Freitag, 1. Juni 2012

Autoreninterview mit Florian Tietgen

Liebe Leser,

mein heutiger Gast hat in seinem Leben schon Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen sammeln können. Unter anderem stand er bereits in jungen Jahren als Theaterdarsteller auf der Bühne. Von ihm sind neben mehreren Anthologien bisher zwei Bücher erschienen. Begrüßen Sie mit mir Florian Tietgen.


Lieber Florian, vielen Dank für deine Bereitschaft, an meiner Interviewreihe teilzunehmen. Wie bist du zum Schreiben gekommen? War es schon immer dein Wunschtraum, Geschichten zu schreiben oder gab es irgendein Schlüsselerlebnis?

Florian: Von Wunschtraum kann ich da gar nicht sprechen. Ich habe schon immer Geschichten geschrieben. Das begann, kaum, dass ich in der Grundschule schreiben gelernt hatte. Ein Wunschtraum ist es bisher nur leider geblieben, davon leben zu können.

Wie stark steckst du in in deinen Themen drin? Kommt es vor, daß dich die Handlung einer Geschichte bis in deine Träume verfolgt oder dir sogar Angst macht?

Florian: Die Frage können am besten all jene beantworten, die mich schon mal mit einem Anruf aus einer Geschichte aufgeschreckt haben. Ich glaube, ich musste schon so manchen dann überzeugen, nicht den Notarzt zu rufen.
Es gibt Geschichten, die mich bis in meine Träume verfolgen und Träume, die mich bis in meine Geschichten verfolgen. Und ich finde beides beängstigend. In den Geschichten darfst du dir keine Fantasie zensieren. Und manch geschriebene Fantasie ist erschreckend, erst recht, wenn man sie selbst hervorgebracht hat.

Was für Bücher gibt es bisher von dir zu kaufen? Bist du auf ein Genre fixiert oder könntest du dir auch vorstellen, mal was ganz anderes auszuprobieren?

Florian: Von mir gibt es bisher einige Geschichten in Anthologien, den Roman „Auf einen Schlag“ und die Erzählung „Helden: Eine Geschichte zwischen Welten“ zu kaufen. Letzteres ausschließlich als E-Book, weil ich dadurch eine neue Erzählform verwenden konnte. Die meisten Bücher, die ich schreibe, handeln von Jugendlichen, sind aber dennoch für Erwachsene. Wenn man es als Genre sieht, passt am ehesten „Coming-of-Age“. Das liegt daran, dass ich diese Zeit, auch, wenn sie längst hinter mir liegt, nach wie vor spannend finde. Was ja nie hinter einem liegt, sind Zeiten des Umbruchs, der persönlichen Entwicklung oder der radikalen Veränderung. Und das lässt sich mit Jugendlichen besonders stark darstellen.
Grundsätzlich nervt mich die Einteilung in Genres aber eher und das gar nicht so sehr wegen der Schubladen, sondern weil ich es weder als Leser noch als Autor nachvollziehen kann. Für mich müssen Geschichten erzählt werden, weil sie erzählt werden wollen. Und in welcher Form das geschieht, hängt immer davon ab, welche Form der Geschichte dient. Bei der Genreliteratur habe ich oft den Eindruck, es werden Geschichten entwickelt, die weder danach schreien, endlich erzählt zu werden, noch ein Mitspracherecht über die Form haben, in der sie erzählt werden. Das kann man gut mit einer Zeugung vergleichen. Genreliteratur erlebe ich oft als das Ergebnis künstlicher Befruchtung. Literatur wird spannend, wenn ich auch immer mal wieder etwas ganz anderes ausprobiere. Und dennoch gibt es immer auch das Wissen darum, was ich gern habe und in welcher Form des Erzählens ich mich wohl fühle.

Hast du schon einmal eine Lesung veranstaltet/ Wie könnte eine Lesung bei dir aussehen bzw wie sieht sie aus?

