Dienstag, 13. November 2012

Post von Lore Teil IX



Liebe Simone,

so ist das, manchmal haben auch solche Unglücksraben wie ich mal ein bißchen Glück. Muß ja auch mal sein. Und letzten Donnerstag, da war es dann soweit. Besonders gut hatte der Tag eigentlich gar nicht angefangen. Ich bin nämlich mal wieder mit der Grete zusammengerasselt, die kann mich einfach nicht leiden.
Erinnerst du dich noch an die Gedichte, die ich immer geschrieben hab? Sag bloß, du weißt das nicht mehr. Die hatten immer genau vier Zeilen, und eins davon hab ich Mama doch damals zum Geburtstag geschrieben.
Auf unserer Terrasse, da steht ein Kamel,
mit vier lahmen Beinen und Augen so scheel,
und trotzdem grinst es so dämlich und breit
als wollte es sagen, dein Geburtstag ist heut,
liebe Mama.
Naja, eigentlich sind das viereinhalb Zeilen, aber vielleicht ist das ja auch was Besonderes. Stell dir bloß mal vor, wenn die Kinder in hundert Jahren im Deutschunterricht Badowskis viereinhalb-Zeiler durchnehmen müssen. Mama war damals auch ganz gerührt, als ich ihr das Gedicht geschenkt hab, ich hatte noch ein Kamel dazugemalt, aber das Viech sah irgendwie mehr nach einer Schildkröte aus, auf die in der Mitte jemand draufgetreten ist.
Na, jedenfalls schreib ich immer noch Gedichte, ist ja klar, einmal Künstler immer Künstler, und wo läßt es sich wohl besser nachdenken, als in einem stinklangweiligen EDV-Kurs? Und während der Römer irgendwas von Serienbriefen und Einstellungen erzählt hat, hatte ich schon wieder zwei Zeilen Kunst geschaffen. Aber in dem Moment, als mir gerade ein neuer Reim eingefallen war, da kamen die dicken Wurstfinger von der Grete auf einmal aus dem Nichts heraus über meine Schulter und zack, hatte sie sich meinen Zettel gegrapscht.
Der Regen aus den Wolken platscht, die Sonne streikt, der Boden matscht…“, hat sie ganz laut vorgelesen und sich dabei vor Lachen fast verschluckt.
„Was ist das denn für ein Mist?“ hat der Römer gefragt, und dann haben sie alle gelacht, und die Grete hat gemeint, ob ich mit den Gedichten Kinder erschrecken will oder alte Damen zu Tode langweilen.
Oh, ich hatte vielleicht eine Wut im Bauch, und wenn ich wütend werde, dann mach ich manchmal Sachen ohne nachzudenken. Ich bin also aufgestanden und hab denen eiskalt erklärt, was sie für Banausen sind, und daß ich Ihnen nicht böse sein kann, weil schließlich hat nicht jeder einen Sinn für Kunst, bei manchen reicht es eben nur für EDV-Kurse und solche Sachen.
„Du willst mir doch nicht erzählen, daß das hier Kunst ist“, hat die Elke aus der letzten Reihe gegröhlt und einen langen Arm gemacht, um auf meinen Zettel zu zeigen. Sie ist fast vom Stuhl gekippt dabei.
„Jedenfalls waren die Leute in meinen Lesungen bisher schon dieser Ansicht“, hab ich zurückgeblafft, und das war natürlich ein Fehler, denn die eine Lesung damals bei Tante Gertrud zählt ja eigentlich nicht so richtig, weil Tante Gertud so schrecklich schwerhörig war, aber mit irgendeinem Argument mußte ich sie schließlich überzeugen. „Aber ich lade euch gerne ein bei meinem nächsten Termin“, hab ich noch hinterhergebrüllt, und das war dann wohl der zweite Fehler, weil ich keine Ahnung hatte, wo ich so einen Termin überhaupt hernehmen sollte.
Am Nachmittag bin ich dann zu meiner Putzstelle gefahren, und ich hatte natürlich immer noch vor, mal einen Blick in das Büro vom Herrn Wiesenhof zu schmeißen, nur einen ganz kleinen, deshalb hatte ich mir das Türschloß am Vorabend mal ganz genau angeguckt, und es sah eigentlich ziemlich harmlos aus. Und da ist mir wieder eingefallen, wie wir früher als Kinder immer in die Speisekammer eingestiegen sind, um nach den Weihnachtsgeschenken zu suchen. Ich hab also eine Haarnadel rausgekramt und damit im Schloß rumgestochert. Es hat sich aber erstmal nix getan, vielleicht hab ich auch in die falsche Richtung gedreht. Dann hat sich plötzlich doch was bewegt, das war aber nicht die Haarnadel, sondern mein hübscher junger Chef, der stand auf einmal hinter mir und hat gefragt, was ich da mache.
„Na, die Schlüssellöcher“, hab ich gesagt und schnell meine Haarnadel wieder verschwinden lassen. „Die hat wohl schon lange keiner mehr sauber gemacht.“
Er hat mich ganz bezaubernd angelächelt und ist an mir vorbeigestürmt. „Ich hab nur meine Jacke vergessen“, hat er gesagt und wollte auch gleich wieder zuschließen, aber dann hat sein Handy geklingelt.
„Ja?“ hat er gefragt, und „Wieso denn?“ und so ging das weiter, bis mein Herr Wiesenhof mit dem Ding am Ohr auf die Straße rausspaziert war, die Jacke immer noch unter dem Arm. Und weg war er.
Die Tür zu seinem Büro ist fast von selbst aufgesprungen, jedenfalls kam es mir so vor, und ich wollte ja auch nur ganz kurz mal schnuppern, aber dann hab ich das Foto gesehen. Da konnte ich ja gar nicht mehr anders. Na, und da lag sie, die Lösung all meiner Probleme, mitten auf dem Schreibtisch, aber das wußte ich natürlich in dem Moment noch nicht. Aber den Rest erfährst du am nächsten Dienstag, sonst wird der Brief wieder viel zu lang.
Mach’s gut und halt Dich wacker

Dein Lorchen

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen