Freitag, 24. Februar 2012

Autoreninterview mit Tanja Kinkel

Mein heutiger Gast hat erreicht, wovon viele junge Autoren träumen. Längst ist ihr Name ein fester Begriff in der deutschen Literaturszene, ihre historischen Romane verkauften sich millionenfach und wurden in viele verschiedene Sprachen übersetzt. Herzlich Willkommen, Tanja Kinkel.


Liebe Tanja, ganz herzlichen Dank, daß du dich bereit erklärt hast, meine Fragen zu beantworten. Du hast, glaube ich, schon recht früh mit dem Schreiben angefangen. War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Tanja: Es gab nie ein Schlüsselerlebnis, und abgesehen von einer Kindergartenvorstellung, Seiltänzerin werden zu wollen, war es tatsächlich schon von meiner Grundschulzeit an mein Wunschtraum. Ich las mit Begeisterung, sobald ich lesen konnte, dachte mir Geschichten aus, und es erschien mir nur logisch, sie aufschreiben zu wollen.

Wie stark steckst du in in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Tanja: Hin und wieder mache ich meine Erfahrungen mit dem „Der Abgrund blickt in dich zurück“ Phänomen. Als ich seinerzeit die „Puppenspieler“  schrieb, fing ich ganz gegen meine Gewohnheit nicht mit dem Anfang an, weil ich mich noch nicht den ersten hundert Seiten gewachsen fühlte, in denen es um einen Hexenprozess geht, der zum größten Teil aus der Sicht der Täter beschrieben ist. Auf der positiven Seite habe ich oft die Erfahrung gemacht, daß man sich als Autorin nicht nur während des Schreibens, sondern auch noch Jahre später sehr besitzergreifend in bezug auf seine Charaktere fühlt, ob historisch oder erfunden, und manchmal noch Jahre nach dem Roman  in bestimmten Situationen an sie oder das, was mit ihnen geschah, denkt wie an Menschen aus dem eigenen Familienkreis.  Es ist mir zum Beispiel nicht mehr möglich, an Ägypten zu denken, ohne in Gedanken die sehr unterschiedlichen Kommentare von Sarah Belzoni und Bernardino Drovetti zu hören!

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Tanja: Die meisten meiner vierzehn bisher erschienenen Romane sind zwar historischer Natur, aber nicht alle. Ein Gegenwartsroman, ein Roman aus dem  20. Jahrhundert, der nach dem zweiten Weltkrieg endet, ein Kinderbuch und ein Fantasy-Roman sind auch dabei, was die Frage an sich schon beantwortet.  Geschichte ist meine große Passion, auch, weil sie so eine Vielzahl an völlig unterschiedlichen Themenbereichen birgt, aber natürlich mache ich hin und wieder auch Ausflüge in ganz andere Bereiche, unter anderem durch Anthologiebeiträge.

Die Titel meiner Romane, und der Anthologien, in denen Kurzgeschichten von mir erschienen sind, finden sich auf meiner Website, www.tanja-kinkel.de.

Wie sieht bei dir eine Lesung aus?

Tanja: Die jeweilige Buchhändlerin oder der Buchhändler stellt mich vor, ich lese etwa 45 Minuten lang aus dem jeweils neuesten Roman, und dann beantworte ich Fragen und erzähle etwas über den Hintergrund des Buches und über das Schreiben im Allgemeinen. Das nimmt, je nach Publikum, ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch. Manchmal ist es nötig, erst ein, zwei Anekdoten zu erzählen, damit die Leute sich genügend entspannen, um die ersten Fragen zu wagen. Irgendwann, wenn klar ist, daß keine Fragen mehr kommen, gehe ich zum Buchsignieren über.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Tanja: Das ist mehr eine Frage für meine Leser, weil man über sich selbst natürlich nicht objektiv sein kann. Ich versuche vor allem, glaubwürdig zu schreiben. Damit meine ich nicht nur, daß meine Recherche stimmt, sondern vor allem, daß die Charaktere und das, was mit ihnen geschieht, aus sich selbst innerhalb meines Romans glaubwürdig herüber kommen. Das heißt, es ist nicht genügend, zu sagen: so oder so ähnlich ist es passiert; Leser, die nicht die geringste Ahnung haben, ob Charakter X nun erfunden wurde, oder tatsächlich gelebt hat, müssen trotzdem allein basierend auf dem jeweiligen Roman verstehen, warum X tut, was sie oder er tut.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