Florian: Selbst veranstaltet habe ich noch keine Lesungen, aber schon häufig an welchen teilgenommen oder sie auch alleine bestritten. Da ich vom Theater komme, achte ich da natürlich sehr auf Betonung und auf Interaktion. Ich lerne die Texte zwar nicht auswendig, aber lese sie so oft, dass ich während der Lesung sehr häufig ins Publikum schauen kann. Trotz der Wurzeln am Theater vermeide ich Bombast. Zu viel Show lenkt die Menschen davon ab, zuzuhören. Die „Helden“ habe ich zum Beispiel mal in einem Haus der Jugend vorgelesen und darauf geachtet, dass es keine Sitzreihen gab, sondern eine wilden Stuhl, Sessel und Sofakreis. Jeder konnte sitzen, wie er wollte, selbst auf dem Fußboden. Zwischen den Kapiteln habe ich mit den Gästen viel geplaudert. Es war eine prima Atmosphäre.

Was ist das Besondere an deiner Art zu schreiben?

Florian: Da ich aus dem Schauspiel komme, schreibe ich meistens auch so. Lee Strassberg entwickelte für die Schauspielausbildung das „Method Acting“,  bei dem für eine Situation auf eine vergleichbare Erfahrung des eigenen Lebens zurückgegriffen wird, um sich in die Rolle und deren Erleben ihrer Situation einzufühlen. So schreibe ich. Deshalb gibt es von mir auch fast nur Geschichten, die in der ersten Person geschrieben sind. Das wäre wohl das technisch Besondere. Was für den Leser besonders ist, muss der sagen. Ich glaube, die meisten meiner Geschichten sind von recht dichter Emotionalität.

Wie sieht es mit deiner Disziplin aus? Bist du eher ein Tag- oder Nachtarbeiter? Wie gehst du einen neuen Stoff an?

Florian: Im Moment sieht es mit der Disziplin, neben Arbeit und ehrenamtlicher Arbeit auch noch zu schreiben, eher mäßig aus. Das liegt auch daran, dass ich viel eher tag- als nachtkreativ bin. Am Besten funktioniert es für mich, wenn ich mich von 8 bis 14 Uhr an den Rechner setzen und schreiben kann.
Habe ich einen neuen Stoff, probiere ich zunächst ein paar Einstiege, ein paar Figuren und Perspektiven aus, schaue, wie sich die Geschichte am Besten erzählt. Danach beginnt die Recherche. Ich lege einen Favoritenordner für das Thema an, speichere jede Menge Websites, lese viel, kaufe Bücher. Das ist deshalb hart, weil ich natürlich, wie alle Autoren, schnell anfangen möchte, zu schreiben, anstatt erstmal selbst zu lesen. Meistens suche ich mir Interviewpartner. Menschen, die etwas in der Art erlebt haben, was ich beschreiben möchte. Aber erst bei der Recherche merke ich, ob ich das Projekt auch wirklich realisiere, ob es mein Buch, meine Geschichte wird. Das funktioniert nur, wenn ich eine Geschichte zu meiner eigenen machen kann.

Wie stark setzt einen die Arbeit als Autor unter Druck? Wie gehst du mit Deadlines und der Erwartungshaltung deiner Leser um?

Florian: Die wenigen Deadlines, die ich bisher hatte, konnte ich immer recht gut einhalten. Bisher fühlte ich mich durch die Arbeit als Autor auch weniger unter Druck als durch die Zeiten, in denen ich nicht schreiben konnte. Da werde ich schlecht gelaunt.
Bisher bin ich glaube ich nicht bekannt genug für Erwartungshaltungen der Leser. Aber ich bin der Überzeugung, die kann ich am ehesten befriedigen, wenn ich mich davon nicht beeinflussen lasse.

Wie sieht es mit dem Traum von der eigenen Bekanntheit aus? Siehst du auch Nachteile?

Florian: Darauf kann ich nur sehr ambivalent antworten. Natürlich möchte ich gelesen werden und als Autor bekannt sein. Und darin liegt auch der tiefe Wunsch, für das, was ich tue, anerkannt oder sogar geliebt zu werden. Es gibt so bestimmte, manchmal sehr kitschige Muster, die mich oft weinen lassen, dazu gehört zum Beispiel das typische Filmbild des Underdogs, der dann auf der Bühne/beim Sport zum von allen bejubelten Star wird, auf Händen getragen. Darin steckt natürlich auch der eigene Traum, die eigene Sehnsucht.
Andererseits weiß ich, wie sehr ich in solchen Situationen im Boden versinken wollte. Ich weiß, wie unangenehm mir Lob oft ist, wie wenig ich darauf reagieren kann. Und ich würde diese „Bühne“ nicht wollen. Ich hätte wahrscheinlich gleich zu Beginn immer unter einem Pseudonym veröffentlichen sollen, damit ich als Mensch so privat wie möglich bleiben darf. Denn so bin ich immer in der Tendenz, den Erfolg meiner Bücher selbst zu verhindern, weil ich das Rampenlicht so sehr scheue wie ich es ersehne.
Aber das ist natürlich rein spekulativ. Ich glaube nicht, jemals so bekannt zu werden, dass es für Neider spannend würde, im Keller nach der Wäsche zu wühlen.

