Freitag, 10. Februar 2012

Autoreninterview mit Barbara Krauß

Heute startet auf diesem Blog eine neue Reihe.
Unter der Rubrik "Der Freitagsautor" möchte ich jeden Freitag eine Autorin oder einen Autor vorstellen. Zu diesem Zweck habe ich einen kleinen Katalog mit Interviewfragen verschickt, und ich bedanke mich ganz herzlich für die Bereitschaft der Autoren, an meiner Interviewserie teilzunehmen. :)


Mein erster Gast ist Barbara Krauß.











Barbara Krauß wurde 1961 in Speyer geboren und lebt seit Mitte der neunziger Jahre in Freisbach. Sie schreibt Romane und Kurzgeschichten und betreibt sogar einen eigenen kleinen Verlag.
Aber lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

Liebe Barbara, ganz herzlichen Dank, daß du dich bereit erklärt hast, meine Fragen zu beantworten. Wie hat das bei dir angefangen? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben, oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?
Barbara: Als Kind war ich gut im mündlichen Geschichten-Nacherzählen, als Jugendliche furchtbar lesefaul – ich habe mich lieber draußen rumgetrieben. In der Schule und im Studium wurde oft mein Schreibstil gelobt – ich habe mich zwar gefreut, mir aber nicht viel dabei gedacht. Mit Anfang zwanzig ging es dann plötzlich los: wie eine Verrückte habe ich angefangen zu schreiben. Aber ein Schlüsselerlebnis? Eigentlich nein.

Wie stark steckst du in deinen Themen drin? Kommt es vor, dass dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?
Barbara: Wirklich autobiografisch sind bei mir die wenigsten Geschichten. Aber ein Thema muss sich mir aufdrängen, mich beschäftigen, und insofern steckt natürlich auch immer so manches von mir selber drin. Ich denke in Bildern (mit dem berühmten „Kino im Kopf“) und wäre vielleicht eine gute Drehbuchschreiberin geworden.
Über Themen, die mir Angst machen, kann ich nicht schreiben: ich muss mich mit meinem Personal identifizieren und zugleich meine Phantasien den Lesern auch zumuten können. So könnte ich zum Beispiel nie über Grausamkeiten schreiben, denn so etwas will ich selbst nicht lesen.


Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?
Barbara: Als Taschenbuch zu kaufen gab/gibt es bisher meinen Roman „Vincent. Stationen eines Abschieds“ (ausgezeichnet mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz) und die Kurzgeschichtensammlung „Sommer und längere Geschichten“. Außerdem jetzt ganz neu als eBooks: „Vincent...“ in einer überarbeiten Fassung (als Taschenbuch ist der Roman vergriffen) und zwei weitere Kurzgeschichten. 
Auf ein Genre bin ich nicht fixiert, im Gegenteil: ich experimentiere gerne, habe neben Romanen und Kurzgeschichten auch Theaterstücke in der Schublade.


Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw. wie sieht sie aus?
Barbara: Ich habe schon einige Lesungen gemacht, mal auf Einladung, mal selbst veranstaltet (zu meinen Buchpräsentationen). Vor vielen Jahren war ich zu einer einstündigen Radiosendung im Südwestfunk eingeladen, „Literatur auf dem Prüfstand“. Das hieß damals: Live-Lesung (von mir), Live-Diskussion (zwei Literaturkritiker, ein Moderator und ich) – ein Heidenspaß!
In meiner Kurzgeschichtensammlung „Sommer und längere Geschichten“ gibt es einen Sketch, „Glaubensfrage – Ein Monolog vor Zeugen“: Da steht ein Mann in Trenchcoat und Hut in einem Stadtpark auf einer Holzkiste – und spricht. Natürlich nimmt er sein Publikum auf die Schippe... Diesen Sketch habe ich bei einigen Lesungen dann auch selbst vorgespielt.


Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?
Barbara: Ganz klar: die Sprache. Ich feile ausgiebig an meinen Sätzen, lege Wert auf eine Sprachmelodie, lese immer und immer wieder, was ich geschrieben habe, prüfe, ob es „klingt“. Das geht mir auch beim journalistischen Schreiben so. Leser müssen von der Sprache in den Text hineingezogen werden, sich buchstäblich tragen lassen, nicht aufhören können, bis sie am Ende sind. Wenn ich höre: „Das ist aber ein schöner Text, ein ganz neuer Ton!“, bin ich sehr stolz – denn dafür schreibe ich. Schreiben ist Kunst, nicht nur Transport von Informationen.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?
Barbara: Ganz unterschiedlich. Wenn mir eine neue Geschichte einfällt, muss ich sie schnell festhalten. Dann liegen bei mir im Haus an verschiedenen Stellen Zettel und Stifte parat, auch auf dem Nachttisch. Dann muss ich die Szenen, die ich „sehe“, schnell aufschreiben. Das Bearbeiten kommt später: die Recherche – früher in der Labi, heute im Internet. Dann schreibe ich, wenn ich das Gefühl habe, dass „Schreibtage“ sind. Nicht jeden Tag fällt einem etwas ein, das dann auch wirklich Bestand hat. Ich habe in den vergangenen 25 Jahren vermutlich mehr in den Papierkorb geworfen, als andere geschrieben haben.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?
Barbara: Beim literarischen Schreiben lasse mich nicht unter Druck setzen.
Beim journalistischen Schreiben gehört das notgedrungen dazu: Wenn man samstagabends auf einer Veranstaltung war, und der Bericht darüber soll montags erscheinen, dann heißt das: sonntagmorgens den Wecker stellen und noch vor dem Frühstück schreiben, denn spätestens mittags will der Redakteur, der Sonntagsdienst hat, wissen, was er von mir bekommt. Und: einen Ehemann habe ich auch noch, der sich den Sonntag mit mir nicht am Computer vorstellt...


Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?
Barbara: Solche Fragen stelle ich mir gar nicht. Ich freue mich, wenn meine Bücher gelesen werden. Sollte man dann wirklich einmal „berühmt“ werden, ist immer die Frage, wie man das gestaltet. Ich halte es da mit dem „Zauberlehrling“: Die Geister, die ich rief...

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?
Barbara: Ausdauer! Ein dickes Fell! Eine gesunde Portion Selbstvertrauen. Die Fähigkeit, Kritik anzunehmen und das Talent, nützliche von unbrauchbarer Kritik zu unterscheiden.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?
Barbara: Sie sind schon eine Spur verrückt. Und potenzielle Lügner... Also Vorsicht!

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?
Barbara: Ein gutes Lektorat und Respekt vor der Arbeit eines Autors. Die meisten Lektoren könnten nie selber ein Buch schreiben – nur die wenigsten geben das zu. Kritisieren alleine ist leicht – das kann jeder.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?
Barbara: Ich hoffe, dass das eBook weiterhin Autor/innen die Möglichkeit bietet, selbst zu veröffentlichen, und wünsche mir inständig, dass dieser neue Markt nicht in ein paar Jahren schon wieder von den großen Verlagen geschluckt wird. Alle, die dutzende bis hunderte Male in Lektoratskonferenzen diskutiert und gelobt, dann aber am Ende (aus kommerziellen Gründen) doch abgelehnt wurden, haben jetzt – endlich! – die Möglichkeit, sich ohne Umwege ihren Lesern zu präsentieren, und das nicht nur regional begrenzt, sondern weltweit. 

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?
Barbara: Aktuell bearbeite ich meinen Science-Fiction-Roman, „Das Buch, die Geschichte einer Manipulation“ (der vielfach gelobt, aber dann doch abgelehnt wurde: siehe oben...). Nichts Technisches, eher eine subtile Geschichte: Sie spielt in einer fernen Welt, 323 Jahre nach der atomaren Katastrophe. Plötzlich herrscht Aufregung in dieser streng reglementierten Gesellschaft: Es heißt, es gäbe ein Buch: ein Geschichtsbuch aus der Zeit des 21. Jahrhunderts auf Erden. Können die Menschen aus dieser Geschichte lernen...?

Wo können interessierte Leser mehr über dich erfahren?
Barbara: Alle meine eBooks sind momentan nur auf Amazon zu kaufen. Hier geht es zu meiner Autorenseite.
Mehr Informationen über mich und meine (andere) Arbeit:
www.kraussverlag.de

Liebe Barbara,
herzlichen Dank für die interessanten Antworten.
Viele Grüße
Birgit Böckli


Nächsten Freitag im Interview: Michael Johansen

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