Mittwoch, 14. Dezember 2011

Das vierzehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Vierzehntes Kapitel


Färber überlegte, was er antworten sollte. Nur mit Schrecken rief er sich die grässlichen Geräusche in Erinnerung, die er von unten gehört hatte. Tatsache war, er wollte nicht glaube, dass etwas anderes als eine Maschine dahinter steckte. Endlich, nach zwei Jahren, hatte er sich wieder halbwegs gefangen. Er war dabei, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen, das seit dem Verschwinden der Kleinen nur noch ein einziger Scherbenhaufen gewesen war.

„Ich auch nicht.“
„Was?“
Schreier blickte ihn über sein Bierglas hinweg aus dunklen Augen an. „Ich werde auch nicht so schnell kündigen, nicht bei dem Gehalt. Aber man wird sich doch wohl noch so seine Gedanken machen dürfen.“
Die Lautstärke in dem Lokal war deutlich angeschwollen. An dem größten der Tische hatte eine Gruppe Frauen Platz genommen, alle in denselben blauen Sporttrikots. Die Damen unterhielten sich lautstark über irgendeinen Wettkampf.
Schreier neigte sich nach vorne, um sich besser verständlich zu machen. „Oder interessiert es dich überhaupt nicht, was dort unten abgeht? Mich jedenfalls schon. Ich hab wirklich nichts gegen leichte Arbeit bei gutem Gehalt, aber ich will nicht in irgendwelche Machenschaften reinrutschen, die mich am Ende meine Bewährung kosten.“
Augenblicklich riss Färber die Augen auf. „Du bist vorbestraft?“ Irgendwo in seinem Hirn läutete ein Glöckchen.
Wir stellen andere Anforderungen an unsere Mitarbeiter.
„War keine große Sache. Ich war besoffen und wollte…“
„Aber das meine ich gar nicht.“ Er musste jetzt beinahe schreien. Die Damen im Hintergrund hatten ein unanständiges Lied angestimmt, das alle Gespräche übertönte. „Ist ja auch egal. Was willst du unternehmen? Willst du Ammann ausquetschen?“
„Der hat mich gefressen. Ich weiß nicht mal, was ich ihm getan habe. Wahrscheinlich hat er gemerkt, dass ich nicht alles schlucke, was er mir so erzählt.“ Schreier hob theatralisch sein Glas an die Lippen. „Was ich tun werde? Ich werde mir morgen früh mal genauer anschauen, was es mit Kiaroffs Frischwasseranlage auf sich hat. Bist du dabei?“

Färber gab es endlich auf, das Schnitzel anzustarren, davon würde es auch nicht zarter werden. Er überlegte kurz. „Wie willst du an den Schlüssel kommen?“ fragte er laut.
„Den brauchen wir gar nicht. Ich bin heute Nachmittag mal ein bisschen ums Haus geschlichen. Auf der Rückseite gibt es ein Kellerfenster, man sieht es nur nicht gleich, weil dieses hässliche Gestrüpp alles überwuchert. Die Scheibe ist nicht richtig eingehängt, ich hab’s überprüft. Du kannst sie mit einem Handgriff aushebeln. Also, was ist? Um sieben? Da ist bei denen mit Sicherheit noch kein Mensch wach. Und Sawatzki sitzt garantiert in der Küche und säuft seinen Morgenkaffee. Wir steigen einfach über den Zaun.“
Färber presste die Handflächen neben dem Teller auf die Tischplatte. Schreier brauchte nicht unbedingt zu sehen, wie nervös ihn diese Vorstellung machte. Wenn sie jemand erwischte, würde es ihn den Job kosten. „Das ist Hausfriedensbruch“, gab er zu bedenken.
„Blödsinn, wir arbeiten dort.“
„Aber nicht morgens um sieben.“ Und nicht im Keller, fügte er in Gedanken hinzu. „Und es gehört sich einfach nicht. Wenn Kiaroff nicht will, dass wir in den Keller gehen, sollten wir das respektieren.“
„Wie du willst.“ Schreier funkelte ihn belustigt an.
Färber klopfte nervös mit den Fingerspitzen gegen sein Glas. „Ich werd’s mir überlegen.“


Verschwitzt und mit hämmerndem Puls kam Färber am nächsten Morgen zu sich. Durch das Dachfenster über seinem Bett fiel das Licht einer Straßenlaterne herein. Missmutig drehte er sich auf die andere Seite und zog sich die Decke über den Kopf. Unser Stückchen Himmel, hatte Jessy diesen Ausblick immer genannt, aber das war eine andere Zeit gewesen, die Zeit vor dem großen Zusammenbruch, dessen Schatten noch immer über seinem Leben lagen. Der Wecker ließ ihn aus seinen Gedanken hochfahren. Zehn vor sechs. Schaudernd setzte er sich auf und angelte nach seinem linken Pantoffel, der unter das Bett gerutscht war. Er sollte das nicht tun. Es war kindisch, seinen Job aufs Spiel zu setzen, nur um einem Kollegen imponieren zu wollen, der überdies noch ein halbes Kind war. Diesen Job zu riskieren. Und wollte er überhaupt wissen, was Kiaroff dort unten trieb? Bevor ihn der Andrang neuer Theorien vollständig lähmen konnte, war Färber auf den Füßen und auf dem Weg ins Badezimmer. Kaltes Wasser würde ihm helfen, sich von den vielen unnützen Gedanken zu lösen.

Gegen halb sieben saß er in seinem Wagen und drehte am Radio, während er sich auf der Bundesstraße in den Verkehr einfädelte. Auf Radio RPR gaben sich Udo Jürgens und Roger Whittaker die Klinke in die Hand. Obwohl er fror, ließ Färber das Fenster einen Spalt herunter. Die Luft im Wagen schien an diesem Morgen nicht auszureichen. Im Rückspiegel tauchte ein gelber Opel auf, der sich bedenklich eng an seine Stoßstange schmiegte. Hinter dem Steuer erkannte er einen älteren Mann, der sich offenbar eifrig mit seiner Frau stritt. Färber gab Gas und vergrößerte den Abstand. Er nahm die nächste Ausfahrt und warf einen Blick auf die Uhr. Ob Schreier schon da war? Wieder sah er den Typen im Opel hinter sich. Der Kerl trug einen Hut, der ihm mindestens zwei Nummern zu groß war, und seine Gattin, oder wer immer diese streng frisierte Dame sein mochte, wedelte wild mit einer Straßenkarte herum.

Wieder musste er an die Kleine denken. Manchmal, an einsamen Abenden, hatte er versucht, sich vorzustellen, wie sie fröhlich in irgendeinem Garten spielte, zusammen mit einer fremden Frau, die sie Mama nannte. Ob sie tatsächlich blonde Haare hatte? Möglich war es, viele kleine Kinder waren blond, er selbst war einmal blond gewesen. Und auf den wenigen Fotos, die er von ihr besaß, hatte man noch keine wirkliche Farbe ausmachen können. Sie hatte nur ein paar feine Flusen auf dem Kopf gehabt … Färber wischte sich über die Augen und bremste scharf ab, als die Ampel vor ihm auf rot schaltete. 
Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte endlich Stille in seinem Kopf, dann krachte es, und er wurde mit dem Kopf gegen das Steuerrad geschleudert.

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