Welche Eigenschaften sollte ein zukünftiger Autor mitbringen?

Florian: Ich fürchte, ein zukünftiger Autor muss vor allem laut und schamlos sein. Das fürchte ich, weil die Eigenschaften weniger für die Geschichten als für deren Verkauf gebraucht werden. Der Autor der Zukunft braucht weder Grammatik noch Rechtschreibung, er braucht nicht mal besonders viele Ideen, sondern einfach eine große Klappe, viele Kontakte und genügend Intriganzpotenzial in sich. – Das ist natürlich ein sehr überspitztes und pessimistisches Bild. Jede Strömung bekommt irgendwann auch die Gegenströmung und auch die Leser werden der Retortengeschichten eines Tages überdrüssig sein. Karl Kraus hat sinngemäß einmal gesagt, ein Künstler muss eitel genug sein, sich für den größten zu halten, aber voller Selbstzweifel stecken. Ich glaube, das trifft es auch für den Autoren der Zukunft recht gut. Seine Überzeugung aber, die Nachlässigkeit in der Kommasetzung sei ein Zeichen für unsere Nachlässigkeit im Umgang mit der Welt, lässt sich im Zeitalter des Internets wohl nur schwer aufrecht halten – oder aber gerade.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist an dem Spruch, daß Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, tatsächlich was dran. Zumindest fanden sich in den Gehirnen kreativer und künstlerisch tätiger Menschen Veränderungen, die denen geistig kranker Menschen ähnelten. Wie denkst du darüber? Sind Schriftsteller eine besondere Spezies?

Florian: Ich behaupte ja gern, in Deutschland leben mehr Schriftsteller als Leser. Das kann natürlich nicht ganz stimmen, denn vielen dieser Werke merkt man die Vorbilder zu deutlich an, dennoch ist es schon unglaublich, wie viele Menschen schreiben. Danach können Schriftsteller keine besondere Spezies sein. Ich möchte auch die Aussage gern von der Frage trennen, denn ich glaube schon, dass Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen, was schon darin begründet ist, dass sich beide oft unverstanden fühlen. Aber Schriftsteller sind in den seltensten Fällen Genies oder Wahnsinnige. Schriftsteller werden immer mehr zu kreativen Handwerkern. Genies werden als viel zu abgehoben erlebt, um gelesen zu werden, andersherum wird sehr viel Gewöhnliches immer schneller als genial bewertet. Genialität wird inflationär entwertet.

Wie sieht für dich der ideale Verlag aus? Was würdest du dir von einem Verlag wünschen?

