Sonntag, 25. Dezember 2011

Das wahre Christkind

Und hier kommt sie, meine weihnachtlich - böse Kurzgeschichte.
Viel Spaß beim Lesen.

Das wahre Christkind


„Hab ich‘s euch nicht gesagt? Heute ist es soweit, endlich wieder frische Luft. Sowas kann ich spüren.“ Der Engel stieß einen tiefen Seufzer aus und räkelte sich wohlig an seinem Haken.
„Wenn dieser Idiot nur einmal seinen Rand halten könnte“, brummte der Hirte. „Das verkündet er jetzt schon seit Anfang August.“
Ein leises Zischen ließ ihn augenblicklich verstummen. Es war von einem der Könige gekommen, dem dunkelhäutigen mit dem goldenen Päckchen in der Hand. Auch das Dromedar zitterte jetzt vor Aufregung. 

Der alte Hanselmann war an das Regal getreten, in der Hand ein winziges Etwas, das er nun vorsichtig in die leere Futterkrippe gleiten ließ. Bevor sie richtig erkennen konnten, worum es sich handelte, hatte der Alte ihnen schon wieder den Rücken zugewandt und eilte zu seiner Frau zurück, um ihr beim Baumschmücken zu helfen.

Die blaugewandete Dame trat einen kleinen Schritt näher und starrte das hässliche Wesen an, das sich vor ihnen im Stroh räkelte. Dieser moderne Heiland war nicht mehr als ein unförmiger Klotz mit ein paar angedeuteten Gesichtszügen. Was wollte so einer in ihrem Stall?
 „Darf ich fragen, mit wem wir das Vergnügen haben?“ wollte sie wissen.
Der Neue schaute verwirrt von seinem Lager auf. „Gestatten, man nennt mich Jesus von Nazareth, als kindliche Version auch unter dem Namen Christkind bekannt“, drang seine watteweiche Stimme an ihr Ohr. „Reines Lindenholz, vier Jahre abgelagert und mit Bienenwachs versiegelt.“ Sein Gesicht verriet nicht das geringste Schuldbewusstsein.
„Ich habe nicht nach deinem Künstlernamen gefragt!“
„Mensch, Erna. Nun reg dich doch nicht gleich so auf…“, versuchte der Hirte zu vermitteln, aber sie wollte sich gar nicht beruhigen lassen.
„So ist das also. Sich ins gemachte Nest setzen und dann noch frech werden.“
„Wie meinen?“
Erna stöhnte. Schwer von Begriff war er also auch noch. Dann jedoch warf der Kleine in einer anmutigen Geste die kurzen Arme in die Luft. „Oh natürlich, mein richtiger Name. Wenn ich mich nur erinnern könnte. Warten Sie, ich glaube, es war Waldemar.“ Er zog die Augenbrauen hoch und schien ernsthaft nachzudenken. „Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass es in dieser Krippe bereits ein Christuskind gibt?“

Auf einmal wirkte Ernas Gesicht weich und verletzlich. Mit bebenden Schultern wandte sie sich ab und suchte Trost bei ihrem Begleiter. „Heinz, sag du es ihm doch. Dass er verschwinden soll.“
Zögernd wandte Heinz sich an den Neuen. „Es tut mir aufrichtig leid für Sie, aber wir waren in der Tat schon vollständig. Dies ist Oskars Krippe, und das seit über achtzehn Jahren. Wenn Sie also so freundlich sein wollen…“
„Moment mal.“ Nun klang Waldemar um einiges entschlossener. „Sie können mir viel erzählen. Wo ist er denn bitteschön, Ihr Oskar?“

Bevor Heinz antworten konnte, näherten sich erneut die Hanselmanns. 
Die Frau betrachtete die kleine Versammlung und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Also, ich weiß nicht, irgendwie hat mir das alte Christkind doch besser gefallen.“
„Da hört ihr’s“, schluchzte Erna, als sie wieder unter sich waren.
 Waldemar wurde ungeduldig. „Was ist denn nun?“
„Wir wissen es nicht“, erklärte Heinz mit gesenkter Stimme. „Das ist es ja gerade. An Dreikönig hab ich ihn das letzte Mal gesehen. Als wir dann wieder in unserem Pappkarton lagen, fehlte er plötzlich. Er war so ein lustiger Kerl. Ohne Oskar war es entsetzlich still da drin. Naja, abgesehen von dem da vielleicht.“ Er wies auf den Engel, der mit verschränkten Armen an seinem Haken vor sich hin pendelte.
Erna betrachtete den unförmigen Christus. In ihren Augen spiegelte sich eine Mischung aus Schmerz und Abscheu. „Wenn wir wenigstens eine Ahnung hätten, warum er gegangen ist“, seufzte sie und starrte dabei den Esel an, der sofort betreten die Ohren anlegte. „Wo will er denn hin, ein hölzerner Heiland, ganz allein? Ich glaube eher, dass ihm etwas zugestoßen ist.“
Der Esel nickte eifrig und kaute an ein paar Strohhalmen.

