Dienstag, 2. Oktober 2012

Lore Teil III



Liebe Simone,

du glaubst ja gar nicht, wie sich manche Leute anstellen können, wenn’s ums Essen geht. So ein Theater, und das alles bloß, weil der Römer meinte, wir müßten unbedingt zusammen frühstücken. Angeblich soll das das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe stärken. Mit der Gemeinschaft ist es dann aber leider nicht allzu viel geworden. 

Das fing schon mit dieser dämlichen Liste an. 

Am Donnerstag vor der ersten Stunde haben sich alle brav angestellt, um da reinzuschreiben, was sie an Fressalien mitbringen wollen. Selbst schreiben durften sie aber nicht, weil nämlich die dicke Grete sich neben der Liste aufgebaut hatte und drauf bestanden hat, die Eintragungen persönlich vorzunehmen. Angeblich könnte sie als ehemalige Chefsekretärin besonders ordentlich schreiben und außerdem wollte sie dann auch gleich aufpassen, daß eine gute Mischung zusammenkommt. Als ob wir nicht selbst lesen könnten.
Es hat sich aber keiner beschwert, und mir war das sowieso egal, ich hatte nämlich gerade erst gemerkt, daß das letzte Herzchen  in meinem Pullover schief geworden war, noch schiefer als die anderen, und deshalb mußte ich drei Reihen wieder auftrennen. Ich war gerade so schön am Aufribbeln und vor mich hin Fluchen, da stand plötzlich die Dorothee vor meinem Tisch und hat einen richtigen Schwanenhals gemacht, um über den Computer drüberzugucken, die Dorothee ist nämlich bloß eins fünfzig groß und muß sich immer so recken, damit sie was sieht. Warum ich noch nix in die Liste reingeschrieben hätte, hat sie gefragt und ganz böse auf meinen halbfertigen Pullover gestiert.
Ich wollte ihr ja erklären, daß ich jetzt keine Zeit hab, aber die hat so gräßlich gedrängelt, da bin ich halt mitgegangen. Die Grete stand immer noch neben der Tafel und hat die Liste bewacht, die der Römer da mit Tesa an die Wand gepappt hatte, und zwischendurch hat sie immer ganz hektisch auf ihre Uhr geguckt, weil eigentlich die Stunde bald anfangen sollte.
Dann hat sie wissen wollen, was ich mitbringen will.
„Wurstbrötchen“, hab ich gesagt und wollte eigentlich schon wieder zu meinem Herzchenpulli zurückschleichen, aber da hat die Grete ganz tief Luft geholt und den Kopf geschüttelt.
„Die bringt schon der Gerhard mit“, hat sie gesagt, und nein, Käsebrötchen sind auch schon weg. Und ich soll mir gefälligst was Originelleres einfallen lassen.  
Ich war so baff, du, ich hab erst gar nicht gewußt, was ich dazu sagen soll. Erst als die Grete mir vorgeschlagen hat, ich soll doch einen Kuchen backen, da ist mir dann wirklich der Kragen geplatzt. Ich wollte auch eben anfangen, sie ordentlich zu beschimpfen, da hat der Depp aus der letzten Reihe wieder losgeblafft, daß es viel zu warm wär und man überhaupt keine Luft kriegt in dem verfluchten Mief. Dann hat er das Fenster aufgerissen, und das muß der armen Liste wohl zuviel geworden sein, auf jeden Fall hat sie sich mal wieder von der Wand losgerissen und ist quer durchs Zimmer geflattert. Wahrscheinlich war sie auf der Flucht vor der dicken Grete, die ist nämlich ganz panisch hinterhergelaufen.
Und weil eigentlich nur die Hälfte von ihr zwischen zwei Computertischen durchgepaßt hätte, hat sie dabei den Friesemann umgerannt, der stand da nämlich im Gang rum und wollte mal wieder heimlich aus seiner Colaflasche trinken. Daß da bloß Cola drin ist, glaubt ihm sowieso kein Mensch, so verträumt, wie der immer aussieht nach jedem Schluck. Jedenfalls ist das ganze Gesöff auf dem Boden gelandet, und die wertvolle Liste schwamm mitten in der Pfütze drin rum.
Das war vielleicht ein Zirkus. Der Friesemann hat gebrüllt, weil er sich den Flaschenhals gegen die Zähne geknallt hatte, und die Grete hat die aufgeweichte Liste aus der Colapfütze rausgeklaubt, und dann hat sie tatsächlich angefangen zu heulen. Da hat sie mir dann doch leidgetan. Von ihrer hübschen Sekretärinnenschrift waren nur noch blaue Kleckse übrig, und der ganze Raum hat plötzlich nach Cognac gestunken. Ich wollte die Grete gern trösten, drum hab ich ihr versprochen, daß es trotzdem ein prima Frühstück wird, und daß ich einen ganz tollen Kuchen mitbringe.
Dann hat auf einmal noch einer gebrüllt, und das war der Römer, mein Lehrer. Der stand da im Türrahmen und hat geschrien, was das für ne Sauerei ist, und wir sollen ganz schnell sauber machen. So eine schreckliche Klasse hätte er noch nie gehabt, und wenn noch einmal einer im Computerraum was zu Trinken rausholt, dann fliegt er hochkant aus dem Kurs raus.
Die Grete ist ganz geknickt an ihren Tisch gewatschelt, aber als ich runtergeguckt hab, da hab ich erst gesehen, warum die so komisch läuft. Simönchen, mich hat fast der Schlag getroffen! Die hatte nämlich einen lila Wollfaden ums rechte Fußgelenk gewickelt, und am Ende von dem Wollfaden hat sie meinen schönen Flauschpullover hinter sich hergeschleift. Besonders flauschig sah er da allerdings nicht mehr aus. Mein armer Pizzabäcker, jetzt kriegt er wohl doch bloß ein paar Socken zu Weihnachten. Naja, die Herzchen waren sowieso alle ein bißchen mißraten.
Die Grete konnte ich aber trotzdem nicht anschnauzen, wo sie doch so um ihre Liste getrauert hat, und den Kuchen, den hatte ich ihr ja schon versprochen, aber ich hab mir fest vorgenommen, bloß einen im Supermarkt zu kaufen. Strafe muß sein!
Nach dem ganzen Fiasko waren die alle schrecklich still, hatten wohl ein schlechtes Gewissen, und die Sigrid hat nicht mal Lust zum Schiffeversenken gehabt, da hab ich mich halt ausgeruht und den ganzen Tag meinen Bildschirm angeglotzt. Wenn man lange keins von den Knöpfchen drückt, kommt da nämlich immer so ein netter Bildschirmschoner, das ist herrlich entspannend.
Ja, und die Erholung hab ich auch bitter nötig gehabt, denn der Freitag war ja noch viel schlimmer, aber davon erzähl ich dir am nächsten Dienstag.
Gruß und Kuß

Dein Lorchen

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