Florian: Mein Verlagsbild steckt glaube ich noch sehr in der Vergangenheit. Ich wünsche mir einen Verlag, der an mich glaubt, der mich als Autor aufbaut, immer wieder auf mich hinweist, und nicht mir, aber der Welt erzählt, wie „gut ich bin“. Ich wünsche mir von einem Verlag kreative Auseinandersetzung über meine Themen, die Möglichkeit, als Autor meine Themen zu wählen und entsprechend zu schreiben. Wie der ideale Verlag der Zukunft aussieht, kann ich nicht sagen. Vielleicht ein paar Gedanken. Beim Film ist es schon lange so, dass Zuschauer ins Kino gehen und wichtig ist erstmal nur wie viel Spannung und Action ein Film hat. Das wird oft mit der Geschichte oder sogar mit dem Inhalt verwechselt. Das nächste Kriterium sind die Schauspieler, die auch oft eher für ihr Aussehen als für ihr Talent verehrt werden. Wer der Regisseur eines Films ist, wissen vielleicht noch die Hälfte derer, die den Film gesehen haben, wer das Drehbuch geschrieben hat, wissen vielleicht noch 2 Prozent, vielleicht ein paar mehr, wenn es nach einem berühmten Buch geschrieben wurde, wissen davon den Autor. In der aktuellen Literatur erlebe ich diesen Trend manchmal ähnlich. Bücher unterscheiden sich nicht mehr, es ist kaum wichtig, wer sie geschrieben hat. Witzigerweise wird dennoch erwartet, dass im Internet geistiges Eigentum geschützt wird. Dazu gehört aber eben auch, dass der Urheber bekannt ist. Da sind wir schon fast wieder bei der Frage nach dem Bekanntheitsgrad. Der ideale Verlag könnte da ansetzen. Den Inhalt einer Geschichte ernst nehmen, nicht nur deren Verlauf. Produkt und Urheber/Autor zwingend verknüpfen und den Autor zum Qualitätsmerkmal zu machen, nicht das Produkt.

Viele Autoren veröffentlichen ihre Bücher inzwischen ohne Verlag, manche mit ganz beachtlichem Erfolg. Das eBook ist im Kommen, Verlage versuchen sich an völlig neuen Konzepten. Wie stellst du dir den Buchmarkt in zehn Jahren vor?

Florian: Ach, wie gern würde ich jetzt so romantische Bilder beschwören, nach denen die Buchgeschäfte der Zukunft aussehen wie die Kammer des armen Poeten bei Spitzweg. Wahrscheinlicher erscheint mir aber die gesunde Mischung aus Technologie und Nostalgie. Bestellfristen werden vielleicht der Vergangenheit angehören, weil jedes Buch in den Buchhandlungen direkt gedruckt und gebunden werden kann. Gleichzeitig werden Buchhandlungen immer mehr Eventcharakter und Ambiente bekommen. Nicht nur Lesungen werden verstärkt durchgeführt, sondern gemütliche Sitzgruppen werden zum Stöbern in ausliegenden eBook-Readern einladen, vielleicht bei Kaffee und Kuchen, einem Glas Wein oder einem Snack. Die Verlage werden möglicherweise auch nach Genre ausgerichtete Zielgruppenshops entwickeln, in denen der Eventcharakter genauer angepasst werden kann. Leserunden werden nicht nur bei Lovelybooks oder virtuell, sondern auch im realen Leben wieder zahlreicher werden, Lesen und Bücher werden sozialer eingebunden. So werden Buchhandel und gedrucktes Buch in friedlicher Koexistenz zum Internethandel und zum eBook existieren.

Worauf dürfen wir uns als nächstes aus deiner Feder freuen? Woran arbeitest du gerade?

Florian: Im weitesten Sinne arbeite ich gerade an einem Projekt über Erbschuld, weiß aber noch nicht, ob, und wann ich es beende. Als nächstes wird es eine Reihe kleinerer eBooks bei den neobooks singles geben. Das sind jeweils kürzere Erzählungen,die als eBook zu einem günstigen Preis anzubieten sind und so im Print gar nicht möglich wären. Der Vorteil ist, dass kürzere Geschichten so einzeln zu bekommen sind.


Ganz herzlichen Dank, lieber Florian, für das interessante Interview.
Und wenn Sie, liebe Leser, jetzt gern mehr über Florian Tietgen und seine Bücher erfahren möchten, dann besuchen Sie doch einmal seine Homepage oder seine Amazon Autorenseite. Weitere Informationen zu seinem Roman "Auf einen Schlag" finden Sie hier

Und mit diesem Beitrag verabschiedet sich Blog Grün für eine kleine Weile in die Sommerpause. Morgen geht es auf nach Langeoog, wo ich in der kommenden Woche auf einem Ausflugsschiff aus meinem Krimi "Friesensturm" lesen werde.
Das nächste Interview wird am Freitag, 15. Juni 2012 erscheinen, diesmal mit Kirsten Wendt.

Bis dahin wünsche ich Ihnen allen eine schöne Zeit und sende herzliche Grüße
Birgit Böckli

Kommentare:

  1. Interessante, anregende Gedanken zu klug ausgewählten Fragen- hab das Interview gerne gelesen!

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