Dienstag, 20. November 2012

Post von Lore Teil X



Liebe Simone,

ist ja manchmal schon verrückt. Da zerbricht man sich wochenlang den Kopf über ein Problem, und dann liegt die Lösung mitten auf dem Schreibtisch rum und sagt nix. Und dabei hatte ich mir schon halbe Nächte um die Ohren geschlagen, und alles wegen diesem Herrn Wiesenhof mit den niedlichen Strubbelhaaren. Wenigstens wo er wohnt, hätte ich ja zu gerne rausgefunden, aber du glaubst gar nicht, wie viele Wiesenhöfer sich bei uns im Telefonbuch tummeln, und ich wußte ja nicht mal seinen Vornamen. Und außerhalb vom Büro ist er mir auch noch nie über den Weg gelaufen, bloß seine doofe Sekretärin, die Mayerling, die kauft nämlich im selben Supermarkt ein wie ich, aber die konnte ich ja schlecht fragen.
Wenn es mit der EDV wieder überhaupt nicht geklappt hat im Kurs und der Römer sich mal wieder auf dem Klo eingeschlossen hat, hab ich mir hübsche Männernamen notiert, die gut zu meinem neuen Chef passen könnten. Florian oder Sebastian vielleicht, Baschtl, das hat sich gut angehört, aber dann hat mir die Evelyn über die Schulter geglotzt und gefragt, wozu ich die Namen aufschreibe und ob ich vielleicht bald Oma werde, das Luder. Danach hab ich meine Liste nur noch rausgekramt, wenn keiner in der Nähe war. Das war vielleicht ein Elend, du, immer dieses viele Nachdenken, ich hab schon drauf gewartet, daß mir die Haare ausfallen. Die Grete ist mir auch ziemlich auf die Nerven gegangen, dauernd hat sie gefragt, wann ich denn endlich mal eine Lesung veranstalten will mit meinen tiefschürfenden Gedichten, sowas Blödes.
Und dann kam der Tag, wo der Baschtl vergessen hatte, seine Bürotür abzuschließen. Ein bißchen bin ich mir ja vorgekommen wie ein Einbrecher, aber auf solche Sachen darf man natürlich keine Rücksicht nehmen, und es war auch weit und breit niemand mehr zu sehen. Auf dem Schreibtisch lagen eine ganze Menge Briefe, alle an Herrn A. Wiesenhof, also war‘s mit dem Baschtl schon mal nix, aber so schlimm war das dann auch nicht. Schlimmer war, daß ich über das dämliche Kabel von der Stehlampe gestolpert und mit dem Bauch mitten auf der Tischplatte gelandet bin. 
Das war natürlich nicht so toll, weil ja eigentlich keiner merken sollte, daß ich hier drin gewesen war, aber wo schonmal alle Papiere auf dem Boden lagen, konnte ich mir die Sachen gleich richtig anschauen. Die Bestellungen und Rechnungen waren nicht besonders interessant, aber dann hab ich das Foto gesehen, das war auch runtergefallen. Die Frau auf dem Bild war mindestens zehn Jahre jünger als ich und bestimmt zwanzig Kilo leichter, aber das mußte ja nix heißen, nö? Deshalb hab ich auch ganz schnell beschlossen, daß das seine Schwester ist, ich wollte mir ja schließlich nicht die Laune versauen lassen von so einem doofen Bild. 
Dann hab ich draußen auf dem Flur jemand vorbeigehen hören, und ich hab mich ganz klein gemacht unter dem Tisch, aber zum Glück ist keiner auf die Idee gekommen, die Tür aufzumachen. So ein arbeitsames Pack, können die nicht pünktlich nach Hause gehen? Den Schädel hab ich mir beim Aufstehen auch noch gegen die dämliche Tischplatte gehauen, aber wie ich wieder hochkam, da lag dieser bunte Zettel auf dem Tisch, mit lauter kleinen Tannenbäumchen drauf. Anscheinend war der als einziger nicht runtergefallen.
„Herzliche Einladung an alle Mitarbeiter zur diesjährigen Weihnachtsfeier", hab ich nur gelesen, und ich hätte ihm glatt um den Hals fallen können, meinem Baschtl, obwohl er doch vergessen hatte, mich auch einzuladen, aber bei den vielen Rechnungen und Bestellungen hat er bestimmt soviel um die Ohren, daß er einfach noch nicht dazu gekommen ist, der Arme. Und dabei waren es nur noch vier Tage, du. 
Ich hab abends zwei Stunden vor dem Kleiderschrank verbracht, schließlich muß sich dein Lorchen doch hübsch machen für so einen Anlaß. Ach, was hätte das alles schön werden können. Wenn mir bloß nicht die doofe Grete dazwischengekommen wäre. Aber das erzähl ich dir wie immer am nächsten Dienstag.

Alles Liebe
Dein Lorchen

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