Freitag, 11. Mai 2012

Autoreninterview mit Nele Neuhaus

Liebe Leser, 
meine heutiger Gast hat vor Jahren ganz klein angefangen. Ihre ersten Krimis erschienen zunächst im Selbstverlag. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen im deutschsprachigen Raum, und ich freue mich riesig, daß sie die Zeit gefunden hat, meine Interviewfragen zu beantworten. Herzlich Willkommen, Nele Neuhaus.

Liebe Nele, ganz herzlichen Dank, daß du dich bereiterklärt hast, an meiner Reihe teilzunehmen. Du hast, glaube ich, schon recht früh mit dem Schreiben angefangen. Wie kam es dazu? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Nele: Ich schreibe Geschichten, seitdem ich mich erinnern kann. Meine Eltern haben (fast) alles aufgehoben, was ich so produziert habe und immer ein Datum dazugeschrieben. So gibt es den Beleg, dass ich mit fünf Jahren meine erste Geschichte verfasst habe – bevor ich in die Schule kam. Die Begeisterung für das Erzählen und Formulieren habe ich mir immer bewahrt und eigentlich mein ganzes Leben lang geschrieben, als Ausgleich zum Job und aus Spaß am Schreiben.

Wie stark steckst du in in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Nele: Nein, so weit geht es nicht. Das Schreiben ist ganz prosaisch betrachtet mein Beruf, ein Handwerk. Den Themen begegne ich sehr sachlich, ich recherchiere viel. Allerdings begleiten mich meine Figuren oft bis in meine Träume, und wenn das der Fall ist weiß ich, dass ich „mittendrin“ bin in der Geschichte. Das ist ein gutes Zeichen.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Nele: Bisher habe ich fünf Kriminalromane, einen Thriller und drei Jugendpferdebücher geschrieben.
Unter Haien (2005/2012)
Eine unbeliebte Frau (2006/2009)
Mordsfreunde (2007/2009
Tiefe Wunden (2009)
Schneewittchen muss sterben (2010)
Wer Wind sät (2011)
Elena – Ein Leben für Pferde, Gegen alle Hindernisse (2011)
Elena – Ein Leben für Pferde, Sommer der Entscheidung (2011)
Charlottes Traumpferd (2012)

Außerdem sind meine Bücher mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt worden.

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw wie sieht sie aus?

Nele: Ich habe bis heute ungefähr 250 Lesungen gemacht. Meine Lesungen sind keine „Events“, aber ich bin schon ziemlich unterhaltsam. Mit dem stetig wachsenden Publikum habe ich mich auch von der „Nur-Vorleserin“ zur „Entertainerin“ entwickelt,
erzähle zwischendurch Anekdoten und darüber, wie ich Schriftstellerin geworden bin. Heute sitzen bei Lesungen nicht selten mehrere hundert Leute vor mir, aber als ich meine ersten Lesungen vor ein paar Jahren gemacht habe, musste immer meine Familie mit. Wenn sich jemand von der Presse zur Lesung „verirrte“, konnte er dann wenigstens von einem runden dutzend Zuhörern berichten. :)

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Nele: Tja, das weiß ich auch nicht! Ich habe nie einen Schreibkurs oder so gemacht, bin eine klassische Autodidaktin. Ich schreibe so, wie ich selbst gerne Bücher lesen würde. Natürlich hat sich mein Stil in der Zusammenarbeit mit meiner wunderbaren Lektorin sehr verbessert, ich bin professioneller geworden. Aber was das Besondere an meiner Art zu schreiben ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

