Dienstag, 6. November 2012

Post von Lore Teil VIII



Liebe Simone,

jetzt liegt also mein erster Arbeitstag hinter mir. Na gut, eigentlich waren es bloß drei Stunden, aber die hatten es in sich.
Zu allererst bin ich ganz fröhlich mit meinem Radl in die Firma gegurkt, in der Hoffnung, da meine Ruhe zu haben, und wer steht in der Tür und glotzt blöde auf seine Armbanduhr? Die Meyerling natürlich. Und ich dachte, die hat schon Feierabend.
Sie wollte mir aber nur schnell zeigen, was ich machen soll, den Flur saugen, in den Büros die fünf Zentimeter Staub von den Schreibtischen wischen und natürlich die Klos.
„Alles klar“, hab ich gesagt und gehofft, daß sie jetzt endlich verschwindet, und das wollte sie wohl auch, aber dann hat sie es sich anders überlegt und ist nochmal zurückgekommen.
„Nur nicht beim Chef“, hat sie gesagt und mir einen saure-Gurken-Blick zugeworfen. „Der mag das nicht, wenn fremde Leute in seinen Sachen rumwühlen.“
Also wirklich, als ob ich neugierig wäre. Sie hat mir dann noch den Schlüssel für die Hintertür in die Hand gedrückt, ein fröhliches „Schön drauf aufpassen“ gezwitschert, und dann war sie endlich weg. Ich bin natürlich als allererstes zum Chefbüro gelatscht, nur um zu sehen, ob da auch wirklich abgeschlossen ist, hätte ja sein können, er hat’s vergessen. Hatte er aber nicht, und durch das doofe Schlüsselloch war kaum was zu erkennen. Also hab ich den Staubsauger rausgeholt und bin brav damit durch die Flure gefegt.
Danach bin ich erstmal die Küche suchen gegangen. Leider war kein Kaffee mehr da, aber dafür hab ich eine volle Mülltüte gefunden, und da ist mir eine Idee gekommen.
Das Büro vom Chef geht nämlich nach hinten raus, genau da, wo auch die Mülltonnen stehen. Ich bin also raus auf den kleinen Hof, da standen um diese Zeit auch überhaupt keine Autos mehr. Zuerst hab ich natürlich, fleißig wie ich bin, den Müll in die Tonne geschmissen, und dann hab ich die Tonne ein Stück rübergeschoben, und noch ein Stückchen, bis sie genau unter dem Fenster vom Chefbüro stand. Und dann hat sich das Lorchen sportlich betätigt. So alt bin ich ja nun noch nicht. Leider konnte ich auch von da oben aus nicht besonders viel sehen, nur die verschnörkelte Stehlampe, die kannte ich ja schon von meinem Vorstellungsgespräch, und dann noch die Rückseite vom Computer.
Hach, hab ich gedacht, wär das schön, jetzt da reinzugehen und mal zu gucken, was mein hübscher Herr Wiesenhof den ganzen Tag so macht. Vielleicht hat er sogar ein Foto irgendwo rumstehen. Aber in dem Moment kam von unten eine Stimme, ganz schön laut war die, und ich bin furchtbar erschrocken, und im selben Moment hat die Mülltonne angefangen zu wackeln. Das war vielleicht ein Radau, als das Ding unter mir umgekippt ist. Ich bin mindestens eineinhalb Meter tief geplumpst. Es ist aber nix passiert, jedenfalls mir nicht, ich bin nämlich relativ weich gelandet. Der Mann unter mir hat sich aber schon ein bißchen weh getan, als ich auf ihm drauf lag, hat er ziemlich gestöhnt. Als wir dann beide endlich wieder aufgestanden waren, hab ich ihn auch erkannt, das war der Hausmeister von der Schule nebenan, der war vorher noch mit einem Besen auf dem Schulhof unterwegs gewesen.
„Darf ich fragen, was Sie hier tun?“ hat der mich gefragt und sich immer noch ganz unglücklich seine Glatze gerieben.
Das war mir dann schon ein bißchen unangenehm, ich konnte ihm ja schließlich schlecht erzählen, daß ich bloß einen Blick ins Chefbüro werfen wollte.
„Ich bin die neue Putzfrau“, hab ich ganz höflich gesagt und ihm meine Patschhand hingestreckt, die hat er aber nicht genommen, der Stoffel. Und dann ist mir zum Glück noch was eingefallen. „Ich hab mich ausgesperrt“, hab ich behauptet und auf die Tür gezeigt, die war inzwischen nämlich wirklich zugefallen.
Ich hatte ja gehofft, daß er jetzt die Schultern zuckt und wieder auf seinen Schulhof rüberlatscht, aber der hat doch wirklich sein Handy rausgekramt und gesagt, ich hätte Glück, weil er nämlich die Frau Meyerling persönlich kennt, das ist eine ganz nette, und die ruft er jetzt an, damit sie mir aufschließt. Eine Nette, ausgerechnet die! Da ist mir vielleicht der Schweiß ausgebrochen, und ich hab ganz hektisch in meiner Hosentasche gekramt.
„Da ist er ja, der Schlüssel!“ hab ich ihm ins Ohr gebrüllt, bevor er anfangen konnte zu wählen.
Der Hausmeister hat mich ziemlich ungläubig angeguckt, aber dann hat er wirklich gemacht was er sollte, nämlich die Schultern gezuckt und sich verabschiedet. Das war vielleicht ein Tag, du. Ich war schon klatschnaß geschwitzt, bevor ich überhaupt mit staubwischen angefangen hatte. So, jetzt muß ich aber Schluß machen, mir ist nämlich gerade noch eine Idee gekommen, aber die verrate ich dir erst am nächsten Dienstag.
Bis bald

Dein Lorchen

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