Dienstag, 20. Dezember 2011

Das zwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Zwanzigstes Kapitel


In den Keller. Er geht in den Keller. Der Gedanke hatte sich irgendwie festgefressen. Und so sehr Färber sich auch bemühte, das seltsame Zittern in der Magengrube wollte einfach nicht vorüber gehen.
Es wurde ein langer Tag. Um zwölf Uhr war auch der bucklige Gärtner gegangen, und die folgenden Stunden verbrachte Färber vollkommen allein mit seinen beiden Illustrierten. Niemand kam heraus, um ihm wenigstens für einen Moment Gesellschaft zu leisten. Linea ließ sich nicht blicken, und wo ihr Vater steckte, wusste Färber ohnehin nicht. Er hatte den Alten seit der ersten Begrüßung nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Um siebzehn Uhr dreißig setzte die Dämmerung ein. Überall im Garten gingen Laternen an, altmodische Straßenlaternen, wie man sie längst nicht mehr in den Städten sah, und sie tauchten den Rasen und die Beete in ein gespenstisches Licht. Färber schaltete die kleine Lampe ein, die an seinem Schreibtisch angebracht war und zeichnete Strichmännchen neben einen Bericht über den britischen Thronfolger. Er war kein Angsthase, die Dunkelheit hatte ihm schon als Junge nicht viel ausgemacht, aber hier draußen fühlte er sich bei diesem Licht auf eine seltsame Art ausgeliefert. Schutzlos.

Gegen neun öffnete er die Schublade und suchte nach der kleinen Taschenlampe, die er gestern dort gesehen hatte. Wenn er sich recht erinnerte, hatte Schreier das Ding mitgebracht. Er schob sie in seine Innentasche und machte sich im Schein der Laternen auf den Weg zum Zaun. Durch die kahlen Äste der Birken betrachtete er die schmale Mondsichel, zwei oder drei Sterne waren am Himmel zu sehen, dann schoben sich erneut die Wolken davor. In der Dunkelheit klangen alle Geräusche viel lauter, der Ruf eines Vogels genügte,  um Färber auffahren zu lassen wie ein verängstigtes Kind.

Plötzlich fühlte er sich beobachtet. Er versuchte, diese verrückten Gedanken loszuwerden, aber die Vorstellung war übermächtig. Färber holte die Taschenlampe heraus und suchte den Zaun ab, doch außer ein paar Heckenrosen, die im Wind mit den Köpfen nickten und einem davoneilenden Igel gab es dort nichts zu sehen. Keine bösartig funkelnden Augen, kein Schatten, der nach ihm greifen wollte, nur das Flackern des Lichtstrahls, das langsam schwächer wurde. Er würde später ins Haus gehen und nach neuen Batterien fragen müssen. Obwohl auf der Rückseite des Hauses nur noch zwei Laternen brannten, schaltete Färber die Lampe aus, um die Restenergie für den Notfall aufzuheben. Ein Notfall? Er lachte heiser und erschrak beim Klang seiner eigenen Stimme. Was sollte hier schon passieren? Er blieb stehen, als die Feuchtigkeit einen seiner Schuhe durchdrang. Ohne zu leuchten, wusste er, dass er den Weg verlassen hatte und sich irgendwo auf dem Rasen befinden musste. Es knackte, und ein dürrer Zweig streifte seine Wade, als er in eines der Rosenbeete trat. Mühsam versuchte Färber, seine Gedanken zu sortieren. Er sollte sich schleunigst auf den Rückweg zu seinem Arbeitsplatz machen. Dieser Teil des Gartens war nicht für Leute wie ihn bestimmt. Er zuckte zusammen. Hatte er das tatsächlich gerade gedacht? Bevor er sich entscheiden konnte, hörte er es wieder. Diesmal war das Summen lauter als gewöhnlich, aber das war nicht alles. Der Klang hatte sich verändert. Es ruft dich! Färber hob die Taschenlampe und leuchtete den Boden ab. Dort hinten war die Stelle, an der das Rohr aus dem Boden emporragte. Diesmal trat kein Wasser aus der Öffnung hervor. Wie gebannt starrte Färber auf die kleine Erhebung in der Dunkelheit und lauschte jener unwirklichen Melodie, die ihn vollkommen bewegungsunfähig machte.

