Samstag, 24. Dezember 2011

Das vierundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Vierundzwanzigstes Kapitel


Der Druck des Pistolenlaufs ließ nach. Das Summen erfüllte jetzt den ganzen Raum, es wurde so stark, dass es offenbar selbst Sawatzkis Hörschutz durchdrang. Durch den Dampf hindurch erkannte Färber, wie sich die Augen des Polen trübten. Sawatzki trat einen wankenden Schritt zurück, dann wurde er plötzlich zur Seite geschleudert. Ein Schuss löste sich, und die Hand mit der Waffe fuhr wild durch die Luft. Dann schlug der Pole hart auf dem Beckenrand auf. Den Oberkörper halb in das seichte Wasser getaucht, hing er reglos über der Brüstung. Mit Blut vermischtes Wasser schwappte über den Rand, Sawatzkis Blut, das ihm als roter Strom aus Nase und Ohr floss.

Der Gesang der Sirenen hatte sich verändert. Zwischen den langgezogenen Tönen spürte Färber Schmerz und eine unglaubliche Wut mitschwingen. Als er aufsah, stand Linea vor ihm. Die Eisenkette, mit der sie den Polen niedergeschlagen hatte, fiel klirrend zu Boden, dann streckte sie die Hände aus, um Färber aus dem Wasser zu ziehen.
Färber versuchte, sich an ihr festzuklammern, aber ihm fehlte die Kraft. In seinem Rücken spürte er eine heftige Bewegung. Es war zu spät, die beiden Bestien waren bereits hinter ihm, noch ein oder zwei Sekunden, dann würden sie ihn endgültig in sein feuchtes Grab hinab zerren. Im Grunde war ihm das nicht mehr wichtig, nichts war mehr wichtig, außer dieser wunderschönen Melodie…Er wollte Lineas Hand loslassen, wollte ihr sagen, dass es keinen Zweck mehr hatte. Sich einfach treiben lassen, weit fort von all seinen Problemen, dann spürte er eine brennende Berührung, die sofort wieder verschwunden war. Sie kamen, aber sie wollten nicht ihn!

Hilflos musste Färber mit ansehen, wie die beiden Kreaturen dicht an ihm vorbei glitten. Die kleinere, die er für das weibliche der beiden Wesen hielt, kippt noch in der Bewegung zu Seite. Blut floss ihr über den Rücken hinab, und sie stieß einen röchelnden Schrei aus, der beinahe menschlich klang. Der Schuss schien sie am Hals erwischt zu haben. Der größere peitschte mit gewaltigen Schwimmstößen das Wasser auf, der schuppige Schwanz schillerte in allen Regenbogenfarben, und für eine einzige Sekunde glaubte Färber, Kiaroff zu verstehen, jeden zu verstehen, der bereit war, für den Besitz dieser Wesen zu töten. Dann zerrten zwei kräftige Arme den bewusstlosen Sawatzki ins Wasser.

„Los, raus da. Verdammt, bist du schwer.“ Linea  zog an seinen Handgelenken, bis es knackte. Der Gesang der Sirenen war vollständig verstummt, stattdessen hörte Färber nur noch, wie das Wasser in hohen Wellen über Sawatzki zusammenschlug. Mühsam tauchte Färber aus der Lethargie auf und hob ein Bein über den Rand.
Auf der Bank saß Kiaroff, ein Bündel Kleider, aus denen sein fahles Gesicht herausschaute, starr vor Entsetzen.
„Was tun sie da?“ flüsterte er heiser.
Linea wartete, bis Färber vollkommen aus dem Wasser heraus war, dann sah sie ihren Vater an. „Dasselbe, was sie mit all den anderen gemacht haben. Nicht wahr, Vater?“
Färber sank auf die Knie und betrachtete das unglaubliche Schauspiel, er konnte nichts tun. Sein Verstand war ausgeschaltet, und er war nicht sicher, ob er sich jemals ganz zurück melden würde. Linea beugte sich zu ihm herunter, ihr Gesicht schwebte dicht über seinem, ein fahler Fleck zwischen den blendenden Deckenlichtern.
„Es tut mir so leid“, flüsterte sie.
Färber musterte sie mit einem erschöpften Blick. „Sie haben ihnen Menschen geopfert“, sagte er leise. „Du musst davon gewusst haben.“
Er starrte zu den beiden Kreaturen hinüber. Der Sturm hatte sich gelegt. Das tote Weibchen lag jetzt am Rand der kleinen Insel, das Männchen kauerte ein Stück von ihr entfernt und musterte Färber aus seinen dunklen tränenlosen Augen. Er konnte die Wut darin spüren.

