Freitag, 20. April 2012

Autoreninterview mit George Tenner

Mein heutiger Gast hat sich bereits mit einer ganzen Reihe von Büchern in die Herzen seiner Leser geschrieben, und ich freue mich sehr, daß er sich bereit erklärt hat, an meiner Interviewreihe teilzunehmen. Dafür ein herzliches Dankeschön. Herzlich Willkommen, George Tenner.




Lieber George, du arbeitest ja nun schon seit vielen Jahren als Autor. Wie hat das bei dir alles angefangen? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis? 

George: Das Schlüsselerlebnis für mich war die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Johannes Tralow, der in meiner Jugend als Präsident des PEN-Clubs Ost-West amtierte und in dessen Haus ich mehrfach zu Besuch war. Das Faszinierende an der Villa war ein Zimmer, in das man nur mit einem Schlüssel hineinkam. Weder seine Frau Astrid noch meine Mutter durften in dieses Zimmer hinein. Aber mir hat er es gezeigt. In diesem Zimmer gab es eine lange Tafel, auf der verschiedene Recherchebücher aufgeschlagen lagen, ich erinnere mich an die „Enzyklopädie des Islam“, die er von der Staatsbibliothek in Ostberlin - in seiner Eigenschaft als jener Präsident des PEN Clubs - zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Diese Recherchen benötigte er für seine Bücher "Irene von Trapezunt", "Der Eunuch", "Malchatun", "Roxelane und Mohammed".
Tralow war mehrfach zu Gast in unserem Ostseehaus in Ahrenshoop und ich durfte, und das machte mich in dieser Zeit besonders stolz, privat mit seinem Opel Kapitän fahren.
All diese Erfahrung zusammen haben mich damals so beeindruckt, dass ich mir vornahm, Autor zu werden.

Wenn ich dich richtig verstehe, war das in einer Zeit, in der du in der DDR lebtest.

Ja das war Ende der fünfziger Anfang der sechziger Jahre. Aber da ich überhaupt nicht DDR-konform war, war der Wunsch zu schreiben illusorisch. In dieser Zeit waren Bücher über Arbeiter- oder die Bauernschaft auf dem Lande gefragt gewesen. Ich habe mir damals nicht vorstellen können, ein Buch über die LPG Rote Rübe zu schreiben. Also habe ich erst mal einen "anständigen" Beruf gelernt.
1966 flüchtete ich - nachdem ich ein Jahr in politischer Haft gesessen hatte - mit meiner zweiten Frau und einem Freund mit einem Schlauchboot über die Ostsee in den freien Teil Deutschlands. Meinen ersten Roman "Der Wüstenwolf" - einen Thriller über den Sechstagekrieg in Israel und einen Spion, der aus Schweden kam und in Ostberlin noch über Kontakte verfügte, später aber im Nahen Osten umkam - veröffentlichte ich im Verlag Herbig in München 1982. Damals war ich bereits 42 Jahre alt.
  
Wie stark steckst du in in deinen Themen drin?

George: Die enge Verknüpfung von Wirklichkeit und Fiktion, von dokumentarischer Nähe, Aktualität, literarischer Aufbereitung und Unterhaltsamkeit habe ich früh für meine Bücher entdeckt und weiterentwickelt. So gehöre ich zu jenen politisch engagierten Autoren, die sich – speziell in ihren Kriminalromanen – immer wieder mit dem in Deutschland aufkeimenden Rechtsradikalismus beschäftigen. Aber auch andere zeitkritische Stoffe finden in meine Bücher und bestimmen meine öffentlichen Äußerungen: Staatsverbrechen der DDR, internationale Korruption, Leidenschaft, Macht und Intrigen, Finanzmanipulationen, aber auch die Ängste der Arbeitslosigkeit, der Drogenhandel.
Bei allem Charme und Humor, der mir durchaus nachgesagt wird, sind mir meine Haltung, mein Bestreben nach journalistischer Aufklärung durchaus ernst. Deshalb ist jeder meiner Kriminalromane auch ein Spiegel unsrer Gesellschaft.

Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

George: Absolut. Ganz prägnant war das bei meinem im März 2011 veröffentlichten Roman „Jenseits von Deutschland“ so. Da habe ich nach einem Telefonat mit einem der kriegsgeschädigten Soldaten bitterlich geweint. Dieser Anti-Kriegsroman gewährt im Stile von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ einen Einblick in das Seelenleben von Soldaten, die an einem bewaffneten Auslandseinsatz in Afghanistan teilnehmen. Ich wundere mich nur, dass die Menschen sich nicht mehr mit dem Elend dieser Jungs befassen.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

George:

Der Wüstenwolf, Thriller, Herbig, 1982. ISBN 3-7766-1188-X
Ausgeflippt, Satiren, MV-Verlag, 2004. ISBN 3-86582-020-4
Das Spiel der Nymphen, Roman, MV-Verlag, 2005. ISBN 3-86582-128-6
Das Petersplatzkomplott, Thriller, MV-Verlag, 2005. ISBN 3-86582-142-1
Der Schrei des Pelikans, Thriller, MV-Verlag, 2006. ISBN 3-86582-289-4
Jagd auf den Inselmörder, Kriminalroman, Schardt-Verlag, 2007. ISBN 978-389841-329-9
Das Lächeln der Mona Lisa, Kriminalroman/Dresden. Schardt-Verlag, 2008. ISBN 978-3-89841-377-0
Der Drachen des Todes, Kriminalroman,Schardt-Verlag, 2008. ISBN 978-3-89841-385-5
Insel der tausend Puppen, Kriminalroman, Schardt-Verlag. 2009, ISBN 978-3-89841-442-5
Single, unvermittelbar ... , Roman, MV-Verlag, 2009. ISBN 978-3-86582-891-0
Das Haus am Hohen Ufer, Autobiografie, Schardt-Verlag, 2009. ISBN 978-3-89841-488-3
Rendezvous mit Usedom, Inselgeschichten, Wartberg-Verlag, 2010. ISBN 978-3831321148
Jenseits von Deutschland, Antikriegsroman, Schardt-Verlag 2011
Nacht über der Insel, Kriminalroman, der eine Geißel unserer Zeit, die Problematik mit den Neo-Nazis beschreibt. 

