Donnerstag, 22. Dezember 2011

Das zweiundzwanzigste Türchen

Den Tod im Herzen

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Färber wurde augenblicklich schlecht. Es war nicht der Anblick des toten Gesichtes, der ihn derart schockierte, vielmehr die Präsentation der Leiche. Jemand hatte Schreier nackt an einem Fleischerhaken an der Decke aufgehängt, einem ziemlich langen Haken, dessen Spitze unterhalb des Schlüsselbeines vorne wieder ausgetreten war. Etwas schief und mit zur Seite geneigtem Kopf schwebte er mit den Füßen einen knappen Meter über dem Boden. Selbst als die Lampe wieder zu flackern begann, konnte Färber seinen Blick kaum von dem morbiden Anblick losreißen. Schreiers Kopf ruhte in einem beinahe rechten Winkel auf der blutverkrusteten Schulter. Färber machte einen Schritt zur Seite und erkannte, woher das Blut stammte. Jemand hatte dem Jungen den Schädel eingeschlagen.

Bevor der schwächelnde Lichtschein gänzlich verlöschen konnte, verschaffte Färber sich einen raschen Überblick über sein Gefängnis. Der Raum war viel kleiner, als er vermutet hatte, die hintere Wand war mit Metallplatten verkleidet, auf einem Regal erkannte er ein paar durchsichtige Plastiktüten. Nach einem Lichtschalter hatte er vergeblich gesucht, nichts an der weiß gestrichenen Decke oder den Wänden deutete auf eine elektrische Leitung hin, es gab keine Lampen oder ähnliches. Unterhalb der schmalen Lüftungsklappe befand sich eine schwere Tür, die ebenfalls aus Stahl zu bestehen schien. Es gab keine Klinke, an der er hätte rütteln können, auch kein Schlüsselloch. Es hätte ebenso gut überhaupt keinen Ausgang geben können.

Die Lampe erlosch kurz und ließ sich nur durch heftiges Schütteln wieder reanimieren. Färber stürzte auf das Regal zu. Sein erster Eindruck war richtig gewesen, dieser Raum zeichnete sich durch vorbildliche Sauberkeit aus, die einzigen Schmutzspuren, die er am Boden fand, stammten von seinen eigenen Schuhen, und er zweifelte nicht daran, dass schon bald zwei flinke Hände auch hier für Abhilfe sorgen würden. Wieder begann die Lampe zu flackern. Schnell streckte er die Hand nach einer der Tüten aus. Vielleicht fand sich ja doch etwas, das ihm helfen konnte, irgendetwas… Innerlich begann er zu beten.
Der Geruch, der ihm entgegen strömte, zerstörte auch seine letzte Hoffnung. Wütend packte Färber die halb gefrorene Lammkeule und warf sie gegen die Wand. Auch in den anderen Säcken stieß er auf Fleisch, rohes Fleisch, und endlich wurde ihm klar, was dieser Raum darstellte, auch wenn sein Gehirn ihn noch immer vor der Antwort bewahren wollte. Er war in einer Vorratskammer gelandet.

Die Taschenlampe verabschiedete sich mit einem metallischen Klicken, Färber stand wieder im Dunkeln. Wieder wühlte er in seinen Taschen, ignorierte das Pochen hinter seinem linken Auge und suchte verzweifelt nach einem Werkzeug, doch was hätte das sein sollen? Diese Tür hätte vermutlich sogar einem Vorschlaghammer standgehalten.
Färber hielt inne. Das Summen war nicht mehr das einzige Geräusch, das er hörte, irgendwo knisterte etwas ganz in der Nähe. Ziellos drehte er sich im Kreis. Ohne die beiden leuchtenden Streifen des Luftschachtes hätte er längst die Orientierung verloren. Da war es wieder, und es schien näher zu kommen. Für Ratten war es hier eindeutig zu sauber, aber er war sich auch nicht sicher, ob das Geräusch aus dem inneren dieser Kühlkammer kam. Dann erklang das Klirren von Schlüsseln, und er wagte nicht einmal mehr zu atmen.

