Freitag, 9. Dezember 2011

Das neunte Türchen

Den Tod im Herzen

Neuntes Kapitel


„Keine Sorge“, sagte Sawatzki, und Färber schnappte bei diesen Worten nach Luft. Diese Floskel hatte er in den letzten beiden Tagen zu oft zu hören bekommen. „Ammann wird schon wieder. Ich denke, das Auge ist gerettet, der Rest wird heilen. Linea hat ihm ein Zimmer hergerichtet. Dort kann er vorerst bleiben.“
Er sagte das mit einer Gleichgültigkeit, die Färber wütend machte. „Wird er Narben zurück behalten?“
Der Pole schürzte gelangweilt die Lippen. „Er wird nicht mehr so hübsch aussehen wie früher, aber Kiaroff wird ihn sicher ordentlich entschädigen.“
„Man kann nicht alles mit Geld kaufen.“ Färber biss sich auf die Lippen, aber diesen leisen Vorwurf hatte er aussprechen müssen. Er wäre sonst daran erstickt.
„Kann man nicht?“ Sawatzkis Gesicht kam so nahe, dass er seinen Atem riechen konnte, eine Mischung aus Pfefferminz und Zigarettenrauch. „Sie müssen noch viel lernen, Junge.“ Er holte aus und tätschelte sachte Färbers Arm. „Aber er wird zumindest ein paar Tage ausfallen.“
Wenn er nach diesem Desaster überhaupt noch an eurem Scheißjob interessiert ist, dachte Färber und wunderte sich zugleich über Sawatzkis zuversichtliches Gesicht. Er fragte sich, was wirklich geschehen würde, sollte einer von ihnen das Handtuch werfen. Diese Möglichkeit schien dem Polen gar nicht in den Sinn zu kommen.

„Ich habe schon mit Kiaroff telefoniert“, redete Sawatzki weiter und schritt einen Bogen im Zimmer ab. „Der Chef ist sehr bekümmert über diesen Vorfall. Vorerst werde ich die Tiere übernehmen.“ Er warf Färber einen fragenden Blick zu.
Bekümmert, dachte Färber und räusperte sich. Wohl eher über den Verlust der Schlange als über Ammanns Zustand. Aber vielleicht tat er dem Alten ja Unrecht, schließlich kannte er ihn überhaupt nicht.
Dann sprach er die Frage aus, die sich schon gestern in ihm aufgestaut hatte: „Warum sucht er sich nicht jemanden aus, der sich mit solchen Exoten auskennt? An der Bezahlung kann es doch nicht liegen?“
Sawatzki lächelte gequält. „Wir stellen andere Voraussetzungen an unsere Mitarbeiter. Und wenn Ammann die Sicherheitsvorschriften eingehalten hätte, wäre überhaupt nichts passiert.“

Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich, und der junge Mann trat ein, den Färber vorhin auf dem Flur gesehen hatte.
„Darf ich vorstellen? Herr Schreier, Herr Färber. Herr Schreier wird ab morgen ebenfalls hier arbeiten. Er übernimmt vorerst die Nachtschichten.“ Sawatzki verzog die Lippen zu einem missgünstigen Grinsen, als sei die Auswahl des neuen Kollegen nicht seine Entscheidung gewesen. „Und jetzt werde ich Ihnen erst einmal das Grundstück zeigen. An der Garderobe stehen Schirme.“
Färber reichte dem Neuen die Hand. „Haben Sie Erfahrungen mit Meerestieren?“ Nein, dachte er augenblicklich. Der Mann sah aus, als hätte Sawatzki ihn unter irgendeiner Brücke aufgegabelt. Lange, fettige Haarsträhnen verdeckten zur Hälfte ein hageres Gesicht. Die Kleidung schien vom Flohmarkt zusammengewürfelt zu sein, das schwarze zerknitterte Hemd umwehte ihn bis zu den Oberschenkeln, die Beine steckten in einer schmutzigen orangefarbenen Jogginghose. Färber schluckte. Er sollte nicht immer nach Äußerlichkeiten gehen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er auch nicht besser ausgesehen.
Wir stellen andere Anforderungen an unsere Mitarbeiter.
„Was denn für Tiere?“ fragte der junge Mann. Offenbar hatte ihm Sawatzki noch nicht einmal erklärt, was er hier tun sollte. 

Gemeinsam stapften sie in den Regen hinaus. Der Himmel hatte seine Farbe verloren, und es war kälter geworden. Auf den Grünflächen breiteten sich erste Pfützen aus. An dem kleinen Pförtnerhaus machte Sawatzki halt und schloss die Tür auf. Färber folgte ihm schweigend. Durch die großen Fenster konnte Färber den Zufahrtsweg mit dem eisernen Tor überblicken. Ein Stück dahinter begann der Wald. Zu seiner Linken erhob sich wie ein drohender Schatten das Wohnhaus. Färber gähnte hinter vorgehaltener Hand und betrachtete den Holztisch mit dem einzelnen Stuhl, der nicht sehr bequem aussah. Die Hütte besaß den Charme einer Frittenbude, aber das störte ihn nicht. Es würde auf jeden Fall besser sein als der Aquarienraum mit seiner gedämpften Beleuchtung und dem ständigen Dröhnen der Pumpe.
Alles war besser als das.


Kommentare:

  1. Den letzten Abschnitt hab ich 2x lesen müssen. Irgendwie hab ich das "Wohnhaus" eher mit einem Schloss als mit dieser Hütte in Verbindung gebracht und erst dann begriffen, dass Wohnhaus net gleich Wohnhaus ist.:-)

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Mandala,
    danke für den Hinweis. Die Hütte ist das Pförtnerhäuschen am Tor. Ich schau mir die Stelle nochmal an, vielleicht kann ich das deutlicher ausdrücken. :)
    Viele Grüße Birgit

    AntwortenLöschen