An der Unterschiedlichkeit der Titel erkennt man unschwer, dass ich ständig am Ausprobieren und absolut nicht in eine Schublade zu stecken bin.
  
Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw wie sieht sie aus?

George: Das ist ganz unterschiedlich. Ich lese in Bibliotheken, in Hotels, in Hörsälen - hauptsächlich an der Ostsee aber auch bundesweit - und ganz selten in einem privaten Kreis. Für dieses Jahr habe ich nur sechs Lesungen anvisiert und wenn es möglich ist, werde ich es dabei belassen.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

George: Was die Kriminalromane und auch Thriller angeht, ist es für mich ganz wichtig, gewissenhaft zu recherchieren. Ich hole mir da auch immer zur Beratung Fachleute ins Boot. Für die Kriminalromane selbstverständlich einen Hauptkommissar der Kriminalpolizei, in Fragen der forensischen Medizin berät mich die Direktorin der Rechtsmedizin an der Ernst Moritz Arndt Universität in Greifswald, Frau Prof. Dr. Britta Bockholdt, für internationalen Terrorismus habe ich einen Wissenschaftler, der sich seit 40 Jahren mit diesem Thema befasst und der in Berlin wohnt.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

George: Mein Arbeitstag beginnt in der Regel um 6:00 Uhr morgens und endet um 18:00 Uhr, bei einer  Stunde Mittagszeit, die ich zum Kochen, Essen und einer kleinen Ruhepause verwende. Mit wenigen Ausnahmen wird dieser Rhythmus eingehalten.
Ein neuer Stoff beginnt mit der Fixierung einer Grundidee und mit der Recherche zu dem jeweiligen Thema.
 
Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

George: Die Arbeit setzt mich immer unter Druck. Du schielst nach den Seiten, die du geschafft hast, und sagst dir, du hast weniger als die Hälfte von dem geschrieben, was du dir vorgenommen hattest. Deadlines setzen mich also immer unter Druck, aber da gibt's ein Rezept - in Klausur gehen und nichts anderes anfassen, bis das Manuskript fertig ist.
Die Erwartungshaltung der Leser ist immer unterschiedlich; du kannst es nicht allen recht machen, denn jedermanns Liebling ist jedermanns Armleuchter. Deshalb schreibe ich grundsätzlich, was ich denke, schreiben zu müssen.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

George: Ich habe keinen Traum von einem übermäßigen Bekanntheitsgrad. Nicht einmal ein Fünfminuten-Portrait innerhalb eines Einstundenfilmes des NDR zur besten Sendezeit 20.15 Uhr bringt mich aus der Ruhe. Für mich zählt ein unberührtes Privatleben mehr als der so genannte „Promibonus“, der auch mit einem erheblichen Teil der persönlichen Freiheit erkauft werden muss.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

George: Interesse an der Sprache, Vorstellungskraft, Kreativität und eine gehörige Portion Fleiß, denn mein Motto lautet: Verlasse dich nie auf Glück allein, Glück kommt nur durch harte Arbeit!

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

George: Das kommt ganz darauf an. Wenn ich den Durchschnitt der Menschen ansehe, würde ich mir verbitten, mich als normal zu bezeichnen. Denn die Norm ist heutzutage beispielsweise eine 40 Stunden Arbeitswoche, ich komme locker auf 60-70 Stunden. Ich halte mich auch nicht für ein Genie, doch für wahnsinnig genug, so viele Stunden zu arbeiten.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?

George: Ich bin in der glücklichen Lage, zwar einen kleinen, aber für mich durchaus idealen Verlag in meinem Rücken zu wissen. Meine Wünsche an einen Verlag sind eine ordnungsgemäße Betreuung, eine gute Absprache und selbstverständlich ein guter Kontakt zwischen Verleger, Lektor und Autor, sowie eine ordnungsgemäße Abrechnung.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

George: An der Umstellung durch die elektronischen Möglichkeiten kommt heute kein Verlag und sicher auch kein Autor mehr vorbei. Das ermöglicht natürlich Leuten, die früher nie geschrieben haben, einen Einstieg ohne Grenzen. Es birgt aber auch die Gefahr für den Leser, dass er einen Haufen Müll vorgesetzt bekommt; das ist nicht zwingend so, aber sicher oft.
Auch ich habe Bücher elektronisch eingestellt, bin aber nun dazu übergegangen, sie über einen Verlag bei den Vertriebspartnern für elektronische Bücher einzustellen und zu überwachen.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

George: Nun, ich arbeite in der Regel parallel an zwei Büchern. Und so halte ich es auch diesmal wieder. Für 2013 plane ich, den fünften Teil der Usedom-Lasse-Larsson-Reihe zu publizieren, und als Kontrastprogramm arbeite ich wieder an einem Buch über die Ambivalenz der Liebe. Denn diese Ambivalenz der Liebe ist immer der eigentliche aufregende Krimi ...
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Ganz herzlichen Dank für die spannenden Einblicke, lieber George.

Liebe Leser, Sie möchten sich gerne ausführlicher über Herrn Tenner und seine Werke informieren? Hier geht es zur Homepage des Autors.



Nächsten Freitag im Interview: Annemarie Nikolaus

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