Freitag, 4. Mai 2012

Autoreninterview mit Oliver Fehn

Mein heutiger Interviewpartner kann bereits auf eine ganze Reihe Veröffentlichungen zurückblicken. Erst kürzlich erschien sein neuer Roman "Die Klavierbrücke". Ich freue mich sehr, ihn heute bei mir zu Gast zu haben. Herzlich Willkommen, Oliver Fehn.


Lieber Oliver, herzlichen Dank, daß du dich bereit erklärt hast, an meiner Reihe teilzunehmen. Wo lagen bei dir die Anfänge? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Oliver: Ich habe als Junge gern Comics gezeichnet, das ist ja auch was Kreatives und vielleicht als Einstieg gar nicht so schlecht. Wobei mir die Zeichnungen allerdings wichtiger waren; der Inhalt meiner Sprechblasen war eher dürftig. Aber Geschichten habe ich schon immer gern erfunden, und meine Mutter sagte immer: Du übertreibst dermaßen, wenn du was erzählst, man kann wirklich nur die Hälfte glauben. Da hatte sie wahrscheinlich recht, aber ich nenne das mal ganz frech Phantasie.  

Wie stark steckst du in in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Oliver: Angst nicht, aber als ich meinen aktuellen Roman „Die Klavierbrücke“ schrieb, hat es mich emotional ziemlich gebeutelt, weil ich darin irgendwie meine ganze Jugend verarbeitet habe, wenn auch verschlüsselt. Da kam verdammt viel hoch, aber es war auch ein Heilungsprozess, wie bei hartnäckigen Wunden, die auf einmal nicht mehr bluten.

Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Oliver: In welches Genre etwas passen könnte, das ich grad schreibe, frage ich mich eigentlich nie. Es ist wie bei einem Kind, das man zeugt: Die meisten Kinder mit schwarzen Haaren haben braune Augen (das wäre das übliche Genre), aber es gibt auch blonde Kinder mit braunen Augen oder schwarzhaarige Kinder mit blauen Augen – und die sind mit Sicherheit genauso großartig.

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet?

Oliver: Ich habe früher oft Lesungen gemacht, aber inzwischen habe ich keinen Bock mehr darauf, weil es sich eigentlich nie auszahlt. Man reist durch die Gegend für ein paar Cent, das ist mir zu blöd. Ich hatte aber nie Angst vor Lesungen wie viele Autoren, ich bin kein schüchterner Typ. Schon in der Schule waren meine Referate immer auch ein Stück Entertainment.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Oliver: Ich weiß nicht, vielleicht die Mischung aus Realem und Surrealem. Meine Geschichten spielen zwar immer im Hier und Jetzt, also in der Realität, die dann aber plötzlich unwirkliche Züge annimmt, und eine Freundin hat mal gesagt: „Du schreibst über Situationen und Menschen, denen man sonst nur im Traum begegnet.“ Das trifft es vielleicht ganz gut.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter?

Oliver: Ich bin ein notorischer Nachtarbeiter, und ich bin auch ziemlich diszipliniert, was viele mir nie zugetraut hätten, denn in der Schule war ich es nicht und in meinen früheren Nine-to-five-Jobs auch nicht. Ich glaube, zu Disziplin gelangt man erst, wenn einem die eigene Arbeit wirklich Spaß macht.

Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Oliver: Ich versuche, immer zuverlässig zu sein, auch wenn ich dafür mal ein paar Nächte durchmachen muss. Und ich versuche auch, immer so perfekt wie möglich zu sein. Deshalb habe ich zum Beispiel an einem 150-Seiten-Roman wie der „Klavierbrücke“ über zwei Jahre gesessen. Wenn ich nach Akkord bezahlt würde, wäre ich längst verhungert. 


Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Oliver: Es macht sicher Spaß, wenn einen viele Leute kennen, aber so berühmt wie ein Hollywood-Star würde ich nicht sein wollen, weil ich einfach viel Ruhe brauche und es nicht ertragen könnte, die ganze Zeit von Fans oder der Presse umzingelt zu sein. 
 
Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Oliver: Hemingway hat mal gesagt: Zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration. Das ist natürlich übertrieben, aber im Prinzip stimmt es. Wer erst wartet, bis die Muse ihn küsst, wird nie ein Buch zu Ende schreiben. Als Autor sollte man die Ärmel hochkrempeln können.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Oliver: Ich glaube schon, dass jede Art von Künstlern – ob Schriftsteller, Maler oder Musiker – emotionale Ausnahmeerscheinungen sind.  In der Schule lernen wir, logisch zu denken, aber wer Kunst erschaffen will, muss in der Lage sein, auch unlogisch zu denken. Hinzu kommt bei mir eine fast schon pathologische Sensibilität, so als lägen die Nerven außen auf der Haut. Meine Stimmung kann von einer Sekunde auf die andere völlig umschlagen. Aber wem der Himmel eine Gabe verleiht, dem verleiht er auch eine Knute.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus?

Oliver: Ich arbeite gern mit kleinen und mittelgroßen Verlagen zusammen, weil man da als Autor noch individuell betreut und vor allem auch respektiert wird. Die pfuschen dir nicht in deinen Texten herum und lassen dich auch mitreden bei  Layout, Covergestaltung und so weiter. Was bringt es mir, wenn ich bei einem großen Publikumsverlag eine Mark fünfzig mehr pro Kapitel verdiene, aber was da letztendlich verkauft wird, ist nicht mehr mein Buch, sondern etwas, das sich an den sogenannten Marktansprüchen orientiert? Ich bin ja keine Boyband mit einer vorgegebenen Choreographie.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Oliver: Das eBook wird sich auf jeden Fall steigender Beliebtheit erfreuen, aber ich glaube auch, dass der Print dadurch nicht sterben wird, sondern dass die meisten Titel dann eben in beiden Varianten erscheinen. Und Selbstverleger verstehe ich gut, auch wenn der Markt in qualitativer Hinsicht dadurch natürlich auch unüberschaubar wird.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Oliver: Ich habe soeben die Rohfassung eines Romans fertig geschrieben, der völlig anders sein wird als die „Klavierbrücke“: Ein Buch, das von sexueller Ausbeutung handelt und einige verdammt harte Szenen enthält, die sicher nicht jeder Leser goutieren wird. Aber das ist auch so ein Ding: Wenn ich einen Text fertig habe, will ich danach nicht wieder was schreiben, das nur dasselbe in Grün ist. Das wäre ja fad. 

Ganz herzlichen Dank, lieber Oliver, für die interessanten Einblicke.

Und wenn Sie, liebe Leser, sich jetzt gerne näher über Oliver Fehn und seine Bücher informieren möchten, schauen Sie doch einmal auf seiner Amazon-Autorenseite oder auf seinem Blog vorbei. 


Nächsten Freitag im Interview: Bestsellerautorin Nele Neuhaus

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