„Ich glaube, jetzt hab ich’s“, dröhnte Sawatzkis Bass durch die Öffnung zu ihm herauf und ließ Färber für einen Moment zu sich kommen. Es klang blechern und sehr erschöpft.
Im selben Augenblick vernahm er ein leises Gurgeln, und die Öffnung am Boden erbrach mehrere Liter Wasser direkt auf seine Schuhe.
„Ja, läuft wieder“, erklang erneut Sawatzkis Stimme, die direkt vom Mittelpunkt der Erde zu kommen schien. „Was das wieder war?“
Jemand hustete, und das Summen schwoll an.
Färber fragte sich, mit wem er gesprochen hatte? War Kiaroff dort unten im Keller? Nur noch ein leises Murmeln war aus dem Rohr zu hören, dann ein paar sich entfernende Schritte, weiter oben schlug eine Tür zu.
Färber stand über den Ausgang der Abwasserleitung gebeugt, aus der nur noch wenig Wasser kam, und hörte dem unirdischen Gesang zu, der ihn vollständig einhüllte. Er spürte nicht, wie sich seine Muskeln langsam versteiften, wie die Nässe des Bodens vollständig seine Schuhe durchdrang, er hätte ewig so stehen bleiben können.
Die Taschenlampe gab längst keine Leuchtsignale mehr von sich. Irgendwann entglitt sie einfach seinen steifen Fingern und landete mit einem klatschenden Geräusch im Gras. Ein letztes schwaches Aufblitzen verkündete das endgültige Ende der Batteriekraft, doch es genügte, um für den Bruchteil einer Sekunde Färbers Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Hatte er da gerade etwas Blaues im Gras schimmern sehen oder war das Einbildung gewesen? Bevor er abermals in jene erschreckende Trägheit verfallen konnte, ging er in die Hocke und tastete nach der Taschenlampe. Grashalme blieben an seinen Fingern kleben, der faulige Gestank des Wassers schnürte ihm die Kehle zu. 

Direkt neben der unnützen Leuchte stieß er auf etwas Weiches, das sich wie Stoff anfühlte. Ob das der Grund für die Verstopfung gewesen war? Mit letzter Kraft riss Färber sich von der Melodie los und wankte hinaus in den dunklen Garten. Hier waren all die seltsamen Geräusche nur noch als eintöniges Wummern wahrzunehmen. Er fröstelte. Dennoch hielt er den winzigen Stofffetzen fest umklammert, den einzigen Beweis dafür, dass er nicht geträumt hatte. Mit klammen Fingern ließ er ihn in seiner Hosentasche verschwinden. Ringsum herrschte eine geradezu unnatürliche Stille, der Wind hatte nachgelassen, nicht einmal ein Vogel war zu hören. Auch der Mann, der mit einem Mal aus dem dunkel auftauchte, bewegte sich so leise, dass Färber ihn erst entdeckte, als er den Lichtkegel der Laterne streifte.

„Du hast uns belauscht“, sagte Sawatzki mit ernster Stimme. „Hast du jetzt endlich deine Antworten?“ Er sah traurig aus, aber nicht wütend.
Färber wischte sich mit dem Ärmel seiner Uniformjacke übers Gesicht. Für Erklärungen war es längst zu spät, Sawatzki musste den Schein der Taschenlampe durch das Kellerfenster gesehen haben. Färber seufzte, ihm fiel keine Ausrede ein. Was immer sich hinter den Klauseln in seinem Arbeitsvertrag auch verbergen mochte, Tatsache war, er hatte ihn gebrochen.
„Es tut mir leid.“ Er wartete darauf, dass der andere ihn anschreien würde, doch Ammanns Blick wirkte nur noch trauriger.
„Mir tut es auch leid“, flüsterte er und starrte einen Augenblick lang verzweifelt zu Boden. „Du hättest einen guten Mitarbeiter abgeben können.“
Dann schlug er Färber die Faust ins Gesicht.

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