Tanja: Ich bin mehr ein Tag-, als ein Nachtmensch. Wenn ich schreibe, dann vor allem tagsüber, den ganzen Tag. Aber das ist erst ein relativ spätes Stadium beim Verfassen eines Romans. Zu Anfang steht die Recherche, die bei mir im Durchschnitt eineinhalb Jahre in Anspruch nimmt, und zwar bei Gegenwartsstoffen nicht minder als bei historischen. Dabei habe ich eine Grundidee und versuche dann, so viel wie möglich über die verschiedenen im Roman vorkommenden Personen, ihre jeweiligen Hintergründe, den Alltag der Epoche und alles von Kochrezepten zu Lieblingsbüchern, soweit vorhanden, herauszufinden. Während der Recherche entscheidet sich dann, ob ich über das gesamte Leben einer Person oder nur einen Ausschnitt schreiben möchte, welche Themen am wichtigsten sind, etc.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Tanja: Mit Deadlines hatte ich bisher vor allem bei Kurzgeschichten und Essays zu tun, und bei meinem Fantasy-Roman, der für ein größeres Projekt geschrieben wurde. Es ist ein guter Ansporn, aber im allgemeinen reicht der Druck, unter den ich mich selbst setze. Was meine Leser betrifft: als Leserin anderer Autoren ist für mich ein Roman dann ein gelungener Roman, wenn ich ihn nach der Erstlektüre gleich noch einmal beginnen möchte, wenn mich die Personen und Themen weit über die Lektüre hinaus beschäftigen. Und diese Erwartung versuche ich auch als Autorin zu erfüllen.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Tanja: Autoren sind zum Glück nicht im gleichen Sinn berühmt wie Popstars oder Politiker. Fünfmal im Jahr erkannt zu werden, ist schmeichelhaft; fünfmal am Tag wäre merkwürdig und vielleicht auch nervig, aber so etwas passiert einem Schriftsteller nicht. Andererseits bedeutet ein gewisser Bekanntheitsgrad, daß man seinerseits eine Menge Menschen kennen lernen kann, die einem sonst unerreichbar gewesen wären, und das ist natürlich von Vorteil.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Tanja: Erzählfreude, Disziplin und die Bereitschaft, sich nach der ersten instinktiven „Ja, aber…“ Reaktion, die man NIE los wird, auch nach vielen Jahren, auf konstruktive Kritik mit „hm, könnte vielleicht doch was dran sein“  einzulassen.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Tanja: Sie sind Menschen, die versuchen, gefühlten und gedachten Realitäten durch ihre Worte Form zu geben, was mutmaßlich eine gewisse Gemeinsamkeit darstellt. Allerdings glaube ich auch, daß man sich vor dem Umkehrschluß hüten sollte. Endlos seine eigenen Neurosen zu untersuchen, macht einen nicht notwendigerweise zu einem guten Schriftsteller. Und viele von uns haben ein völlig banales Alltagsleben ohne Exzesse, eben weil wir uns auf das Schreiben konzentrieren.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?

Tanja: Ein gutes Lektorat und regen Einsatz für die Autoren bei Medien, Buchhändlern und Verlagen im Ausland, die für Übersetzungen in Frage kommen; niemals ein Verlassen darauf, daß die Medien, Buchhändler und Lizenznehmer auf den Verlag zu kommen.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Tanja: Ich lasse mich von der Zukunft überraschen.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Tanja: Ich bin noch mit meinem im November erschienenen ziemlich erfolgreichen Roman „Das Spiel der Nachtigall“ auf Lesereise und bei der Recherche für mein nächstes Buch. Aber solange ein Roman noch nicht geschrieben wurde, rede ich nicht über ihn, da bin ich abergläubisch.

Vielen Dank für das spannende Interview, liebe Tanja.
Hier gibt es weitere Informationen über Tanja Kinkel und ihre Bücher




Nächsten Freitag im Interview: Sylvia Dölger

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