Linea betrachtete ihn mit einem gequälten Blick, ihre Haut wirkte beinahe durchscheinend. „Nicht das mit den Kindern.“
Die Kinder. Seine Tochter. Das Zimmer begann sich um Färber zu drehen. Er stürzte auf Kiaroff zu und packte ihn am Kragen. „Haben Sie…“, setzte er keuchend an und schnappte nach Luft.  Am Beckenrand trieb eine Hand. Färber konnte die blasse Stelle erkennen, an der Sawatzki seine Armbanduhr getragen hatte. Er musste würgen. „Gab es da ein kleines Mädchen?“ wandte er sich erneut an Kiaroff, der starr an ihm vorbei blickte. „Ein Baby, zehn Monate alt? Vor zwei Jahren im September, sie hatte einen roten Strampler an und…“ Seine Stimme versagte. „Und eine weiße Jacke.“ Durch den Schleier aus Tränen konnte er erkennen, wie der Millionär ihn anlächelte.
„Sawatzki ist fort“, sagte Kiaroff leise und blickte verklärt zu ihm auf. „Wollen Sie seine Stelle übernehmen? Alles was Sie tun müssen ist schweigen. Das können Sie doch, nicht wahr? Schweigen?“

Färber ließ von dem Mann ab. Kiaroff war ohne Zweifel wahnsinnig. Aus ihm würde er nichts heraus bekommen.
In diesem Moment setzte der Gesang wieder ein, zunächst ganz leise. Das Wesen lag dicht neben seiner toten Gefährtin auf der künstlichen Insel und sah unentwegt zu ihnen hinüber. Es öffnete seine Lippen und entblößte widerlich lange Fangzähne. Die Melodie klang wütend, drängend, aber auch wunderschön. Sie fuhr Färber mitten zwischen die Augen.
„Geh! Beeil dich!“ rief Linea. Sie musste schreien, um das unirdische Summen zu übertönen, von dem jetzt der ganze Raum erfüllt war.
Färber presste beide Hände auf seine Ohren. Jene seltsame Trägheit kehrte zurück, er hatte keine Zeit zu verlieren. „Komm mit“, schrie er sie an. „Wir müssen hier raus.“
„Gleich.“ Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos, als sie sich an Kiaroffs Kette zu schaffen machte. Der Gesang schwoll an, stärker als die Male zuvor. Hinter Färbers Stirn breitete er sich in Wellen über seinen ganzen Körper aus. Er versuchte, Lineas Handgelenk zu ergreifen, doch sie entwand sich mühelos seinem Griff. 

Färber konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Er spürte, wie seine Kräfte schwanden. Taumelnd machte er sich an den Abstieg, er nahm zwei Stufen auf einmal und schlug heftig am Fuß der Treppe auf. Seine Bewegungen waren viel zu langsam, wie durch trübe Suppe kämpfte er sich vor, vorbei an Ammanns Leiche, die mit verdrehten Gliedmaßen auf den Fliesen lag, dann hatte er den Ausgang erreicht. Sein Schädel hämmerte, aber er war froh, dass die Töne sein Schmerzempfinden noch nicht vollständig ausgeschaltet hatten.
„Linea!“, rief Färber, so laut er konnte, aber er erhielt keine Antwort. Er kniff die Augen zusammen, um durch den Dampf hindurch etwas erkennen zu können. Endlich entdeckte er die beiden schmalen Gestalten, Vater und Tochter. Wie Kinder hielten sie einander an den Händen. Färber wollte schreien, doch kein Ton kam aus seiner Kehle. Dann kehrte sein Blick zu Ammann zurück, zu der Waffe, die seinem Freund aus der Hand gefallen war.
Seine Schritte knallten wie Peitschenhiebe auf dem Boden, während er mit gezogener Waffe die Stufen hinaufrannte. Dann zielte er mitten auf den Kopf des Monstrums, genoss die Sekundenbruchteile, als sich die Gier darin in kalte Angst verwandelte, bevor er endlich ein Ende machte…

Benommen stellte Färber fest, dass er keinen einzigen Schritt gemacht hatte. Noch immer stand er im Türrahmen, presste beide Hände auf die Ohren und starrte zu Linea hinauf. Es wirkte beinahe zärtlich, wie sie ihrem Vater über den Rand des Beckens half. Ein letztes Mal drehte sie sich um, und Färber glaubte, ein Lächeln von ihrem Gesicht abzulesen. Dann wateten beide, Vater und Tochter ins Wasser hinein. Über Färbers Wangen liefen Tränen. Er dachte an seine Tochter, und dass er jetzt niemals die Wahrheit erfahren würde. Behutsam schloss er die Tür hinter sich und schlurfte zur Kellertreppe.
Es gab keinen Grund mehr, sich zu beeilen.

ENDE


Liebe Leser und Besucher dieser Seite,
und damit ist diese Geschichte auch schon wieder zu Ende. Ich hoffe, Sie hatten ein wenig Spaß beim Lesen und haben sich gut unterhalten gefühlt. 
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Und damit es auch hier ein wenig weihnachtlicher zugeht, werde ich morgen pünktlich zum ersten Feiertag noch eine kleine Geschichte hochladen. Der Titel lautet: "Das wahre Christkind"
Nun bleibt mir nur noch, Ihnen und Ihren Familien eine gesegnete Weihnacht zu wünschen. Bleiben Sie alle gesund und schauen Sie gerne bei Gelegenheit wieder vorbei.

Herzliche Grüße
Birgit Böckli



Kommentare:

  1. Hallo Birgit,
    vielen Dank für diese Geschichte, ich habe mich geduldet, bis die letzten 12 Kapitel da sind, nun kann ich die 2. Hälfte lesen.
    Liebe Grüße und schöne Weihnachten
    Petra

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  2. Hallo Petra,
    na, dann wünsche ich dir viel Spaß mit der zweiten Hälfte. Und einen schönen zweiten Feiertag, auch wenn der schon bald wieder vorbei ist.
    Herzliche Grüße
    Birgit

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