Freitag, 16. März 2012

Autoreninterview mit David Gray

Mein heutiger Gast wurde in Leipzig geboren, heute lebt und arbeitet er als Filmkritiker in Hamburg.  Mit seinen eBooks erzielte er bereits beachtliche Erfolge. Herzlich Willkommen, David Gray.


Lieber David, vielen Dank, daß du an meiner Interviewreihe teilnehmen möchtest. Wie war das bei dir? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

David: Ich hab spät lesen gelernt, aber danach war ich angefixt und bin es bis heute geblieben. Ich hab alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Auch jede Menge Mist, all dieser sozialistischer Realismus in postfaschistischer Heldenpose.
Irgendwann begannen sich in meinem Kopf  neue Geschichten zu formen. Geschichten, die ich für besser hielt, als das, was  ich da gerade las.
Das war eine Art Automatismus für den ich nichts konnte, aber für den ich mittlerweile durchaus dankbar bin.

Wie stark steckst du in in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

David: Bis in die Träume kommt vor. Selten zwar, aber es geschieht. Ich habe allerdings keine Alpträume von meinen Geschichten. Ich bin mir des Unterschieds zwischen Realität und Fiktion bewusst. Ich weiß zu gut, dass die Realität viel komplexer und furchtbarer sein kann, als jede Fiktion. Wer Realität und Fiktion zu sehr mischt, der kann meiner Meinung nach auch keine gute Fiktion erfinden – Stichwort: Nabelschau. Ich kann das nicht leiden. Zu viele – auch sehr gute Kollegen – tun das immer noch und halten es für den Heiligen Gral des Schreibens. Dabei ist es in vielen Fällen die pure Feigheit etwas anzupacken, von dem sie wissen, dass sie sich dafür aus ihrer langweiligen Literatenstube in die Welt hinaus begeben müssten. In die Welt hinaus zu gehen ist ja auch nicht immer nur witzig. Aber für die Produktion von ausdrucksstarker Literatur meiner Meinung nach nun mal unerlässlich. Man muss ja keinen Mord begehen um über einen Mord glaubhaft schreiben zu können. Aber schon mal mit einem oder zwei Mördern gesprochen zu haben, hilft dabei dennoch ungemein.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

David: Ich habe Sachbücher geschrieben, Reportagen und Film –und Kunstkritiken. Mein bevorzugtes Genre ist der Spannungsroman. Der kann – aber muss nicht – deckungsgleich mit Thrillern oder Krimis sein, zuweilen sogar ins Horrorgenre tendieren, aber ich will mich ungern auf eine dieser Schublädchen festlegen lassen. Vielleicht ist es aber auch nur die pure Eitelkeit. Immerhin ist Dostojewskis „Schuld und Sühne“ am Ende auch nur ein Spannungsroman der Subkategorie Krimi. Allerdings, und das muss gesagt werden, ist er ein verdammt guter.

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw wie sieht sie aus?

David: Ich habe als Teil einer größeren Gruppe von Musikern und Artisten vor vielen Jahren angefangen Lesungen zu veranstalten. Immer dieselbe Geschichte, ab und zu mal garniert mit einigen Gedichten meines Freundes Yves Morr. Das war kein ausgesprochener Erfolg. Das Lampenfieber fand ich fast so grausam wie die gelangweilten Blicke aus dem Publikum.
Später habe ich dann immer mal wieder im kleineren Kreis gelesen, meist Anekdoten oder Aphorismen, ab und an auch mal eine kürzere Story.
Dabei habe ich gelernt, dass bei Lesungen auf eine charakterliche Eigenheit definitiv ankommt: die Fähigkeit zur Selbstironie.
Wer sich und seine Texte bei Lesungen zu ernst nimmt, den straft das Publikum gnadenlos ab. Und wie ich mittlerweile meine, auch zu recht.
Ich werde zusammen mit Freunden im Sommer diesen Jahres eine Reihe von Lesungen veranstalten, die von Musik begleitet werden, und außerdem ein Kakerlakenrennen beinhalten, bei dem gewettet werden darf.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?
 