Das Licht, das durch den Türspalt hereinfiel, blendete ihn. Färber kniff die Augen zusammen und duckte sich ein wenig in Erwartung eines neuen Angriffes, doch es war nicht der Pole, der dort draußen auf ihn wartete.
„Kommen Sie“, sagte Linea. In ihrem flackernden Blick erkannte Färber, dass sie Angst hatte. Als er zögerte, wurde sie ungeduldig. „Nun machen Sie schon, Sawatzki kann jeden Moment zurück kommen.“ Ihre Stimme klang hektisch, aber sehr gedämpft.
Ohne weiter nachzudenken, folgte Färber ihr in den Flur hinaus. Vielleicht war es eine Falle, ganz sicher war es eine, aber alles war besser, als weiter in diesem Kühlhaus zu bleiben zusammen mit einer von der Decke hängenden Leiche. Wortlos sah er sich um. Sie standen in einem langen Gang, einer Art Gewölbe mit steinernen kalten Mauern. Färber presste beide Hände auf seine Ohren. Das Summen war hier ganz nah, und es war nicht das einzige Geräusch. Er glaubte, Wasser rauschen zu hören.
„Los, wir müssen dort lang“, erklärte Linea und zeigte zur Treppe. Färber nickte benommen. Sein Kopf dröhnte, das Licht tat ihm in den Augen weh, und er war kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Wo ist Sawatzki?“
„Draußen im Garten. Ich glaube, er sucht nach irgendwas. Beeilen Sie sich doch.“

Auf wackligen Beinen stieg Färber die steilen Stufen hinauf. Wie ein alter Mann klammerte er sich am Geländer fest, um nicht zu stürzen. Noch ein paar Meter, dann waren sie oben…
„Machen wir einen Ausflug?“
Färber erstarrte mitten in der Bewegung. Aus dem Augenwinkel erkannte er, wie Linea die Hände vors Gesicht schlug. Vor ihnen stand Sawatzki.
„Du hast sie ja wohl nicht mehr alle“, brüllte er Linea an.
Erst jetzt erkannte Färber, dass der Pole eine Waffe in der Hand hielt. Sawatzki presste Färber den Lauf gegen die Schläfe. Noch immer starrte er nur Linea an. „Dich sollte man übers Knie legen, weißt du das?“
Sie zog spöttisch einen Mundwinkel herab. „Du kannst mir nichts tun. Mein Vater…“
„Dein Vater!“ Sawatzki schnaubte. „Der ist doch längst jenseits von gut und böse angekommen.“Wenn ich will, könnte ich alles mit dir machen.“ Ohne die Waffe zu senken, riss er Linea an sich und riss ihr brutal den Kopf zurück. „Verstehst du, Täubchen? Alles! Und wenn wir dort unten sind, wird es dir nicht einmal etwas ausmachen.“

Gewaltsam drängte Sawatzki die beiden zurück nach unten. Färber wollte sich wehren, aber er sah mit einmal alles nur noch schemenhaft und blass. Es war, als habe jemand die Farben aus seiner Welt heraus gespült. Das Summen war um ein Vielfaches angeschwollen und füllte seinen Kopf an, und es hatte sich verändert. Benommen sah er, wie auch Lineas Blick sich trübte. Sie reagierte überhaupt nicht auf Sawatzkis unsanften Griff. Färber verstand nicht, was um ihn her passierte, und er war sich nicht sicher, ob er es überhaupt noch verstehen wollte. Die Treppe nach unten wurde von Stufe zu Stufe steiler. Stolpernd erreichte Färber den Boden. Als Sawatzkis Gesicht dicht über ihm war, erkannte Färber etwas Gelbes in seinem Ohr. Der Pole schien sich gegen die Geräusche zu schützen, warum auch immer. Aber hier unten, im Herzen dieses Hauses, spielte all das keine Rolle mehr.

