Mein heutiger Gast war schon in verschiedenen Ländern der Erde zuhause. Mittlerweile lebt und arbeitet sie in Frankreich. Von ihr sind bereits einige Titel unterschiedlicher Genres erschienen. Herzlich Willkommen, Annemarie Nikolaus.
Liebe Annemarie, vielen Dank, daß du dich meinen Fragen stellen möchtest. Wie hat das bei dir alles angefangen? War es schon
immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein
Schlüsselerlebnis?
Annemarie: Es
war ein Prozess, der sich sowohl im politischen wie im beruflichen Umfeld
entwickelt hat. In meiner Berliner Zeit war ich in der Kommunalpolitik aktiv
und habe in dem Zusammenhang auch Straßentheater gemacht; die – vermutlich
verschollenen - Stücke haben wir selber verfasst. Für meine Arbeit in der
Organisationsentwicklung habe ich sog. Planspiele geschrieben. Das war beides
eng an der jeweils aktuellen Realität orientiert; ich komme ja aus dem
Journalismus. Aber es hatte natürlich kreative Elemente und Dramaturgie musste
ich auch beherrschen.
Wie stark
steckst du in deinen Themen drin? Kommt es vor,
daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir
sogar Angst macht?
Annemarie: Historische
Recherchen bringen mich sehr tief in die Geschichten hinein, denn ich versuche,
den vergangenen Denkweisen nahezukommen – bei aller dichterischen Freiheit
natürlich.
Ich
erinnere mich selten an Träume; daher kann ich nicht sagen, ob ich von meinen
Geschichten träume. Vermutlich ist es eher umgekehrt. Dass das Unterbewusstsein
einen Anteil an meinen Geschichten hat.
Die
Frage nach der Angst ist irrelevant, denn ich schreib keine Gruselgeschichten.
Vermutlich könnte ich das gar nicht, weil mich Geschichten nicht gruseln.
Was für
Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder
könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?
Annemarie: In
Print sind ein paar Kurzgeschichten von mir veröffentlicht worden; in ganz
verschiedenen Genres. Und zwei Fantasy-Werke, die ich gemeinsam mit jeweils
zwei anderen AutorInnen verfasst habe.
Anfang
2010 habe ich begonnen, E-Books zu veröffentlichen. Zuerst aus der Backlist:
die beiden Fantasy „Das Feuerpferd“
und „Renntag in Kruschar“, die
ich gerade erwähnt habe und einen Science Fiction,
der ebenfalls als Co-Projekt entstanden ist. Außerdem den Mini-Thriller „Ustica“ und eine Sammlung von fantastischen Kindergeschichten,
die sich u.a. auf märchenhafte Weise mit ökologischen Fragen befassen.
Gerade
habe ich das erste neue Buch veröffentlicht, einen historischen Roman:
„Königliche Republik“ spielt im Neapel des 17. Jahrhunderts und erzählt die
Geschichte einer blutjungen Patriziertochter, die in einen todbringenden
Konflikt zwischen Familienloyalität und Gewissen gerät: Kann sie ihren Bruder
schützen ohne Neapel zu verraten?
Ich
bin nicht auf ein Genre festgelegt. Ich schreibe Fantasy, historische Romane
und Kriminalgeschichten. Und ich schreibe sehr gerne mit anderen Autorinnen
zusammen.
Es
gibt aber Genres, zu denen ich keinen Zugang habe: Horror-Stories könnte ich
wohl nicht schreiben, weil mich einfach nichts gruselt. Und „category“
kann ich mir schwer vorstellen: Natürlich gibt es in meinen Romanen
Liebesgeschichten. Sie gehören ja zu Leben dazu; auch solche mit gutem Ausgang.
Aber sie sind nicht das Thema meiner Romane.
Hast du schon
einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw
wie sieht sie aus?
Annemarie: Lesungen
sind ein Sprachproblem, weil ich seit über 20 Jahren im Ausland lebe, aber auf
deutsch schreibe. Da mangelt es etwas an Gelegenheiten, zumal in den kleinen
Orten.
Was ist das
Besondere an deiner Art zu schreiben?
Annemarie: Ich
weiß nicht, ob ich eine „besondere Art“ zu schreiben habe. Aber mir ist
irgendwann aufgefallen, dass ich– ganz ohne bewusste Absicht - ein immer
wiederkehrendes Thema habe: die Frage, wie weit man gehen darf. Oder anders
ausgedrückt: Heiligt der Zweck jedwedes Mittel? In der Regel wird die Frage mit
Nein beantwortet.
Wie sieht es
mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst
du einen neuen Stoff an?
Annemarie: Ich
bin eine Frühschicht-Arbeiterin. Ausgeschlafen und ungestört ab vier oder fünf
Uhr morgens geht es am besten. Mit einer Kollegin treffe ich mich regelmäßig
virtuell – d.h. per email-Rückmeldung – zum gemeinsamen Schreiben.
Einen
neuen Stoff beginne ich meist mit Recherche. Manchmal ist es auch nur ein
neugieriges Herumstöbern, bis dann plötzlich eine Story da ist.
Ich
fresse Geschichtsbücher, wie andere Leute Romane fressen. So tauchte in der „Königlichen Republik“ ein Charakter
mit dem Namen Montmorency auf. Nachdem ich die erste Fassung fertig hatte und
daran ging, die aufgetauchten Figuren genauer auszuarbeiten, ist mir
aufgefallen, dass die Montmorency eines der ältesten Adelsgeschlechter
Frankreichs sind; irgendwann müssen die mir mal untergekommen sein. Einer von
ihnen war fünfzehn Jahre zuvor Gouverneur des Languedoc und ist nach einem
fehlgeschlagenen Aufstand hingerichtet worden. Auf diese Weise kam mein
fiktiver Montmorency zu einem Vater und ich zu einer neuen Geschichte.
