Dienstag, 9. Oktober 2012

Lore Teil IV



Liebe Simone,

schon ulkig, daß ich all meine Briefe mit derselben Höflichkeitsfloskel anfange, was? Aber was willste machen, ich bin halt gut erzogen. Aber an manchen Tagen vergesse ich meine Erziehung, da geht sogar mir der Hut hoch. Der Freitag, das war so ein Tag, wo mal wieder alles gründlich in die Hose gegangen ist, und dabei hatte es so gut angefangen. 
Ich bin gleich früh in den Supermarkt gerannt, den Kuchen kaufen für das Gruppenfrühstück, damit die Grete nicht wieder heulen muß. Die machen jetzt immer schon um sieben auf, damit die fleißigen Verkäuferinnen auch ja nicht zu lange schlafen, dabei kommen um die Zeit noch überhaupt keine Kunden. Die Kassiererin war auch gleich ein bißchen genervt, als ich angefangen hab, meinen Geldbeutel auszukippen, aber es hätte fast nicht gereicht. 4,99 für das bißchen Mehlklump, aber schön hat sie doch ausgesehen, meine Donauwelle. Ich hab sie auch ganz vorsichtig durch die Gegend getragen und mir schon vorgestellt, wie hübsch die sich machen wird neben den ömmeligen Brötchen vom Gerhard. 
Und weil es noch so früh war, und sie mir im Supermarkt meine letzten Kröten abgeluchst hatten, bin ich noch schnell bei der Sparkasse vorbei, Geld holen. Der Geldautomat steht in so einem kleinen Vorzimmer, da ist es immer kuschelig warm drin, ich glaub, wenn bei mir mal die Heizung ausfällt, leg ich mich nachts da hin. Durch die Glasscheibe hab ich in die Schalterhalle rübergeguckt, aber da war noch alles dunkel, wahrscheinlich brauchen die Bankleute mehr Schlaf als die Verkäuferinnen vom Supermarkt. Der Automat war aber schon hellwach und hat zweimal gemotzt, bis ich den Zettel rausgeholt hab und nachgeschaut hab, wie meine Geheimnummer richtig heißt. 
Ich hab also mein Geld in die Handtasche gestopft, meine Donauwelle genommen und bin wieder raus auf die Straße, da rennt mich doch so ein Typ im Kapuzenpulli über den Haufen. Die Leute haben vielleicht geguckt, wie ich da vor der Sparkasse auf dem Hintern saß und geflucht hab, zum Glück war der Kuchen heil geblieben, nur ein bißchen verdrückt sah der aus. Aber dann hab ich gemerkt, daß meine Handtasche gar nicht mehr da war, die hatte nämlich der Rempler, und der war schon an der nächsten Ecke. Simone, das war vielleicht ein Schreck.
„Festhalten den Arsch!“ hab ich gebrüllt, aber jetzt hat überhaupt keiner mehr reagiert, vielleicht, weil ich die ganze Zeit schon so laut gekrischen hatte, also hab ich mich selber auf die Socken gemacht. Wollte den Leuten doch mal zeigen, daß ein dicker Hintern nicht immer unsportlich heißen muß. Ganz so einfach war das aber nicht, weil ich meine neuen Schuhe anhatte, die, in denen ich immer so schnell Blasen kriege, und den Kuchen hatte ich ja immer noch unterm Arm. Aber ich hab die Zähne zusammengebissen. 
Quer durch die Fußgängerzone hab ich den Kapuzenmann verfolgt, und der wurde immer schneller. Am Marktplatz ist er dann in eine Gruppe älterer Leute reingerannt und dabei gestolpert und mitten im Springbrunnen gelandet. Ich hab mich vielleicht gefreut, du. Schade nur, daß da um die Jahreszeit kein Wasser drin war. Erstmal hab ich mir meine Handtasche wiedergeholt. Dann hab ich überlegt, ob ich jetzt die Polizei rufen soll, aber eigentlich hatte ich gar keine Lust dazu. Am Ende wär noch der doofe Wachtmeister gekommen, der mich mit dem Fahrrad falschrum in der Einbahnstraße erwischt hat. Einfach so weggehen konnte ich aber auch nicht. Also hab ich den Dieb einfach mal gefragt, warum er denn anderen Leuten die Handtaschen klaut.
Der lag da immer noch stöhnend im Springbrunnen und hat sich erstmal wieder aufrappeln müssen. Und wie er seine Kapuze runtergenommen hat, da hab ich erst gesehen, daß das ein junges Mädchen war. Ganz kurze Haare hat die gehabt mit einem grünen Streifen drin, sah lustig aus, aber ihre Augen, die haben gar nicht lustig geguckt, und dann hat sie gemeint, sie hat solchen Hunger. Was soll man dazu sagen?
Belohnen wollte ich das Mädel ja jetzt nicht auch noch, war ja schließlich nicht schön, was sie da gemacht hatte, aber Hunger ist was Schlimmes, ich weiß das, hab ja selber ständig welchen. Dann ist mir die Donauwelle eingefallen, die war inzwischen schon fast an mir festgewachsen, wie ein dritter Arm, und so ähnlich hat sie leider auch ausgesehen. In der Mitte war sie ganz plattgedrückt, da wo ich sie eingeklemmt hatte, dafür waren die Seiten umso dicker.
Ich hab die Verpackung aufgerissen und mich einfach dazu gesetzt, und so saßen wir beide mitten in dem trockenen Springbrunnen und haben Kuchen in uns reingestopft. Die alten Leute, in die meine kleine Ganovin reingerannt war, hockten ein Stück weiter wie die Hühner auf der Parkbank und haben gegafft, aber denen hab ich nichts abgegeben.
Am Ende hat sie noch gesagt, daß sie Sabine heißt und mit ihren Freunden irgendwo in einem Abrißhaus in Mannheim wohnt, und ich soll sie doch unbedingt mal besuchen kommen, aber die Adresse wußte sie dann doch nicht so genau.
Tja, und so bin ich dann ein bißchen später in meinen Kurs gefahren, ohne Kuchen, aber dafür mit meiner Handtasche und einer dicken Blase am Fuß. Eigentlich wollte ich mich ja entschuldigen, aber als ich die Tür reinkam, hat mich sofort die Grete angeblafft.
„Da, hab ich’s nicht gesagt, daß die keinen Kuchen mitbringt?“ hat sie gebrüllt, und die anderen haben ganz dämlich gekichert. Nur der Römer nicht, der hat auf seine Uhr geschaut und die Augen verdreht, weil es schon fast neun Uhr war. Und dann hat er…
Aber das erzähl ich dir lieber im nächsten Brief, soviel Grauen auf einmal ist bestimmt nicht gut für den Blutdruck.
Bis nächsten Dienstag
 Dein Lorchen

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