David: Ich betreibe die Schriftstellerei wie ein guter Koch einen Eintopf angeht: ich suche mir allerlei Elemente aus Literatur, Philosophie und Geschichtsschreibung zusammen, schäle sie, putze sie, schneide oder quetsche sie und werfe sie zuletzt gemeinsam in einen Topf mit ein wenig heißer Eigener-Erfahrungs-Brühe. Manchmal funktioniert das erstaunlich gut. Manchmal geht’s heillos schief, wie die ungefähr sieben oder acht unbeendeten Romane und Novellen irgendwo in den dunklen Tiefen meines Computerspeichers eindrucksvoll beweisen.


Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

David: Ich habe zunehmend größeren Respekt vor dem Anfang einer neuen Arbeit, und brauche auch etwas länger als zu Beginn meiner „Karriere“ die passende Stimme für die jeweilige Geschichte zu finden. Ist mir dies allerdings erst einmal gelungen, schreibe ich wann immer es möglich ist – zur Not auch auf dem Klo oder in einer überfüllten Straßenbahn. Ich habe auch auf dem Dach eines fahrenden Busses irgendwo im Himalaya schon auf einem Stück Klopapier die Grundzüge einer Novelle skizziert, während eine  mitreisende Ziege fröhlich an meinen Haaren herumknabberte.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

David: Ich kann mit Deadlines relativ gut umgehen, das rührt aus meinem Job als Journalist her. Die Erwartungshaltung der Leser ist mir egal. Ich kenne die ja gar nicht. Wem einer meiner Texte gefiel, dem muss ja nur deswegen anderes von mir nicht zugleich auch zusagen. Die Leser – das ist eine unbestimmte und vor allem unbestimmbare Größe. Ich glaube, ihnen ist am besten gedient, indem man sie bei der Entwicklung einer neuen Arbeit völlig außen vor lässt. Die werden erst wieder interessant, sobald die Arbeit ihren Weg hinaus in die Welkt antritt. Dann allerdings sind sie das Maß aller Dinge. Schon deswegen, weil sie es sind die am Ende für meine Arbeit ihre Daumen eher senken, oder heben. Literatur ist zu einem gewissen Teil ja immer auch Showbiz. Daran ist nicht zu rütteln. Wer es dennoch versucht – wird nicht lange Spaß haben im Literaturbetrieb.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

David: Natürlich sehe ich darin auch Nachteile. David Gray ist ein Pseudonym. Ich führe ein Leben neben der Schreiberei. Dieses Leben ist mir sehr kostbar.  Daher ist David Gray von Beginn an als Kunstfigur angelegt worden. Er mag ja so einiges von mir selbst haben, aber ich – das ist schon ein anderer als dieser Herr Gray mit seiner großen Klappe und dem Hang zur Rechthaberei. Ich denke auch, dass diese Art der literarischen Kunstfigur vom Publikum wesentlich problemloser akzeptiert wird, als von so manchem Kollegen.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

David: Talent, Furchtlosigkeit und jede Menge kriminelle Energie.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

David: Dass die Dichter etwas Besonderes sind ist ja ein Denkkonzept, dem erst die Romantik neues Leben einhauchte, nachdem es ziemlich lange relativ brach gelegen hatte. Mal abgesehen von jener Ansehensspitze die Autoren und Dichter für kurze Zeit während der  Renaissance genossen haben.
Wir leben derzeit in einem Romantik-Revival. Da passt auch das Klischee vom Genie und dem Wahnsinn wieder ganz gut ins Bild. Ich persönlich glaube, dass sich unter Autoren ebenso viele Korinthenkackerische Langweiler finden lassen, wie ausgeflippte Egomanen, friedliche Schizophrene oder psychopathische Irre. Aber das gilt für Tischler, Taxifahrer oder Bankangestellte genauso.
Was Hirnstudien angeht, so will ich hier einen guten Freund von mir zitieren, seines Zeichens Neurologe und Wissenschaftler: „Selbst sämtliche derzeit verfügbaren Rechner zusammengeschaltet ergäben immer noch weniger Rechenleistung, als Du in etwa dafür brauchst Deinem Finger zu befehlen Deinen Stift zu ergreifen und Deinen Namen unter irgendein Dokument zu setzen. „
Anders ausgedrückt, ich halte die meisten dieser so genannten Studien für ausgemachten Blödsinn und gebe daher nichts darauf.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?

