Freitag, 27. April 2012

Autoreninterview mit Annemarie Nikolaus

Mein heutiger Gast war schon in verschiedenen Ländern der Erde zuhause. Mittlerweile lebt und arbeitet sie in Frankreich. Von ihr sind bereits einige Titel unterschiedlicher Genres erschienen. Herzlich Willkommen, Annemarie Nikolaus.



Liebe Annemarie, vielen Dank, daß du dich meinen Fragen stellen möchtest. Wie hat das bei dir alles angefangen?  War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Annemarie: Es war ein Prozess, der sich sowohl im politischen wie im beruflichen Umfeld entwickelt hat. In meiner Berliner Zeit war ich in der Kommunalpolitik aktiv und habe in dem Zusammenhang auch Straßentheater gemacht; die – vermutlich verschollenen - Stücke haben wir selber verfasst. Für meine Arbeit in der Organisationsentwicklung habe ich sog. Planspiele geschrieben. Das war beides eng an der jeweils aktuellen Realität orientiert; ich komme ja aus dem Journalismus. Aber es hatte natürlich kreative Elemente und Dramaturgie musste ich auch beherrschen.

Wie stark steckst du in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Annemarie: Historische Recherchen bringen mich sehr tief in die Geschichten hinein, denn ich versuche, den vergangenen Denkweisen nahezukommen – bei aller dichterischen Freiheit natürlich.
Ich erinnere mich selten an Träume; daher kann ich nicht sagen, ob ich von meinen Geschichten träume. Vermutlich ist es eher umgekehrt. Dass das Unterbewusstsein einen Anteil an meinen Geschichten hat.
Die Frage nach der Angst ist irrelevant, denn ich schreib keine Gruselgeschichten. Vermutlich könnte ich das gar nicht, weil mich Geschichten nicht gruseln.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Annemarie: In Print sind ein paar Kurzgeschichten von mir veröffentlicht worden; in ganz verschiedenen Genres. Und zwei Fantasy-Werke, die ich gemeinsam mit jeweils zwei anderen AutorInnen verfasst habe.
Anfang 2010 habe ich begonnen, E-Books zu veröffentlichen. Zuerst aus der Backlist: die beiden Fantasy „Das Feuerpferd“ und „Renntag in Kruschar“, die ich gerade erwähnt habe und einen Science Fiction, der ebenfalls als Co-Projekt entstanden ist. Außerdem den Mini-Thriller „Ustica“ und eine Sammlung von fantastischen Kindergeschichten, die sich u.a. auf märchenhafte Weise mit ökologischen Fragen befassen.
Gerade habe ich das erste neue Buch veröffentlicht, einen historischen Roman: „Königliche Republik“ spielt im Neapel des 17. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte einer blutjungen Patriziertochter, die in einen todbringenden Konflikt zwischen Familienloyalität und Gewissen gerät: Kann sie ihren Bruder schützen ohne Neapel zu verraten?
Ich bin nicht auf ein Genre festgelegt. Ich schreibe Fantasy, historische Romane und Kriminalgeschichten. Und ich schreibe sehr gerne mit anderen Autorinnen zusammen.
Es gibt aber Genres, zu denen ich keinen Zugang habe: Horror-Stories könnte ich wohl nicht schreiben, weil mich einfach nichts gruselt. Und „category“ kann ich mir schwer vorstellen: Natürlich gibt es in meinen Romanen Liebesgeschichten. Sie gehören ja zu Leben dazu; auch solche mit gutem Ausgang. Aber sie sind nicht das Thema meiner Romane.

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw wie sieht sie aus?

Annemarie: Lesungen sind ein Sprachproblem, weil ich seit über 20 Jahren im Ausland lebe, aber auf deutsch schreibe. Da mangelt es etwas an Gelegenheiten, zumal in den kleinen Orten.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Annemarie: Ich weiß nicht, ob ich eine „besondere Art“ zu schreiben habe. Aber mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich– ganz ohne bewusste Absicht - ein immer wiederkehrendes Thema habe: die Frage, wie weit man gehen darf. Oder anders ausgedrückt: Heiligt der Zweck jedwedes Mittel? In der Regel wird die Frage mit Nein beantwortet.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

