Dienstag, 31. Januar 2012

Vorsicht frisch gestrichen! (Wenn Figuren abfärben)

Natürlich ist es in erster Linie ein Klischee, wenn manche Leute behaupten, Herr und Hund würden sich über die Jahre immer ähnlicher werden. Oder vielleicht doch nicht? Vor allem in der Promiszene begegnet man hin und wieder doch jenen berühmten Ausnahmen, auf die diese Behauptung tatsächlich zuzutreffen scheint. Da gleichen sich Nase und Schnauze, Körperbau oder, wobei hier meist künstlich nachgeholfen wurde, gar der Farbton von Fell und Haupthaar. Witzig? Skurril? Erschreckend?

Und wenn dem so ist, worin liegt die Ursache begründet? Natürlich könnte man jetzt anführen, daß dies in den seltensten Fällen ein Zufall ist, daß sich die Menschen oftmals gezielt einen Hausgenossen aussuchen, der in irgendeiner Form den eigenen Gewohnheiten und Bedürfnissen entspricht. Was diese Gedankengänge auf einem Autorenblog zu suchen haben, möchten Sie wissen? Nun, es handelt sich ganz einfach um eines der vielen Rätsel dieser Welt, das mir zu nachtschlafender Zeit durch den Kopf schwirrte. Was mich aber besonders dabei beschäftigte, und hier kündigt sich schon die Parallele an, war die Vorstellung, diese Hypothese weiterzuspinnen.
Wenn es also wirklich jene Ähnlichkeit gibt, die völlig unbeabsichtigt über die Jahre entsteht, einfach durch das gemeinsame Miteinander, was würde dann erst mit Autoren geschehen, die sich doch oftmals über Monate bis Jahre intensiv mit ihren Figuren beschäftigen?

Na, das wäre ja zu schön, werden jetzt alle Urheber romantisch-verklärter Liebesepen rufen, wenn ich auch so einen Traumkörper hätte wie mein Protagonist, keinen Haarausfall mehr, dazu noch sein Gehalt, das passende Auto und auf Schritt und Tritt das Seufzen unzähliger junger Mädchen in den Ohren. Stimmt, das wäre es zweifellos. Vorausgesetzt, man schreibt im richtigen Genre.

Und da wir uns hier auf einem Autorenblog befinden und ich selbst eher wenig Ahnung von Hunderassen habe, denn mein derzeitiges Haustier schwimmt in einem Aquarium umher und sieht mir ganz und gar nicht ähnlich, kam mir die Idee, diese Vorstellung ein wenig auszubauen, und zwar in einer kleinen Geschichte.
Der Hauptakteur meiner Geschichte ist, wie sollte es anders sein, ein Autor, und er hat es manchmal nicht leicht, mit seinen Fantasiegeschöpfen fertig zu werden. Obwohl seine Frau es noch deutlich schwerer haben wird...

"Nein, nein und nochmals nein!" Frieda wedelte energisch mit dem neuen Vertrag, der gerade erst mit der Post ins Haus geflattert war. "Noch einmal mache ich sowas nicht mit."
Dunkelhorst, der mit bürgerlichem Namen der Einfachheit halber Horst Dunkel hieß, räkelte sich in seinem Lieblingssessel und betrachtete die Tanzgruppe im Fernsehen. Den Ton hatte seine Frau mal wieder abgestellt, wie immer, wenn es etwas zu diskutieren gab.
"Aber Süße", seufzte er und verschanzte sich hinter seiner Kaffeetasse. "Es ist doch nur ein Buch."
"Na klar, sind ja alles nur Bücher." Frieda nickte zu dem wackligen Eckregal hin, in dem eine ganze Reihe seiner Werke stand, alle mit den typischen grünen Buchrücken. Vamirtage, der Werwolf von Liverpool, Neues vom Kopflosen...
Frieda machte eine abfällige Geste, aber sie wagte nicht, die Einbände zu berühren. Eine Mischung aus Angst und Hoffnung stahl sich auf ihr Gesicht, für das Horst sie hätte küssen mögen, wäre der Weg nicht so weit und der Sessel nicht so nachgiebig gewesen.

