Dienstag, 16. Oktober 2012

Lore Teil V



Liebe Simone,

du kannst dir gar nicht vorstellen, was bei uns wieder los war. Dieses gemeinsame Frühstück war vielleicht ein Knaller. Ich hab dir ja von dem Mädel erzählt, das versucht hat, meine Handtasche zu mopsen. Am Ende war‘s dann doch nicht so schlimm, und wir haben uns sogar richtig nett unterhalten, aber durch das viele Gequatsche bin ich schließlich zu spät und ohne Kuchen im Kurs aufgekreuzt.
Eigentlich hab ich gedacht, ich warte, bis sich die Grete wegen dem fehlenden Kuchen abgeregt hat, und setz mich einfach still in eine Ecke. Hunger hatte ich sowieso keinen, im Gegenteil, mir war ganz schön schlecht von der Riesendonauwelle, die wir am Springbrunnen gefuttert hatten, und ich hab versucht, dem Buffet irgendwie auszuweichen. Das war aber gar nicht so einfach, die hatten eine ganze Tischreihe zusammengerückt, und alles stand voll mit Brötchen und Salaten, sogar kleine Erdbeertörtchen hatte einer mitgebracht, die sahen allerdings schon ein bißchen matschig aus.
Aber plötzlich ist die Grete wie von der Tarantel gestochen auf mich zugerannt. Die Gabel hatte sie noch in der Hand, und sie hat ganz aufgeregt damit vor meiner Nase rumgefuchtelt.
„Wer nix mitbringt, darf auch nix essen“, hat sie gesagt, und weil keiner zugehört hat, hat sie es gleich nochmal lauter gebrüllt.
Der Römer war mal wieder auf der Toilette verschwunden, da versteckt der sich öfters vor uns, und die Grete hat mit dem Fuß aufgestampft und mich giftig angegrunzt.
„Ich will sowieso nix von dem Zeug“, hab ich gesagt und bin einfach um sie rum zu meinem Tisch gelatscht.
„Auch keinen Kaffee!“ hat die Grete gebrüllt und dann haben die anderen angefangen zu lachen. Und das konnte ich mir natürlich nicht gefallen lassen.
Also bin ich nach vorne zur Kaffekanne, wo die Pappbecher standen, gegangen, nur um mal zu schauen, ob die Grete vielleicht nur Quatsch gemacht hat. Aber in dem Moment, als ich mir den Kaffee eingegossen hab, stand sie plötzlich neben mir.
„Ne, ne“, hat die Grete gesagt und versucht, mir den Becher aus der Hand zu reißen. Ja, und da hat es mir dann gereicht, und ich hab kurzerhand beschlossen, doch was zu essen. Ich hab mir einen Teller vom Stapel geschnappt und alles draufgetürmt, was ich auf die Schnelle gefunden hab, pappige Brötchen und Nudelsalat und jede Menge von den kleinen Zimtschnecken, so viele, daß sogar ein paar auf dem Boden gelandet sind.
Und ich hab der Grete gesagt, daß ihr der Kram überhaupt nicht gehört, den hatten schließlich die anderen mitgebracht. Da hat sie sich wie eine Wilde auf die Schüssel mit dem Rabarberkompott gestürzt, damit ich ja nicht da auch noch drangehe, das hatte sie nämlich selbst gekocht. Mir war das aber egal, ich hab mich hingesetzt und alles in mich reingemampft, und dabei ist mir immer schlechter geworden, aber das grüne Gesicht von der Grete war mir das wert.
Irgendwann ist mir aber richtig übel geworden, und weil der Römer immer noch nicht wieder da war, bin ich einfach am Herrenklo vorbei und hab da reingerufen, daß ich krank bin und nach Hause gehe. Hat aber nicht mal geantwortet, der Stoffel.
Draußen ging es mir gleich viel besser. Ich hab mich auf eine Parkbank gesetzt und mir fest vorgenommen, mir ganz schnell einen Job zu suchen, damit ich bloß nicht mehr in diesen komischen Kurs gehen muß, wo es nicht mal richtige Wurstbrötchen gibt. Irgendwie muß ich ziemlich traurig ausgesehen haben, denn die Leute haben mich alle so mitleidig angeguckt. Vielleicht hätte ich einen Hut aufstellen sollen.
Und soll ich dir was sagen? Das mit dem Job hat auch gar nicht lange gedauert. Als ich nämlich später noch durch die Einkaufsstraße gepilgert bin, was hängt da draußen an diesem Klotz von Bürogebäude? Ein Zettel mit der Aufschrift: „Putzhilfe gesucht“. War ja schonmal ein Anfang, nö? Der Zettel sah schon ein bißchen angefressen aus, aber ich bin natürlich trotzdem reingegangen. Eine von den Bürotüren stand offen, und da bin ich gleich hin und hab mich vorgestellt.
„Ich bin die neue Putzhilfe“, hab ich gesagt und der Sekretärin nett zugewinkt.
Die hat mich aber gar nicht freundlich begrüßt. Sie hat die Brille abgenommen und geguckt, als hätte ich vergessen, meine Hose anzuziehen. Und dann hat sie gesagt, daß sie überhaupt keine Putzhilfe mehr suchen, ach, und das Schild draußen, das hätte schon längst einer abhängen sollen, weil sie ja schon jemand eingestellt hätten.
Und dann hat sie die Brille wieder aufgesetzt und einfach weiter auf ihrer Tastatur rumgetippt. Ich hab einen ganz schönen Schreck bekommen, und dann ist mir auch noch der doofe Nudelsalat aufgestoßen, aber so schnell gibt dein Lorchen natürlich nicht auf.
Aber wie es weiter gegangen ist, das erzähl ich dir lieber am nächsten Dienstag, sonst wird der Brief zu lang, und von langen Briefen bekommt man bloß Kopfschmerzen.
Bleib munter und grüß mir die Topfpflanzen.
Alles Liebe
Deine Lore

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