Samstag, 10. Dezember 2011

Das zehnte Türchen

Den Tod im Herzen

Zehntes Kapitel



„Wir müssen aber keine Waffen tragen, oder?“ fragte Färber.
Der Pole fuhr entsetzt herum. „Natürlich nicht. Herr Ammann und ich besitzen eine Waffe, das genügt vollkommen. Einer von uns beiden ist ohnehin immer erreichbar. Sie bekommen ein Funkgerät. Und wenn Ihnen irgendetwas komisch vorkommt…“ Er machte eine Geste, als hielte er sich ein Telefon ans Ohr.
„Alles klar“, sagte Färber. Er fragte sich, ob Sawatzki diese Bemerkung ernst gemeint hatte. Ihm zumindest kam einiges komisch vor, dazu brauchte er keine Einbrecher.

„Es ist eigentlich alles ganz einfach.“ Sawatzki zog die knarrende Tischschublade heraus und entnahm ihr ein Blatt Papier, das in einer Klarsichthülle steckte. „Hier stehen die Zeiten, wann eine Runde gedreht werden soll. Ansonsten sitzt ihr hier eure Zeit ab und gebt Bescheid, wenn sich ein Wagen nähert.“
„Moment.“ Schreier zog die Stirn kraus, als habe er nicht richtig verstanden. „Was bedeutet, wenn Wagen sich nähert?“
„Genau was hier steht“, sagte Sawatzki und klopfte nachdrücklich mit dem Finger auf die betreffende Stelle des Anweisungsbogens. „Wenn möglich, Autonummer notieren und Meldung machen. Auch wenn er weiterfährt oder umdreht. Kiaroff möchte nicht, dass sich hier oben Fremde herumtreiben.“

Färber nahm die Erklärungen des Polen gleichmütig zur Kenntnis. Nach diesem Vormittag würde ihn so schnell nichts mehr wundern. Im Gänsemarsch liefen sie dicht am Zaun entlang den Garten ab. An manchen Stellen ragten Äste der dichtgepflanzten Nadelgehölze halb über den gepflasterten Weg, weiter hinten mussten sie über einen umgestürzten Baumstamm steigen. Sawatzki fluchte. „Ich werde mit Herrn Kiaroff reden. Wird Zeit, dass hier mal wieder jemand nach dem rechten sieht.“

Auf der Rückseite des Hauses gab es ein weiteres Tor, das mit einer rostigen Eisenkette gesichert war. Das Vorhängeschloss sah aus, als sei es seit Jahrzehnten nicht geöffnet worden. Dahinter führte der Zufahrtsweg noch ein Stück durch den Wald, aber er war an dieser Stelle zu schmal, um von Fahrzeugen benutzt zu werden. Dichtes Gestrüpp hatte ihn an vielen Stellen hoffnungslos überwuchert, und Färber bezweifelte, dass selbst zu Fuß noch jemand bis hierher durchkommen würde.
„So, das war’s vorerst“, erklärte Sawatzki, als sie ihre Runde beendet hatten. Er duckte sich unter das Dach des Pförtnerhauses und schüttelte mit angewiderter Miene seinen Schirm aus. „Herr Schreier kann jetzt nach Hause gehen. Wir sehen uns heute Abend.“
Färber spürte, wie ihm etliche Fragen gleichzeitig durch den Kopf schossen, doch Sawatzki hatte sich bereits auf den Weg zum Haus gemacht. Der Regen verwandelte ihn in eine verschwommene Silhouette.
„Dann bis heute Abend“, sagte Schreier und warf Färber einen verschwörerischen Blick zu. „Coole Sache, das ganze, was?“
Färber presste die Lippen zusammen. Morgen würde er sich einen dickeren Pullover anziehen. Er fror entsetzlich in der dünnen Uniformjacke. „Das wird sich noch heraus stellen.“
„Ach was.“ Der andere grinste breit und rieb vielsagend Daumen und Zeigefinger gegeneinander. „Ist doch ein klasse Job. Lauter Verrückte, aber wenig Arbeit.“ Er nickte fröhlich, und Färber musste trotz der Kälte lachen.

Der Nachmittag zog sich unerträglich in die Länge. Die meiste Zeit über saß Färber auf dem wackligen Holzstuhl, der genauso unbequem war, wie er befürchtet hatte, und starrte auf die verlassene Zufahrt hinaus. Als es zunehmend dunkler wurde, gingen im Garten mehrere altmodische Laternen an. Das Licht reichte gerade aus, um sich auf dem Weg zurecht zu finden, der Zaun mit dem angrenzenden Gebüsch lag größtenteils im Schatten. Langsam machte sich Färber auf zu seiner Runde. Wenigstens der Regen hatte aufgehört.

Auf der Rückseite des Hauses war es noch dunkler. Eine der Laternen schien defekt zu sein, der Lichtschein war so schwach, dass Färber sich stellenweise vorwärts tasten musste. Einmal blieb er stehen und lauschte in die Dunkelheit. Was war das für ein seltsames Geräusch? Dann fiel ihm ein, dass es sich um die Anlage im Keller handeln musste, die man hier selbst im Freien hören konnte. Eilig brachte er seinen Weg zu Ende und verkroch sich in seiner Hütte.

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