Nele: Ich bin eine mehr oder weniger disziplinierte Tagarbeiterin mit ziemlich festen Arbeitszeiten. Strukturen sind wichtig, sonst schiebt man die Arbeit gerne auf.
Aus einer oft winzigen Idee entsteht in meinem Kopf eine Geschichte. Doch bevor ich anfange zu schreiben, recherchiere ich das Thema gründlich, dann entwickele ich Plot und Figuren. Das dauert ein paar Monate, denn ich ändere immer wieder. Oft hat das fertige Buch so gut wie gar nichts mehr mit den ersten Entwürfen zu tun.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Nele: Am meisten setze ich mich selbst unter Druck, denn ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst. Ich möchte meine Leserinnen und Leser nicht enttäuschen, gebe immer mein bestes und bin extrem selbstkritisch.
Glücklicherweise habe ich keine Abgabetermine mehr. Ich bin sehr frei in der Einteilung meiner Schreibzeit, spreche mich aber natürlich mit dem Verlag ab, damit der sein Programm planen kann.
Am Anfang habe ich noch jede Rezension gelesen, habe mich gefreut oder auch mal geärgert. Dazu komme ich heute überhaupt nicht mehr und ich habe auch gelernt, mit negativen Rezis oder Kritik zu leben. Mittlerweile habe ich so viele Leser, dass ich weiß, dass meine Bücher eben nicht jedem gefallen können. Dieses Bewusstsein nimmt viel Druck von mir und ich kann mit Spaß und Freude und in der Gewissheit am Manuskript arbeiten, dass ich wirklich mein Bestes gebe, um meinen Fans spannende Bücher zu schreiben.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Nele: Naja, von Bekanntheit habe ich nie geträumt. Nicht einmal von der Bestsellerliste. Das kam ganz plötzlich und über Nacht. Aber bis jetzt hatte ich noch nie eine wirklich schlimme Begegnung. Die Menschen freuen sich, wenn sie mich erkennen und sehen und belästigen mich nie. Schön ist, dass ich mit meiner Bekanntheit etwas bewegen und Gutes tun kann. Ich unterstütze Projekte wie z.B. das FEM Mädchenhaus in Frankfurt und ich habe die Nele-Neuhaus-Stiftung gegründet, die die Lese- und Schreibkompetenz von Kindern und Jugendlichen fördern soll. In die Stiftung fließt ein Großteil meiner Erträge aus den Buchverkäufen. Das ist ein tolles Gefühl und ich bin sehr dankbar, dass der liebe Gott mir das Talent aber auch die Chance gegeben hat, in meinem Leben etwas zu bewegen.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Nele: Talent zum Geschichtenerzählen und zum Schreiben, die Fähigkeit zur schonungslosen Selbstkritik, sehr viel Disziplin und ein gaaaaanz dickes Fell. Denn die Absagen von Verlagen kommen so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Fell sollte aber nicht so dick sein, dass man sich nichts sagen lässt. Kein Buch wird in seiner ersten Fassung veröffentlicht, man muss wieder und wieder am Text arbeiten, feilen, polieren. Das macht für mich persönlich auch den Reiz am Schreiben aus.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Nele: Möglicherweise gibt es die Genies, die dem Wahnsinn nahe sind, im Alkohol- oder Drogenrausch Bücher schreiben, Bilder malen, Kunstwerke schaffen. Ich kenne allerdings niemanden persönlich, der so ist. Die AutorInnen, die ich kenne, sind ganz normale Menschen. Meiner Meinung nach ist Schreiben ein Handwerk, das man bis zu einem gewissen Grad erlernen kann. Allerdings gehört dann doch eben auch Talent dazu, das leider nicht jedem gegeben ist. Viele Leute überschätzen sich und werden dann zwangsläufig enttäuscht.
Ein bisschen verrückt sind wir Autoren aber auf jeden Fall. Immerhin beschäftigen wir uns jeden Tag intensiv mit Problemen von Menschen, die wir uns selbst ausdenken. Das ist manchmal schon beinahe etwas paranoid. Aber es macht Spaß! :)

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem verlag wünschen?

Nele: Alles das, was ich bei meinem Verlag, dem Ullstein-Verlag, gefunden habe. Ein kompetentes, aufgeschlossenes Team, eine wunderbare Lektorin, eine großartige Autorenbetreuerin, innovative Marketingideen, faire Verträge. Ich bin aber sicherlich nicht repräsentativ, denn natürlich habe ich als Bestsellerautorin mittlerweile eine Sonderstellung. Aber auch, als noch niemand meinen Namen kannte, wurde ich gut betreut und an den meisten Entscheidungen (Cover, Buchtitel, Klappentext etc.) beteiligt und informiert. 

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Nele: Da ich selbst einen ungewöhnlichen Weg gegangen bin, finde ich die neuen Möglichkeiten zur Buchveröffentlichung spannend und interessant. Es kommt aber immer auf die Erwartungshaltung des Einzelnen an. Ohne einen großen Verlag ist es leider sehr, sehr schwer, wirklich bekannt und erfolgreich zu werden. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Aber wenn man einfach gerne veröffentlichen will und nicht von Bestsellerlisten und Millionenumsätzen träumt, dann kann eine Veröffentlichung per se ein ganz großes Glück sein.
Ich denke, auch in zehn Jahren wird es noch das klassische gedruckte Buch geben. Aber das Ebook ist eine Alternative und wird sich m.E. nach etablieren, weil es einfach praktisch ist, auf einem Reader oder einem Tablet eine ganze Bibliothek mit sich herumtragen zu können ohne einen Bandscheibenvorfall zu riskieren.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Nele: Ich arbeite gerade am 6. Fall für mein Ermittlerduo Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff. Das Buch soll im Oktober als Hardcover bei Ullstein erscheinen.

Liebe Nele, vielen Dank für das spannende Interview.

Weitere Informationen über Nele Neuhaus und ihre Bücher gibt es auf ihrer Homepage oder auf ihrer Amazon Autorenseite.



Nächste Woche im Interview: Birgit Kluger

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