Dienstag, 11. Dezember 2012

Post von Lore Teil XIII



Liebe Simone,

jetzt muß ich dir aber endlich erzählen, wie es auf der Weihnachtsfeier weitergegangen ist. Da stand ich also auf der Bühne, und unter mir die ganze Belegschaft, und plötzlich kamen die Leute von meinem Kurs durch die Tür. Mannomann, mein Gesicht in dem Moment hätte ich nicht sehen wollen, du. Einen Moment lang hab ich ja noch gehofft, daß mein Baschtl sich die zur Brust nimmt so von wegen geschlossene Gesellschaft und sie einfach mal eben an die Luft setzt, aber der hat das überhaupt nicht mitgekriegt. Bloß mich haben sie alle angeglotzt, und mir ist ganz schön der Schweiß ausgebrochen da oben. Na, und weil ich kein Feigling sein wollte, hab ich den Zettel mit meinem Gedicht genommen und einfach angefangen. War ja schließlich Zeit, daß mein Chef endlich mal aufwacht, manche Männer brauchen einfach einen kleinen Tritt in den Allerwertesten, gerade wenn es um die Liebe geht, stimmt`s?
„Oh, du schöner, blonder, holder“, hab ich angefangen, aber da ging unten plötzlich das Gerangel los, der Gerhard hat nämlich die Grete zur Seite geschubst, um besser sehen zu können, und die hat sich das natürlich nicht gefallen lassen. Aber ich laß mir doch von den Deppen nicht meinen Auftritt versauen. Ich hab immer noch gehofft, daß die Frau von dem Foto nur die Schwester vom Baschtl ist, obwohl er jetzt dauernd ihre Hand gehalten hat, und dabei soll sich ein Mensch auf so einen Kram wie Poesie konzentrieren. Nervensägen, allesamt. Und dann hat es mich plötzlich gepackt. Ich hab das Mikro ganz nah vors Gesicht gehalten und so laut reingerufen, wie ich konnte.
„Oh, du schöner, blonder, holder“, hab ich gebrüllt, und plötzlich war es ganz still im Saal. Eine Wohltat war das, bis diese dämliche Rückkopplung dazwischengekommen ist und mir meinen ganzen Reim versaut hat. Mir sind fast die Ohren weggeflogen, aber natürlich läßt sich dein Lorchen von so ein bissel Gequietsche nicht unterkriegen. „Oh, du schöner, blonder, holder Jüngling aus der Chefetage, heute endlich will ich’s wagen, Zierde meines tristen Lebens, wie vergebens, wären meine Tage ohne deine warme Sonne, welche Wonne…“
Ja, und dann stand der Baschtl plötzlich neben mir. Was das soll, hat er wissen wollen und versucht, mir das Mikro wegzunehmen.
Ich war aber schneller. „Aber das bist doch du“, hab ich gesagt und wollte ganz schnell von der Bühne runterhüpfen, aber weil das Kabel vom Mikro so kurz war, konnte ich nur im Kreis um ihn rumrennen, bis er eingewickelt war wie ein Rollbraten. Och, Simönchen, und dabei hatte ich mir alles so schön ausgemalt. Wir beide und sonst nichts als der Glühwein und das eine oder andere Weihnachtsplätzchen. Die Meyerling hätte vielleicht Augen gemacht, ich könnt wetten, die ist selber scharf auf meinen Wiesenhof-Baschtl. 
Aber leider ist es überhaupt nix geworden mit der Romantik. Der Baschtl hat ganz furchtbar angefangen zu schimpfen, und dann kam auch noch die Frau auf die Bühne gestolpert und hat mit ihrer dämlichen Handtasche nach mir gehauen, da waren mindestens Ziegelsteine drin, mein armer Kopf. Unten haben alle gegröhlt, nur die Grete, die hat laut geheult, als der Gerhard sie an den Haaren gezogen hat, weil sie ihm immer noch vor der Nase rumgetanzt ist. Und die Meyerling, die hat ihr Söhnchen an sich gedrückt und ihm die Augen zugehalten. So ein dürrer Typ aus der Buchhaltung hat Zugabe gebrüllt und dann hat der Baschtl auch gebrüllt, ganz laut, obwohl ich doch direkt neben ihm stand. „Gefeuert!“ hat er gebrüllt. Und daß ich mich bloß nicht mehr in seiner Firma blicken lassen soll.
Tja, und das war’s dann gewesen mit meiner hoffnungsvollen Karriere, man soll sich eben nicht auf eine Romanze mit seinem Chef einlassen, das bringt nur Ärger. Ich bin am nächsten Tag noch mit einem Versöhnungsblumentopf in die Firma, um mich beim Baschtl zu entschuldigen, aber die Meyerling hat mich nicht reingelassen und gemeint, der Herr Wiesenhof wäre heute für niemanden zu sprechen und für mich am allerwenigsten. Da hab ich mein Usambaraveilchen einfach wieder eingepackt.
„Wer nicht will, der hat schon“, hab ich gesagt und der Meyerling einen bitterbösen Blick zugeworfen.
Tja, und jetzt sitze ich wieder jeden Tag in meinem Kurs und stricke wie eine Verrückte, wo doch bald Weihnachten ist. Vielleicht kriege ich wenigstens noch die Socken für meinen Pizzabäcker fertig. Seine Schuhgröße weiß ich zwar immer noch nicht, aber mit Größe siebenundvierzig kann ich nix falsch machen, hab ich gedacht, wenn sie zu groß sind, soll er sie eben als Kniestrümpfe anziehen. Aber ich bin sicher, ich finde bald einen richtigen Job, so einen, bei dem man auch Urlaubsgeld bekommt und solche schönen Sachen. Drück mir die Daumen.
Bis bald
Dein Lorchen


Und damit, liebe Leser, endet die Vorgeschichte meiner Lore. Mehr von Lore Badowski wird es hoffentlich bald als eBook zu lesen geben. Wenn es soweit ist, erfahren Sie es selbstverständlich auf dieser Seite. Und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag mit vielen Plätzchen und wenigen Alltagskatastrophen. :)
Herzliche Grüße

Birgit Böckli

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