"Und sie haben uns bisher ganz gut ernährt", fügte er lächelnd hinzu.
Dieses Argument hatte noch immer gezogen, und es erfüllte auch jetzt seinen Zweck. Die Hände in den Taschen ihrer Strickjacke vergraben, ließ sich Frieda auf die Couch sinken. "Kannst du nicht mal was anderes schreiben?"
"Aber Liebling." Dunkelhorst gab seiner Stimme einen Verständnis heischenden Touch. "Die Leute erwarten Horrorgeschichten von mir. Und Humor liegt mir nun wirklich nicht." Vorsichtig, um keinen Kaffee zu verschütten, tastete er nach ihrer Hand und erwischte nur ein altes Papiertaschentuch. Er konnte sie ja verstehen. Jedes einzelne Manuskript hatte ihn selbst eine Menge Schweiß und Nerven gekostet. Sich in die Gedankenwelt eines Monstrums zu versetzen, war nicht einfach, aber irgendwann war es ihm dann doch gelungen, und dann...
"Und der Sarg bleibt im Keller."
"Aber ja." Natürlich, daß er daran nicht schon längst gedacht hatte. Die Geschichte mit dem Sarg hatte er vollkommen verdrängt. War auch wirklich ein bißchen unbequem gewesen, eine ganze Nacht hätte er so nicht verbringen wollen, aber zur Inspiration... Seltsam, dachte Dunkelhorst und nippte an seiner Tasse. Er konnte sich kaum noch an die Zeit erinnern. "Von mir aus kannst du ihn auch zum Sperrmüll geben."
Frieda schenkte ihm ein freudloses Lächeln. "Die wollten ihn ja nicht haben."
Richtig, wie hatte er das vergessen können. Dunkelhorst hob entschuldigend die Schultern. Die Tanzgruppe im Fernsehen machte einer geräuschlosen Nachrichtensprecherin Platz. Manchmal war ihm seine Arbeit wirklich ein bißchen unheimlich. Worüber hatte er zuletzt geschrieben? Es wollte ihm einfach nicht einfallen.

Langsam erhob sich Frieda wieder und kam auf ihn zu, leichtfüßig wie ein junges Mädchen. Sie berührte ihn sanft an der Schulter. Blaß war sie geworden. Während er selbst in der letzten Schreibpause wieder ein wenig Farbe bekommen hatte, erschien ihm seine Frau langsam wie ein Gespenst. Litt sie wirklich dermaßen unter seiner Arbeit? Wenn er sich doch nur erinnern könnte. Horst ergriff ihr Handgelenk und zog sie auf seinen Schoß. "Was war denn das Schlimmste für dich?" fragte er vorsichtig.
"Das fragst du noch?" Sie versteifte sich in seinen Armen. Horst kämpfte das schlechte Gewissen nieder, das in solchen Situationen immer nach ihm greifen wollte. Er hätte gern noch einen Schluck Kaffee genommen, aber er kam nicht an die Tasse heran.
"Den eigenen Mann im Keller festbinden zu müssen? Glaubst du, das ist normal?"
In Horsts Gedanken geriet ein winziges Rädchen in Bewegung. Die Vollmondnächte! Sein Werwolfroman. Er schüttelte fasziniert den Kopf. Frieda fühlte sich gut an auf seinem Schoß, trotz ihrer kratzbürstigen Stimme, trotz all der Vorwürfe. Sie erinnerte ihn an eine reife Frucht.
"Mir sind wirklich Haare gewachsen, stimmt's?" erkundigte er sich begeistert und fing sich einen wütenden Blick ein.
"Haare sind gar kein Ausdruck. Ich hätte ein Foto schießen sollen." Sie zappelte in seinem Griff und trat ihm unabsichtlich gegen das Schienbein.
Dunkelhorst griff fester zu. Irgendwie liebte er sie ja doch. Und dieser Duft heute, war das ein neues Parfum? Er beschloß, sich von seiner weichen Seite zu zeigen. "Dieses eine Buch noch", flüsterte er ihr ins Ohr. "Und danach könnte ich ja wirklich mal versuchen...ich meine, was hältst du von einem Kinderbuch? So als Ausgleich?"
"Oh, Liebling." Friedas Umarmung wurde fester, während sie ihr Gesicht in seinem Haar vergrub. Sie stieß mit dem Fuß gegen den Couchtisch, und der Verlagsvertrag schwebte leise raschelnd zu Boden...

"Und da hat sie dich einfach sitzen lassen?" Krawinski machte große Augen.
Horst zuckte die Schultern und stand auf, um nach den Schnitzeln zu sehen. "Sie hat es nicht ertragen, nehme ich an. Irgendwie kam sie mit meiner Arbeit nicht zurecht. Was willst du machen? Manchmal paßt es einfach nicht." Er öffnete eine Dose Champignons und gab sie in die Pfanne. Dann wandte er sich seinem Lektor zu. "Wenn alles klappt, kann ich dir Montag den Rest zuschicken. Achtzig Seiten fehlen noch."
Krawinski nickte zufrieden. "Wie du das immer machst, ist mir ja bis heute ein Rätsel. Sich so detailgetreu in die Figuren reinzudenken. Ich meine, stell dir vor, ein Vampir, ein Werwolf, und jetzt..."
"Och, so schwer ist das gar nicht." Mit einem verträumten Lächeln legte Horst den Dosenöffner zurück in die Schublade. "Manchmal muß man der Fantasie eben auf die Sprünge helfen." Ganz kurz erfaßte ihn ein kalter Schauer. Hatte er etwa schon wieder etwas vergessen? Aber so schlimm konnte es ja nicht sein. Nach einem Vampir und einem Werwolf, was bedeutete da schon ein Buch über Kannibalismus?
Kopfschüttelnd wandte er sich wieder der Pfanne zu.

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