Dienstag, 25. September 2012

Lore Teil II



Liebe Simone,

jetzt geht mein Kurs schon fast zwei Wochen, und ich muß sagen, es hat sich wirklich gelohnt. Die Socken für meine Nachbarin sind schon fertig, und für den netten Pizzabäcker, der mir immer soviel Mozarella draufknallt, hab ich einen Pullover angefangen, ich hoffe, der mag lila Herzchen. Mein Lehrer, der Römer, geht mir zwar öfters auf die Nerven, aber ich bin tapfer. Und seit gestern weiß ich sogar, was ein Arbeitsspeicher ist, naja, nicht so ganz genau, aber wer braucht sowas denn schon? Sogar die Sigrid, das ist das Mädel neben mir, hat inzwischen eingesehen, daß es Schöneres gibt als immer bloß über Computer zu reden. Aber im Schiffe versenken hab ich noch jedesmal gewonnen.
Der Römer kann einem richtig leid tun, der rennt immer mit so nem verkniffenen Mund rum, wie eine Mumie sieht der aus, bloß ohne Haare. Gestern kam er dann mit einer Liste rein und hat die neben der Tafel an die Wand gehängt. Die ist aber gleich wieder runtergefallen, weil das Fenster offen war. Bei uns zieht es nämlich immer wie Hechtsuppe im Klassenzimmer, weil in der letzten Reihe die Frischluftfanatiker sitzen, die jeden anmeckern, der was dagegen hat. Ich hab ja mal vorgeschlagen, daß wir alle mit Jacken und Handschuhen antreten, aber ich war am Schluß wieder die einzige, die mit Fäustlingen versuchen durfte, einen Text zu formatieren. Ist eben überall das gleiche, lauter treulose Tomaten.
Als die Liste dann endlich an die Wand gepappt war, hat der Römer erklärt, daß es an ihrer Schule Brauch ist, daß jede Gruppe einmal im Kurs ein gemeinsames Frühstück veranstaltet, und er hat tatsächlich versucht, freundlich auszusehen, das war schon gruselig. Jetzt muß ich also auch noch Brötchen schmieren für die Bagage.
Nachmittags hab ich dann einen kleinen Abstecher in die Fußgängerzone gemacht, ist ja ganz hübsch, wenn überall diese vorweihnachtlichen Blinklichter dran hängen. Und stell dir vor, direkt neben einer Bäckerei, da stand ein Kinderwagen, mutterseelenallein, mit Baby drin, und das Kind war ganz leise am Schniefen. Ich bin natürlich gleich hingegangen, und wie ich mich über den Kinderwagen gebeugt hab, fing das Würmchen richtig an zu brüllen. War ja auch kein Wunder, so ein armes Findelkind, mitten in der Fußgängerzone.
„Jetzt mußt du nicht mehr weinen, jetzt ist Tante Lore ja da“, hab ich gesagt und mir schon überlegt, ob ich das Kleine bei der Polizei abgeben oder erstmal mit nach Hause nehmen soll. Aber als ich gerade den Kinderwagen beim Bäcker vorbeigeschoben hatte, da stand plötzlich so eine komische Tussi hinter mir mit zwei Stangenweißbroten unterm Arm und fing an zu kreischen, wo ich mit ihrem Kind hinwill. Die hat mich vielleicht angeglotzt, ich hab gedacht, die haut mir gleich ihre Baguettes um die Ohren. Aber du kennst mich ja, so leicht bin ich nicht einzuschüchtern.
„Das kann ja jeder behaupten“, hab ich gesagt, und woher ich wissen soll, daß sie wirklich die Mutter ist. Dann soll sie mir doch ihr Kind mal genau beschreiben, vor allem die Haarfarbe, die konnte man nämlich nicht sehen, weil das Kleine so eine dicke Bommelmütze aufgehabt hat.
Die hat mich aber gar nicht ausreden lassen. Richtig wild ist sie geworden, als ich mich vor den Kinderwagen gestellt hab. Und dann hat sie gebrüllt, wenn ich nicht sofort verschwinde, dann holt sie die Polizei, und außerdem hat ihr Kind noch überhaupt keine Haare. An die Möglichkeit hatte ich natürlich nicht gedacht. Ich bin dann doch lieber gegangen, da sind nämlich plötzlich ganz viele Leute aus der Bäckerei rausgekommen und haben zu meckern angefangen.
Da siehst du’s wieder, Simone, wie man’s macht, ist es verkehrt. Aber ich mach jetzt Schluß für heute, muß noch was einkaufen für das Frühstück am Freitag. Nächsten Dienstag melde ich mich wieder.

Dein Lorchen

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