David: Ein guter Verlag sollte sein wie eine heilige Hure. Sie soll beim kopulieren – das heißt – dem Entstehen der Texte mit ganzem Herzen, kreativ, scham- und hemmungslos dabei sein. Beim Lektorat jedoch die selbstbewusste Pedantin herauskehren, um sich dann bei der Vermarktung der Texte für keinerlei Schweinerei zu schade zu sein.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

David: Im Idealfall wird der Markt wesentlich bunter und vielfältiger sein, als jetzt. Damit auch unübersichtlicher. Der Markt für Autoren wird allerdings deutlich wachsen. Immer mehr technische Möglichkeiten wollen von uns erobert und besetzt werden. Die Menschen waren noch nie so hungrig nach Geschichten, wie gerade jetzt. Ein Trend, der übrigens anhalten wird. Nur ist es ihnen inzwischen zunehmend gleich in welcher Form man ihnen Geschichten serviert, ob als klassischen Roman, als Computerspiel, Film, Videoclip oder Theaterstück. (Das Theater als literarische Ausdrucksform und Unterhaltungsmedium steht gerade vor einem grandiosen Comeback, da es Spektakel zum anfassen bietet, das deutlich direkter und vielfältiger daherkommt als Computerspiele, Filme oder Bücher)
Diese dystopischen Unkenrufe von einer demnächst austrocknenden Literaturlandschaft, halte ich für dummdreiste Panikmache.
Literatur – Sprache und Geschichten – sind nichts, was sich für lange in irgendwelche Kästchen sperren ließe. Weder Ideologen noch Monopole haben im Verlauf der Geschichte je für länger vermocht die Vielfalt von Literatur einzudämmen oder gar zu beherrschen.
Als Hitler im Siegestaumel durch Paris fuhr, lasen seine Soldaten trotzdem überall Ernst Jüngers „Marmorklippen“ und die meisten von ihnen wussten sehr genau weshalb.
Auf dem Höhepunkt von Stalins Personenkult, fertigten abertausende Menschen überall im Ostblock Abschriften von Orwells „Animal Farm“ an. Manche lernten den Text des Buches sogar auswendig, um ihn in heimlichen Zusammenkünften in verrauchten Hinterzimmern oder feuchten Wohnküchen zu rezitieren.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

David: Zunächst, wahrscheinlich Anfang April, erscheint „ Der Preis“. Ein neuer Thriller, der ohne einen Mord auskommt, aber – hoffentlich – dennoch als spannend und unterhaltsam vom Publikum angenommen werden wird.
Danach gibt’s – Ende Mai / Anfang Juni  - einen Comic für Erwachsene, dessen Story ich verfasst habe. Ein Gemeinschaftsprojekt mit einem befreundeten Maler.
Außerdem arbeite ich an einem Roman über den irischen Freiheitskämpfer Michael Collins, der „Peter Pans Krieg“ heißen wird und sicher nicht vor Ende des Jahres zu haben sein wird.
Irgendwann zwischen Ostern und Oktober könnte ein weiterer Thriller erscheinen, der eine Art Prequel zu meinem Krimi „Glashaus“ darstellt.

Lieber David, herzlichen Dank für das spannende Interview.
Und wenn Sie, liebe Leser, jetzt neugierig auf David Gray und seine Bücher geworden sind, schauen Sie doch einfach mal auf seinem Blog oder seiner Amazon Autorenseite vorbei.




Nächsten Freitag im Interview: Brigitte Tholen

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