Annemarie: Ich bin eine Frühschicht-Arbeiterin. Ausgeschlafen und ungestört ab vier oder fünf Uhr morgens geht es am besten. Mit einer Kollegin treffe ich mich regelmäßig virtuell – d.h. per email-Rückmeldung – zum gemeinsamen Schreiben.
Einen neuen Stoff beginne ich meist mit Recherche. Manchmal ist es auch nur ein neugieriges Herumstöbern, bis dann plötzlich eine Story da ist.
Ich fresse Geschichtsbücher, wie andere Leute Romane fressen. So tauchte in der „Königlichen Republik“ ein Charakter mit dem Namen Montmorency auf. Nachdem ich die erste Fassung fertig hatte und daran ging, die aufgetauchten Figuren genauer auszuarbeiten, ist mir aufgefallen, dass die Montmorency eines der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs sind; irgendwann müssen die mir mal untergekommen sein. Einer von ihnen war fünfzehn Jahre zuvor Gouverneur des Languedoc und ist nach einem fehlgeschlagenen Aufstand hingerichtet worden. Auf diese Weise kam mein fiktiver Montmorency zu einem Vater und ich zu einer neuen Geschichte.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Annemarie: Deadlines setze ich mir als Orientierungspunkte, um mir eine Struktur über die Zeit zu schaffen. Aus meiner journalistischen Arbeit bin ich das Last-Minute-Schreiben gewohnt; aber das taugt ganz und gar nicht für Romanprojekte.
Es ärgert mich dann zwar, wenn ich sehr viel mehr Zeit brauche als ich mir vorgestellt habe; aber mir ist wichtiger, eine Geschichte gut zu erzählen als schnell fertig zu werden. Als Indie-Autorin kann ich es mir auch leisten, Geschichten wachsen zu lassen, bis sie ihre richtige Form gefunden haben: Mich treiben keine Abgabetermine zu unziemlicher Eile.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Annemarie: Ich war in anderen Zusammenhängen hin und wieder schon in der Rolle des „weißen Raben“. Es hat mich nie gestört.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Annemarie: Beharrlichkeit und Geduld. Es braucht einen langen Atem, fürs Schreiben genauso wie für den Erfolg beim Veröffentlichen.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Annemarie: Das halte ich für einen, nein zwei, der vielen Autoren-Mythen. Weder sind SchriftstellerInnen eine auf andere Weise besondere Spezies als die übrige Menschheit noch sind sie Genies. Alle Menschen haben „von Natur aus“ kreative Fähigkeiten; sie haben nur unterschiedliche Entwicklungsbedingungen dafür. Vielen wird der Weg – meist in der Schulzeit – versperrt. Ich habe das sehr deutlich bei meiner Tochter gesehen: Erst nachdem ich ihr erfolgreich eingeredet hatte, dass sie gar nichts „falsch“ machen kann, hat sie sich getraut, ihre Fantasie in die Freiheit zu entlassen.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?

Annemarie: Ich würde dann mit einem Verlag veröffentlichen, wenn er groß genug und interessiert genug wäre, aktiv den Print-Markt zu bedienen. Was vor allem heißt, das Marketing dafür zu übernehmen.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Annemarie: Es wird sicher sowohl E-Book wie Holzbuch geben. Aber E-Books sind so viel praktischer zu handhaben und mit der weiteren technischen Entwicklung der eReader werden sie mehr und mehr dominieren.
Aber das wird nicht der entscheidende Unterschied sein. Viel wesentlicher wird sein, dass AutorInnen wieder von Verlagen unabhängig werden. Die Macht der Verlage in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist historisch gesehen eine Anomalie; bedingt durch den enormen Kapitelaufwand, der in dieser Zeit für den Massenmarkt nötig war, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. 
Schon mit der technischen Möglichkeit der digitalen Drucks war dann der Kapitaleinsatz gesunken. Das hat den AutorInnen aber noch nicht viel genützt, weil die Distribution praktisch ein Monopol war und obendrein unabhängige AutorInnen diskriminiert wurden. Im Print-Bereich wird nach wie vor versucht, das Monopol aufrecht zu erhalten und die Indie-AutorInnen aus den Vertriebsnetzen auszuschließen. Aber wenn der stationäre Buchhandel nicht vorher pleite geht, wird er in den nächsten Jahren auch die unabhängigen AutorInnen in sein Sortiment aufnehmen.
Dass europäische Verlage sich an völlig neuen Konzepten versuchen täten, ist mir noch nicht aufgefallen. Das einzige mir bekannte Beispiel ist der amerikanische Simon&Schuster.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Annemarie: Ich arbeite meist an mehreren Projekten parallel, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass mir Liegen-lassen gegen Textblindheit hilft.
Derzeit habe ich einen historischen Kriminalroman lange genug beiseite gelegt, um ihn eigentlich ganz fertig zu machen. Allerdings habe ich mir jetzt erst einmal den Entwurf vorgenommen, der fünf Jahre vor der Königlichen Republik in Frankreich spielt: die sehr tragische Geschichte von Alexandre de Montmorency, in den sich meine neapolitanische Heldin verliebt.
Vermutlich wird der Kriminalroman zuerst erscheinen.

Ganz herzlichen Dank für das interessante Interview, liebe Annemarie. 

Und wer jetzt Lust bekommen hat, sich ein wenig näher mit Annemarie Nikolaus und ihren Büchern zu beschäftigen, ist herzlich eingeladen, sie auf ihrer Homepage oder ihrem Blog zu besuchen. Hier gibt es einen Überblick über ihre Werke bei Amazon und Itunes.


Nächsten Freitag im Interview: Oliver Fehn

Kommentare:

  1. Liebe Kollegin Böckli,
    es ist ein wirklich interessantes Interview mit vielen Parallelen; scheinbar haben doch ernsthaft arbeitende Autoren einige Gemeinsamkeiten was Arbeitsintensität, Recherche und Zeitaufwand angeht.
    Ich wünsche der Kollegin Nikolaus und Ihnen weiterhin eine gute Hand bei der Auswahl Ihrer Themen und viel Erfolg!

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  2. Dankeschön, lieber George Tenner. Das wünsche ich Ihnen auch. :)

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