Dienstag, 23. Oktober 2012

Post von Lore Teil VI



Liebe Simone,

in der letzten Woche hab ich zwei Dinge gelernt. Erstens: wenn eine Sekretärin zweimal die Brille abnimmt und sich von ihrer Arbeit abwendet, dann heißt das meistens nichts Gutes. Und zweitens: man sollte sich trotzdem nicht davon einschüchtern lassen, jedenfalls nicht, wenn man die Wahl zwischen zwei Übeln hat.
Das alte Übel lag mitsamt dem Computerkurs an diesem Morgen ja schon hinter mir, weil ich mich entschlossen hatte, da nicht mehr hinzugehen. Das neue Übel bestand darin, der Tante vom Arbeitsamt zu erklären, warum ich ihren feinen Kurs nicht länger besuchen wollte, wo sie sich doch solche Mühe gegeben hatte, den extra für mich auszusuchen. Aber die konnte ja schließlich auch nichts von der Grete und ihrer Liste wissen und von der Donauwelle, die es gar nicht erst bis zum Frühstücksbuffet geschafft hatte.
Ich hab mir also gedacht, um die zu überzeugen, muß ich jetzt ganz schnell einen Arbeitsplatz aus dem Ärmel schütteln. Und jetzt stand ich also im Chefbüro dieser Sekretärin und mußte mir anhören, daß das Schild draußen „Putzhilfe gesucht“ schon viel zu lange da hing und sie längst jemand eingestellt hatten. Das konnte ich mir doch nicht bieten lassen, schließlich war ich mir einen Moment vorher noch sicher gewesen, daß dieses Schild genau für mich da draußen hing.
„Das tut mir leid für Sie“, sagte die Dame im Vorzimmer noch, aber sie sah kein bißchen nach Leidtun aus, eher ziemlich gelangweilt. Und dann hat sie sich auch noch so winzige Ohrstöpsel reingestöpselt und weitergetippt. Das fand ich dann schon ziemlich unhöflich.
„Oh, das muß es nicht“, hab ich gesagt, aber sie hat nur ein bißchen den Kopf in meine Richtung gedreht und ganz verschlafen geblinzelt.
„Ich sagte, das muß es nicht“, hab ich nochmal gerufen. Sie ist ganz schön zusammengezuckt, wahrscheinlich, weil sie gerade ihr Diktiergerät ausgeschaltet hatte und mich wieder hören konnte. Aber wenigstens hat sie nicht mehr so gelangweilt ausgesehen. „Was ist denn noch?“
Und auf einmal ist mir dieser Geistesblitz gekommen. „Ich weiß, daß Sie schon jemanden eingestellt haben“, hab ich gesagt. „Darum geht es ja. Die Dame hat sich nämlich den Fuß verstaucht und kann die nächsten Tage nicht kommen. Und deshalb sollte ich…“
Und das war der Moment, wo sie zum zweiten Mal die Brille abgenommen hat. „Ja, wenn das so ist“, hat sie gesagt und die Hände gerungen vor Erleuchtung. „Wenn das so ist, dann melden sie sich doch am besten gleich beim Chef in Zimmer vier.“
Eigentlich hätte ich mich ja freuen müssen, wenn die bloß nicht so hinterlistig gegrinst hätte, das hat mir überhaupt nicht gefallen.
„Dankeschön“, hab ich gesagt und mich verabschiedet. Ich hab zuerst gar nicht verstanden, was sie mir noch hinterhergerufen hat. Erst ein paar Schritte weiter ist es mir dann gedämmert, was sie noch gesagt hatte.
„Die Dame ist übrigens ein Herr.“
 Ich hab einen ganz roten Kopf bekommen, aber bei dem Schummerlicht im Flur hat man das hoffentlich nicht so gesehen. Zu Nummer vier bin ich natürlich trotzdem gegangen, wo ich mir schon soviel Mühe gemacht hatte. An der Tür hing ein Schildchen „Herr Wiesenhof“, das klang schonmal nicht schlecht, so nach Hähnchen. Und da stand er, der Chef, und hat mich ganz freundlich angelacht. Ein Bild von einem Mann, sag ich dir, tolle blaue Augen hat der, und jede Menge blonde Löckchen auf dem Kopf. Ich hätte ja zu gern gewußt, ob der unter seinem Sacko noch mehr davon hat. Lore, die Stelle mußt du haben, hab ich mir gesagt, koste es, was es wolle, nur mit den Ausreden hat es plötzlich überhaupt nicht mehr geklappt.
„Sie wollen also hier anfangen?“ hat er mich gefragt, aber ich konnte erstmal gar nicht antworten, weil ich so durcheinander war. Die Entchen auf seiner Krawatte haben richtig zu paddeln angefangen, so schwindelig war mir. Und die Story mit dem verstauchten Fuß kam mir inzwischen auch ziemlich dämlich vor. Da ist mir Mamas Spruch eingefallen: wenn nix mehr geht, setz auf deine weiblichen Reize! So weit her ist es mit denen ja nun nicht bei mir, aber ich hab trotzdem versucht zu klimpern, was das Zeug hält. Dann hab ich dem Chef erzählt, daß ich gaaaaanz dringend einen Job suche und daß es doch soooviel zu putzen gibt in dem riesigen Büro, und ob wir es nicht doch mal miteinander probieren könnten. Und wie ich an die Grete gedacht hab und all die Dösköppe in meinem Kurs, da sind mir auch tatsächlich die Tränen gekommen.
„Nana“, hat der Herr Wiesenhof gesagt. Der war ganz schön verlegen. Er hat mir ein Tempotaschentuch in die Hand gedrückt und gemeint, daß sie tatsächlich noch jemand zweites suchen, für die Flure und die Toiletten, weil der andere ja nur die Fenster putzt, und ich soll morgen einfach mal um acht vorbeikommen.
Er hat mir ganz schüchtern zugelächelt, als wir uns verabschiedet haben, und da wußte ich: der will erobert werden!  Und einen Schlachtplan hatte ich auch schon, aber davon erzähle ich dir am nächsten Dienstag.
Bis dahin viele Grüße

Dein Lorchen

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