwei langen Reihen unzählige Aquarien. Hinter einer der dicken Säulen trat Ammann hervor, sein Gesicht war rötlich verfärbt, einer der hochgekrempelten Hemdsärmel durchnässt bis zur Schulter.
„Das Viech wollte mich schon wieder beißen“, sagte er mit einem Schulterzucken, als er die beiden bemerkte. Dann hellte sich seine Miene deutlich auf. „Mensch, Dirk! Du hast dich überhaupt nicht verändert.“

Färber bekam einen Hustenanfall, der in ein heiseres Lachen überging. Er konnte nichts dagegen tun, irgendwie war dieser Vormittag zuviel für ihn gewesen.
 „Du schon!“ gluckste er und hoffte im selben Augenblick, dass Ammann ihm diese Aussage nicht übel nahm, aber es war wirklich nicht zu übersehen.
Aus dem zierlichen Matthias Ammann, der noch im letzten Schuljahr wegen seiner geringen Körpergröße gehänselt worden war, war ein massiger Kerl geworden, dafür war von seiner ehemals blonden Mähne nicht mehr allzu viel übrig geblieben.  Zwischen den kurzgeschnittenen Haaren  zeigten sich erste kahle Stellen.
Ammann schenkte ihm ein zerknittertes Grinsen. „Was willst du machen, so ist das eben mit den Hormonen. Erst lassen sie sich nicht blicken, und wenn sie dann kommen, ist es gleich wieder vorbei mit der Schönheit.“

Färber nickte. Noch immer konnte er es nicht recht glauben, den Kleinen hier wiederzutreffen. Nach dem Schulabschluss hatte er Ammann noch drei- oder viermal gesehen, danach hatte es seinen Freund ins Ruhrgebiet verschlagen, und die Verbindung war nach einem halben Jahr ganz abgebrochen.
„Wie bist du bloß auf die Idee gekommen, mich für diese Stelle zu empfehlen?“ fragte er nachdenklich, nachdem ihm Ammann lange genug auf die Schulter geklopft hatte.
„Kiaroff sucht nicht irgendwelche Mitarbeiter. Sie müssen zuverlässig sein, und vor allem verschwiegen. Er hängt schrecklich an diesen Biestern hier, und die meisten davon sind wohl illegal eingeführt worden“, erklärte Ammann und zeigte auf eines der Aquarien.
Färber trat näher heran. Auf dem hellen Kies wuchs eine dünne Algenschicht. Zwischen einer Gruppe rötlicher Anemonen machte er mit Mühe eine Gruppe winziger, unscheinbarer Fische aus. Ansonsten gab es außer ein paar Wurzeln nicht viel zu sehen. „Und wer hat den Job vorher gemacht?“
„Sawatzki und ich. Die beiden Idioten, die Kiaroff noch eingestellt hatte, hatten plötzlich keine Lust mehr. Nach ein paar Wochen haben sie sich einfach nicht mehr blicken lassen.“
„Und da bist du nach all der Zeit ausgerechnet auf mich gekommen?“ 
„Vor zwei Jahren ist mein Vater gestorben“, erklärte Ammann und begann, mit einem Lappen übergelaufenes Wasser aufzuwischen. „Ich hatte sowieso gerade meine Stelle verloren. Also kam ich zurück. Ich war bei deinen Eltern, weil ich deine neue Adresse nicht hatte. Sie haben mir dann von der Sache erzählt.“

Färber wurde blass. Erschrocken sah er sich nach dem Mädchen um und stellte fest, dass sie gegangen war. Machte er sich tatsächlich Hoffnungen auf diesen Job? „Wenn Kiaroff ein Führungszeugnis verlangt, bin ich draußen“, erklärte er lahm.
Ammann schüttelte traurig den Kopf. „Du solltest dir nicht zu viele Sorgen machen. Ich schätze, Sawatzki weiß längst Bescheid über deine Vergangenheit. Stand ja damals wohl in der Zeitung, oder?“
Färber schluckte bitter. Ja, es hatte in der Zeitung gestanden, und nicht nur in einer. Verzeih mir, Jessy. Der Gedanke begleitete ihn seit jenem verfluchten Nachmittag vor zwei Jahren, aber es war ein sinnloser Gedanke. Für einen wie ihn gab es keine Gnade. Daran änderten auch die mitfühlenden Blicke der Nachbarn und Bekannten nichts. Er konnte das Eis hinter der warmen Fassade ihrer Gesichter spüren. Ein Kerl, der seine Frau verprügelte, gehörte weggesperrt, am besten für immer. In seinem Inneren wand sich die Scham wie ein verletztes Ungeheuer.

Ammann sah aus, als suche er nach einer Gelegenheit, das Thema zu wechseln. Er rieb sich verlegen über die stoppelige Wange. „Sawatzki wird dich später draußen einweisen. Als Wachmann hast du ohnehin nicht viel zu tun.“ Er betrachtete lächelnd seine Fingernägel. „Die wenigsten Leute wissen wohl, dass hier oben überhaupt jemand wohnt.“
„Moment mal.“ Färbers Blick fiel auf den altmodischen Telefonapparat an der Wand.
Ammann schien seine Gedanken zu lesen. „In diesem Teil des Hauses funktionieren keine Handys, weiß der Teufel warum. Liegt vielleicht an irgendwelchen Schwingungen. Und falls du mal etwas brauchen solltest…“
„Was heißt das?“ Erschrocken betrachtete Färber die Tür zur Bibliothek. Sie sah wirklich verdammt massiv aus. „Sag mir nicht, sie hat uns eingeschlossen.“
„Reg dich ab! Kiaroff will eben sicher gehen, dass niemand unbefugt in sein Heiligtum vordringen kann.“ Ammann zog die Augenbrauen bedeutsam in die Höhe. „Aber auf Linea kannst du dich verlassen.“
„Und wenn der Apparat mal kaputt ist?“
Ammann hob den Hörer ab. „Ist er aber nicht. Im schlimmsten Fall müssen wir wohl Klopfzeichen machen.“ Er trommelte fröhlich gegen die Wand.

Färber fand das absolut nicht komisch. Feindselig starrte er einen leuchtendblauen Fisch an, der rechts von ihm seine Runden zog. Er schaute zu, wie Ammann seelenruhig ein paar Utensilien ins Regal zurückstellte. Färber schluckte. Er wollte diesen Job, und er würde sich nicht gleich wieder alles versauen. Vielleicht war er ja wirklich zu empfindlich.
„Dahinten ist der Flur“, erklärte Ammann und zeigte nach rechts. „Toilette, Werkraum, alles, was du so brauchst.“
„Und wo geht es da hin?“ Er zeigte auf eine weitere Tür, die ihm gerade erst aufgefallen war.
„Da geht’s in den Keller runter.“
„In den verbotenen Keller?“
Ammann blickte ihn eindringlich an. „So ist es.“

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