Wie stark
setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und
der Erwartungshaltung deiner Leser um?
Annemarie: Deadlines
setze ich mir als Orientierungspunkte, um mir eine Struktur über die Zeit zu
schaffen. Aus meiner journalistischen Arbeit bin ich das Last-Minute-Schreiben
gewohnt; aber das taugt ganz und gar nicht für Romanprojekte.
Es
ärgert mich dann zwar, wenn ich sehr viel mehr Zeit brauche als ich mir
vorgestellt habe; aber mir ist wichtiger, eine Geschichte gut zu erzählen als
schnell fertig zu werden. Als Indie-Autorin kann ich es mir auch leisten,
Geschichten wachsen zu lassen, bis sie ihre richtige Form gefunden haben: Mich
treiben keine Abgabetermine zu unziemlicher Eile.
Wie sieht es
mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?
Annemarie: Ich
war in anderen Zusammenhängen hin und wieder schon in der Rolle des „weißen
Raben“. Es hat mich nie gestört.
Welche
Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?
Annemarie: Beharrlichkeit
und Geduld. Es braucht einen langen Atem, fürs Schreiben genauso wie für den
Erfolg beim Veröffentlichen.
Laut einer
kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe
beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen
kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig
kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine
besondere Spezies?
Annemarie: Das
halte ich für einen, nein zwei, der vielen Autoren-Mythen. Weder sind SchriftstellerInnen
eine auf andere Weise besondere Spezies als die übrige Menschheit noch sind sie
Genies. Alle Menschen haben „von Natur aus“ kreative Fähigkeiten; sie haben nur
unterschiedliche Entwicklungsbedingungen dafür. Vielen wird der Weg – meist in der
Schulzeit – versperrt. Ich habe das sehr deutlich bei meiner Tochter gesehen:
Erst nachdem ich ihr erfolgreich eingeredet hatte, dass sie gar nichts „falsch“
machen kann, hat sie sich getraut, ihre Fantasie in die Freiheit zu entlassen.
Wie sieht für
dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?
Annemarie: Ich
würde dann mit einem Verlag veröffentlichen, wenn er groß genug und
interessiert genug wäre, aktiv den Print-Markt zu bedienen. Was vor allem
heißt, das Marketing dafür zu übernehmen.
Viele Autoren
veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz
beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig
neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?
Annemarie: Es
wird sicher sowohl E-Book wie Holzbuch geben. Aber E-Books sind so viel
praktischer zu handhaben und mit der weiteren technischen Entwicklung der
eReader werden sie mehr und mehr dominieren.
Aber
das wird nicht der entscheidende Unterschied sein. Viel wesentlicher wird sein,
dass AutorInnen wieder von Verlagen unabhängig werden. Die Macht der Verlage in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist historisch gesehen eine Anomalie;
bedingt durch den enormen Kapitelaufwand, der in dieser Zeit für den
Massenmarkt nötig war, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.
Schon
mit der technischen Möglichkeit der digitalen Drucks war dann der
Kapitaleinsatz gesunken. Das hat den AutorInnen aber noch nicht viel genützt,
weil die Distribution praktisch ein Monopol war und obendrein unabhängige
AutorInnen diskriminiert wurden. Im Print-Bereich wird nach wie vor versucht,
das Monopol aufrecht zu erhalten und die Indie-AutorInnen aus den
Vertriebsnetzen auszuschließen. Aber wenn der stationäre Buchhandel nicht
vorher pleite geht, wird er in den nächsten Jahren auch die unabhängigen
AutorInnen in sein Sortiment aufnehmen.
Dass
europäische Verlage sich an völlig neuen Konzepten versuchen täten, ist mir
noch nicht aufgefallen. Das einzige mir bekannte Beispiel ist der amerikanische
Simon&Schuster.
Worauf dürfen
wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?
Annemarie: Ich
arbeite meist an mehreren Projekten parallel, weil ich die Erfahrung gemacht
habe, dass mir Liegen-lassen gegen Textblindheit hilft.
Derzeit
habe ich einen historischen Kriminalroman lange genug beiseite gelegt, um ihn
eigentlich ganz fertig zu machen. Allerdings habe ich mir jetzt erst einmal den
Entwurf vorgenommen, der fünf Jahre vor der Königlichen Republik in Frankreich
spielt: die sehr tragische Geschichte von Alexandre de Montmorency, in den sich
meine neapolitanische Heldin verliebt.
Vermutlich
wird der Kriminalroman zuerst erscheinen.
Ganz herzlichen Dank für das interessante Interview, liebe Annemarie.
Und wer jetzt Lust bekommen hat, sich ein wenig näher mit Annemarie Nikolaus und ihren Büchern zu beschäftigen, ist herzlich eingeladen, sie auf ihrer Homepage oder ihrem Blog zu besuchen. Hier gibt es einen Überblick über ihre Werke bei Amazon und Itunes.
Nächsten Freitag im Interview: Oliver Fehn
Liebe Kollegin Böckli,
AntwortenLöschenes ist ein wirklich interessantes Interview mit vielen Parallelen; scheinbar haben doch ernsthaft arbeitende Autoren einige Gemeinsamkeiten was Arbeitsintensität, Recherche und Zeitaufwand angeht.
Ich wünsche der Kollegin Nikolaus und Ihnen weiterhin eine gute Hand bei der Auswahl Ihrer Themen und viel Erfolg!
Dankeschön, lieber George Tenner. Das wünsche ich Ihnen auch. :)
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