Montag, 12. Dezember 2011

Das zwölfte Türchen

Den Tod im Herzen
Zwölftes Kapitel


Mein Gott, dachte Färber, als er Ammann aus der Nähe betrachtete. Sein ehemaliger Schulfreund sah alles andere als gesund aus. Die Haut seiner linken Gesichtshälfte wirkte wie verbrannt, krebsrot und faltig zog sie sich unter dem Auge zusammen, aber Ammann schien wenigstens keine Schmerzen zu haben.
„Hallo Jungs.“ Er hob eine schlaffe Hand und winkte Färber mechanisch zu. „Wir sehen uns später, Herr Sawatzki und ich müssen zuerst noch nach der Anlage sehen, die scheint wieder Probleme zu machen.“
Kein Wort über den Unfall oder darüber, dass er beinahe gestorben wäre. Färber nickte nur benommen und sah zu, wie Ammann die Kellertür aufschloss. Sein Blick fiel auf eine ausgetretene Steintreppe, die nach unten führte. Dann fiel die Tür zu und wurde von innen verriegelt. Offenbar wollten die Herren niemanden dabei haben.
Einen Moment lang verharrte Färber reglos vor der verschlossenen Tür und lauschte auf die Geräusche aus der Tiefe. Er kam sich dumm und kindisch vor, aber er konnte sich nicht dazu überwinden, einfach zu seiner Arbeit zurück zu kehren.
Auch Schreier war näher getreten. Gemeinsam hörten sie zu, wie unten eine weitere Tür geöffnet wurde. Jetzt war das Summen lauter zu hören, viel zu laut. Färbers Fußsohlen in den alten Tennisschuhen begannen unangenehm zu vibrieren. Dann fiel auch unten die Tür ins Schloss, und das Geräusch drang nur noch gedämpft zu ihnen herauf.
„Verrückt“, bemerkte Schreier, und sein breites Grinsen kehrte zurück, doch diesmal enthielt es auch eine Spur Unsicherheit. „Hier sind alle verrückt.“ Er schaute nervös auf seine Armbanduhr.
Er versucht nicht hinzusehen, dachte Färber, und seine Müdigkeit war mit einmal wie weggeblasen. Er versucht, diese Tür zu vergessen.
Er schüttelte sich, um die wirren Gedanken loszuwerden. Die Tür.  Irgendwie machte sie ihn ebenfalls nervös.
Ohne sich noch einmal umzusehen, kehrte Färber an seinen Arbeitsplatz zurück. „Komm, wir müssen noch den Salzgehalt überprüfen.“ Er machte einen Schritt auf Schreier zu, streckte den Arm nach einem Röhrchen mit Teststreifen aus, doch er brachte diese Bewegung nicht zu Ende. Die Klänge, die aus dem Kellergewölbe nach oben drangen, waren plötzlich so nah, dass Färber keine Luft mehr bekam. Er riss die Augen auf, und zum ersten Mal seit er für Kiaroff arbeitete, vergaß er das grünliche Licht. Die Umrisse der einzelnen Aquarienschränke traten unnatürlich klar hervor, und Färber wurde klar, dass es die Angst war, die seine Sinne schärfte. Es war sinnlos, sich selbst in diesem Punkt zu belügen. Er hatte Angst, eine Scheißangst vor diesem grässlichen gespenstischen Schrei, der noch Minuten später in seinen Ohren widerhallte.
„Was war das denn?“ Schreier schob sein Kaugummi eine Weile unschlüssig im Mund herum, dann produzierte er eine beeindruckende rosarote Blase, die sich beim Platzen über seine Nase legte. Er betrachtete Färber und brach in ein halb hysterisches Kichern aus, doch seine Augen blieben starr.

Es dauerte Stunden, ehe sie Ammann wiedersahen, und auch da schien er wenig Zeit zu haben. „Los, kommt mit nach draußen. Hätte nicht gedacht, dass das so lange dauert.“ Er bückte sich, um die Fahrstuhltür offen zu halten.
„Was war denn da unten los?“ fragte Färber, als sie mit eiligen Schritten die Bibliothek durchquerten. Ammann wurde nicht langsamer, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Tempo anzupassen.
„Nichts Besonderes, der Kasten verstopft von Zeit zu Zeit, das ist eine Drecksarbeit, kann ich dir sagen.“ Ammann verzog das Gesicht und wandte sich rasch wieder ab. Er sah erschöpft aus und auf eine seltsame Art gealtert.
Draußen hatte es wieder leicht zu regnen begonnen, und Färber fror in seiner ungefütterten Jacke, trotzdem trabte er noch einige Meter im Gleichschritt mit. „Du solltest ein paar Tage zu Hause bleiben.“
„Sollte ich wohl.“ Ammann schüttelte sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute ihn finster an. „Wie wär’s, wenn du dich ausnahmsweise mal um deinen eigenen Dreck kümmerst?“ Dann verschwand die Anspannung von seinen Zügen so schnell wie sie gekommen war, und er wirkte nur noch müde und ausgelaugt. Jetzt erinnerte er beinahe an Kiaroff.
Ammann winkte ab. „Tut mir leid, war wohl alles ein bisschen viel heute.“
Färber war froh über den Sinneswandel, er hatte nicht die geringste Lust, sich mit seinem ehemals besten Freund wegen solcher Lappalien in die Haare zu geraten. „Schreier will heute Abend seinen Einstand feiern. Kommst du mit in die Klause?“
Ammanns Augen funkelten in einem unnatürlichen Glanz, als er Färbers Arm packte und ihn dicht zu sich heranzog. „Du solltest dich nicht so viel mit ihm abgeben. Glaub mir, ich meine es nur gut mit dir.“
Färber kniff die Augen vor dem stärker werdenden Regen zusammen. Verwirrt machte er einen Schritt zurück und blieb mit dem Hosenbein an einem Ast hängen, den der Wind über den Parkplatz getrieben hatte. Beinahe wäre er gestürzt. Nachdenklich betrachtete er, wie Schreier das Pförtnerhäuschen betrat. „Und würdest du mir auch einen Grund dafür nennen?“ Färber hatte sich selbst immer für einen recht besonnenen Mann gehalten. Er war nicht leicht in Rage zu bringen, aber Ammann war auf dem besten Wege dorthin.
„Häng dich einfach nicht so an ihn dran, okay? Schreier ist nicht wie wir.“ Ein lautes Hupen übertönte die Geräusche im Garten. Ein Stück hinter ihnen lehnte sich Sawatzki aus dem Autofenster und winkte. „Ich muss gehen“, erklärte Ammann und drehte sich rasch um.
Färber verschluckte sich beinahe. „Er ist was? Was willst du damit sagen?“
Doch Ammann hatte es eilig. „Nichts“, sagte er eifrig. „Ich will gar nichts sagen. Ich glaube nur, dass er nicht sehr lange bei uns sein wird. Er passt nicht zu uns.“

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