Der Flur verlief in derselben Richtung wie oben, nur am Ende machte er eine kurze Biegung und endete vor einer weiteren Stahltür. Färber betrachtete Linea von der Seite. Er versuchte, an ihrem Gesicht abzulesen, ob sie schon öfter hier gewesen war, doch sie wirkte wie eine Schlafwandlerin. Obwohl ihre Augen weit offenstanden, schien sie ins Leere zu starren, die blassen Gesichtszüge waren vollkommen entspannt.
Sawatzki klimperte mit einem gewaltigen Schlüsselbund. Endlich hatte er den richtigen Schlüssel ins Schloss gesteckt und drückte die mattglänzende Metalltür nach innen auf. Die seltsame Melodie erfüllte den ganzen Raum.
„Hörst du es? Sie wollen dich kennenlernen.“ Der Pole warf Färber einen undeutbaren Blick zu.
Färber wollte etwas erwidern, aber er war zu überwältigt von den Gefühlen, die der Gesang in ihm auslöste. Sein Magen schien Achterbahn zu fahren. Auf seinen Armen bildete sich augenblicklich Gänsehaut und er empfand eine fröhliche Gelassenheit, wie er sie nicht einmal mit Alkohol je erlebt hatte.
Sawatzki nickte ihm verständnisvoll zu. „Ich hätte dich gern an meiner Seite gehabt, aber du musstest ja deine Nase überall reinstecken. Aber glaub mir, du wirst keine Schmerzen spüren. Du wirst lächeln. Bis jetzt haben noch alle gelächelt.“
Er nahm Linea an der Hand und führte sie wie ein kleines Mädchen über die weißen Fliesen. Färber folgte ihnen langsam. Einen Moment noch dachte er daran, einfach zurückzugehen. Zu fliehen. Sawatzki war einige Schritte voraus gegangen, er konnte es schaffen. Dann kannte er die Antwort, die Freiheit lag nicht dort oben, nicht in dem dunklen Garten, und auch nicht in den vier Wänden seiner Sozialwohnung. Sie wartete hier auf ihn.

Emotionslos nahm Färber seine Umgebung wahr. Sie befanden sich in einer riesigen Halle. In der Mitte des Raumes erhob sich ein Becken von gewaltigen Ausmaßen, dessen hohe Wände Färber von hier aus nicht überschauen konnte. Hin und wieder schwappte Wasser über den Rand und versickerte in einem der Ablaufschächte. Wie ein unterirdischer See. Einige Meter erhöht befand sich eine Art Plattform, die nur über eine Treppe zu erreichen war. Dort oben saß vollkommen reglos Lineas Vater auf einer einfachen Holzbank, wie man sie in Turnhallen benutzte. Er trug einen fleckigen Trainingsanzug und schien niemanden von ihnen wahrzunehmen. Färbers Blick fiel auf einen mannshohen Kasten, der leise knackende Geräusche produzierte.
„Die Wasseraufbereitungsanlage?“ murmelte Färber.
Sawatzki nickte lächelnd. „Klar, die gibt es wirklich. Ich lüge nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ein Wunderwerk der Technik, Heizung und Filter in einem. Nur verstopft das Scheißding andauernd.“ Mit der Waffe winkte er ihm, weiterzugehen. 
Langsam folgte Färber ihm die weißgekachelten Stufen hinauf. In dem ganzen Raum herrschte eine geradezu tropische Hitze. Dampf waberte über ihren Köpfen. Richtig, die Anlage war verstopft gewesen, verstopft von einem Stück Stoff, das er im Garten gefunden hatte. Der Gedanke brachte sein Herz für ein paar Sekunden zum Stolpern, dann überlagerte die fremdartige Melodie erneut alle Gedanken.


Kommentare:

  1. Liebe Leser,
    leider waren an einer Stelle die Namen durcheinander geraten. Selbstverständlich ist es Sawatzki, der den Gehörschutz trägt. Ich habe den entsprechenden Satz geändert. Vielen Dank für Ihr Verständnis. :)

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  2. *räusper* Es waren drei Stellen. Jetzt sollte aber alles stimmen. Liebe Grüße Birgit

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