Waldemar hob mühsam den Oberkörper an, um über den Rand der Krippe hinauszuschauen. „Ich habe mal von einem Hirten gehört, der beim Staubwischen zu Boden gestoßen wurde“, flüsterte er geheimnisvoll. „Sein Standfuß ist dabei abgebrochen. Sie haben ihn zwar später geleimt, aber er hatte nie wieder festen Halt und ist bei jeder Gelegenheit umgefallen. Schlechtes Holz, vermutlich.“
Sofort war Heinz über ihm und packte ihn bei den wenigen Locken. „Was willst du damit sagen, Freundchen? Bei unserem Oskar war immer alles in Ordnung!“
„Oh nein, nicht schon wieder!“ rief da plötzlich der Hirte.

Gemächlich näherte sich die faltige Hand der alten Hanselmännin, dann ratterte ohrenbetäubend die Feder der Spieluhr, und im nächsten Moment dröhnte die Melodie durch den Stall. „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklang es so laut, dass die Lämmer Schutz suchend unter dem Stroh verschwanden, und während der dünne Holzverschlag leise zu knirschen begann, griff sich der alte Hanselmann seine Frau und tanzte singend mit ihr durchs Zimmer. Mit der dritten Strophe wurden die Töne behäbiger, und endlich kehrte wieder Stille ein.
Waldemar schnaufte erleichtert auf. „Kommt das hier öfter vor?“
„Warte erstmal bis zur Bescherung“, knurrte der dunkelhäutige König und versuchte, das zitternde Dromedar wieder aus der Eselbox herauszuzerren. „Wenn die Enkel kommen, holt er wieder seine Geige raus, dann geht hier richtig die Post ab.“

In diesem Augenblick stieß die Hanselmännin einen spitzen Schrei aus. Sie stand vornüber gebeugt und kramte in der Kiste mit Christbaumschmuck, so dass zunächst nur ihr schwankender Hintern zu sehen war. Endlich richtete sie sich auf und sah triumphierend zu ihrem Mann hinüber. „Jetzt schau dir nur mal an, was ich zwischen den Strohsternen gefunden habe. Und du gehst extra ein neues kaufen, du Dämlack, du!“ Kichernd näherte sie sich dem kleinen Stall. Zwischen ihren fleischigen Fingern heraus blinzelte ein winziger…
„Oskar!“ hauchte Erna und hätte beinahe ihre Arme nach dem Bündel ausgestreckt. Staubig sah er aus und schrecklich müde, aber er war am Leben!
Die Stirn des alten Hanselmann schlug Wellen wie ein schlecht verklebter Teppichboden, seine Nase färbte sich noch eine Spur röter als sonst. „Ja, aber was machen wir denn nun mit dem anderen?“ fragte er leise. „Soll ich den jetzt wieder wegtun? Du, der war aber nicht billig.“
Seine Frau beugte sich tief über die Figuren und dachte nach. Dann glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. „Weißt du was?“ fragte sie verschmitzt. „Wir machen mal was anderes. Das wird den Kindern bestimmt gefallen.“ Und mit einer kleinen Handbewegung schob sie den vor Schreck erstarrten Waldemar ein Stückchen zur Seite. „Bei uns gibt es dieses Jahr einfach zwei Christkinder. Vielleicht will sich die Lisa ja eins davon für ihre Puppenstube aussuchen.“

Erna warf ihrem Begleiter einen verzweifelten Blick zu. Das durften sie nicht zulassen. Die Alte jedoch platzierte den Oskar direkt neben seinem Ersatzmann und wandte sich zufrieden wieder dem Baum zu.
Und während Waldemar und Oskar in ihrem Krippchen mit düsteren Mienen hin- und herruckten, proklamierte der Engel von seinem luftigen Platz: „Was für ein herrlicher Tag. Das Fest der Liebe. Nun sind wir endlich wieder eine große glückliche Familie.“
Heinz wandte sich an Waldemar. „Bruder, würde es dir etwas ausmachen, ganz kurz aufzustehen? Ich glaube, du liegst auf Oskars Arm.“
„Aber natürlich.“ Mühsam kam Waldemar auf die Füße. Zum ersten Mal schöpfte er Hoffnung. Vielleicht würden sie ja doch noch gute Freunde werden…

Ein klapperndes Geräusch ließ die beiden Hanselmanns herumfahren.
Das Christkind, das der Alte erst vorgestern gekauft hatte, lag zerbrochen am Boden, der Kopf war bis unter das Sofa gerollt und ließ sich nur mit einem Schrubber hervorholen.
„Was für ein Jammer“, sagte Oskar und streckte sich genüsslich in seiner Krippe aus. „Schlechtes Holz, vermute ich.“
Erna warf ihm einen verwirrten Blick zu. Dann stimmte sie in das fröhliche Gelächter der anderen ein. „Was hab ich euch gesagt? Mit dem Oskar gibt es immer was zu lachen.“


 Birgit Böckli

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen