Freitag, 2. Dezember 2011

Das zweite Türchen

Den Tod im Herzen

Zweites Kapitel


Der Mann, der ihm öffnete, war nicht besonders groß, aber kräftig. Er trug eine anthrazitfarbene Hose mit Bügelfalten und ein helles T-Shirt, unter dem sich seine Muskelpakete reliefartig abzeichneten.
„Setzen wir uns einen Moment“, sagte er und ließ sich in einen der beiden Korbstühle fallen.
Färber folgte ihm zögernd. Das Zimmer erinnerte ihn an seinen letzten Urlaub. Helle Möbel, das riesige Bett. Solche Dinge waren seit zwei Jahren Vergangenheit, das Amt finanzierte sein Überleben, und er bemühte sich um eine neue Stelle, so waren die Aufgaben verteilt, mehr konnte er nicht erwarten. Auch wenn seine Bemühungen sinnlos waren. Niemand hatte Interesse an einem vorbestraften Buchhalter. Das hatte er zumindest bis heute morgen gedacht.

Sawatzki hatte am Telefon wie ein Osteuropäer geklungen, äußerlich erinnerte er eher an einen Südländer. Die dunkelbraunen Augen nahmen Färber gefangen und ließen ihn nicht mehr gehen. Langsam wurde er ungeduldig. „Also was soll das Versteckspiel?“
Mit einer bedächtigen Geste brachte Sawatzki ihn zum Schweigen. „Ich habe gehört, Sie suchen einen Job.“ In die dunklen Augen trat ein fragender Blick.
Färber presste die Lippen zusammen. „Das kommt ganz darauf an.“
„Worauf?“
„Ich mache keine krummen Sachen.“
Der Pole lächelte. „Wie kommen Sie darauf, dass es hier um eine krumme Sache geht?“
Färber zierte sich, er wollte nicht unhöflich sein. Immer zuerst den anderen ausreden lassen, das war eine Regel, die er sich hinter die Ohren geschrieben hatte. So ließ sich manche peinliche Situation vermeiden. „Weshalb wollten Sie mir am Telefon nicht sagen, worum es sich handelt? Das ist ziemlich ungewöhnlich, das müssen Sie zugeben.“
„Mein Auftraggeber ist ein reicher Mann.“ Sawatzki lehnte sich verträumt zurück und strich die Falten der Tischdecke glatt. „Er legt großen Wert auf Diskretion, das ist alles. Offenbar hat er in der Vergangenheit schon einige schlechte Erfahrungen mit unzuverlässigen Mitarbeitern gemacht. Deswegen geht er nur noch nach persönlichen Empfehlungen vor.“

Färber betrachtete sein gegenüber skeptisch, aber er fand keinen Hinweis darauf, dass der Pole ihn belog. „Er braucht einen Buchhalter?“, hakte er nach.
Sawatzki schüttelte langsam den Kopf. „Sie sind in erster Linie dafür zuständig, die Zufahrtswege zum Anwesen zu kontrollieren. Hin und wieder kommen ein paar handwerkliche Sachen hinzu. Man wird Sie selbstverständlich gründlich einweisen.“
„Aber ich bin kein…“
„Das wissen wir.“ Jetzt lachte er zum ersten Mal richtig und entblößte eine Reihe sehr großer und sehr weißer Zähne. Wir wissen alles über Sie, sagte dieses Lachen.
„Und warum suchen Sie sich dann nicht jemanden vom Fach?“ So langsam hatte Färber genug. Er wollte arbeiten, er suchte händeringend nach einer Beschäftigung, aber er mochte keine Spielchen, schon gar nicht auf seine Kosten.

„Aber warum denn so misstrauisch?“ Sawatzki, dieser verhinderte Preisboxer presste die Knie zusammen und begann, seine Hände zu reiben. Draußen vor dem Fenster heulte ein Motor auf. „Sie werden sehen, dies ist Ihr Glückstag. Mein Auftraggeber ist ein Ehrenmann. Er bezahlt all seine Angestellten überdurchschnittlich gut. Wenn Sie Interesse haben, werde ich Sie ihm gerne vorstellen.“ Er klang so harmlos, dass Färber einen Hustenanfall bekam.
„Er zahlt gut? Für einen ungelernten Wachmann?“ Färber räusperte sich und starrte aus dem Fenster. Warum nur hatte er das Gefühl, dass der andere ihm etwas verheimlichte? „Was hat es denn mit dieser handwerklichen Tätigkeit auf sich? Soll ich Leichen entsorgen, oder sowas?“ Es hatte scherzhaft klingen sollen, aber der Pole warf ihm nur einen vorwurfsvollen Blick zu. Sein gönnerhaftes Lächeln war verrutscht.
Einen Moment lang spürte Färber sein Herz flattern, als der Mann  am Tisch eine Hand in der Jackentasche verschwinden ließ, dann schob Sawatzki einen zerknitterten Umschlag zu ihm hinüber. „Wir zwingen selbstverständlich niemanden, für uns zu arbeiten. Aber vielleicht sollten Sie sich die Stelle trotzdem einmal anschauen. Es ist tatsächlich alles ganz harmlos. Ich soll Ihnen ein kleines Willkommensgeschenk überreichen.“
Färber schüttelte ungläubig den Kopf, als er die Scheine sah. Fünfhundert Euro, einfach so, Jessy hätte ihn für verrückt erklärt.
„Die Sache ist die“, nahm Sawatzki ihm die Worte aus dem Mund. „Ihr zukünftiger Chef ist sehr besorgt, was seine Publicity betrifft. Als Vorstand eines großen Konzerns hat er viele Jahre in der Öffentlichkeit gestanden. Heute lebt er sehr zurückgezogen und widmet sich seiner Sammelleidenschaft. Er besitzt eine riesige Sammlung exotischer Tiere. Tiere, die größtenteils unter das Artenschutzgesetz fallen. Keine große Sache, aber wenn jemand dahinter käme, wäre der Schaden nicht wieder gutzumachen. Und er ist bereit, für das Schweigen seiner Mitarbeiter zu zahlen. Das ist im Grunde alles.“

Färber atmete auf. Keine Mafia, kein Killerkommando, er hatte einfach zuviel Fantasie. „Hat die Arbeit etwas mit den Tieren zu tun?“
„Zum Teil. Im Übrigen werden Sie dort einen alten Bekannten treffen, der uns Ihren Namen genannt hat. Herrn Ammann. Ich glaube, Sie sind gemeinsam zur Schule gegangen. Wir können gleich losfahren, wenn Sie bereit sind.“
Amman! Wie in Trance erhob sich Färber und folgte dem Polen zur Tür hinaus und durch das Hotelfoyer ins Freie. Den hatte er seit Ewigkeiten nicht gesehen.

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Kommentare:

  1. Bei den reliefartigen Muskelpaketen mussste ich zwar spontan an Krampfadern denken ;-), aber die Situation wurde so intensiv und anschaulich beschrieben, dass das Unheimliche fast greifbar war...

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  2. Ein Buchhalter zwischen Taranteln oder anderem Viehzeugs - und eine Anzahlung für nix. Hmmm ... hmmm ... Also wenn ich Färber wäre ...

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  3. Huhu Mandala,
    anschaulich klingt gut, danke dir. An der Stelle hatte ich tatsächlich gebastelt, die hieß erst anders. Wie, verrate ich aber nicht. ;o)
    LG Birgit

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  4. Hallo Heike,
    schön, daß du vorbei schaust. Keine Sorge, Taranteln gibt es keine in meiner Geschichte. :)
    Viele Grüße Birgit

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