Dienstag, 4. Dezember 2012

Post von Lore XII



Liebe Simone,

was hab ich mich auf diese Weihnachtsfeier gefreut, das glaubst du gar nicht. Am Donnerstagmittag hatte ich mich endlich entschieden, was ich anziehen sollte. Nachdem ich den ganzen Kleiderschrank rausgekramt hatte, hab ich schließlich genau die Hose angezogen, die ich schon als allererste in der Hand gehabt hatte, dunkelblau mit weißer Bluse, ha, ich hab ausgesehen wie eine Seemannsbraut. Und um halb drei hab ich mich dann auf die Socken gemacht.
Der Hirsch ist ja vielleicht ein vornehmer Schuppen, ganz hohe Decken mit so nem weißen Stuckzeug, und dunkelgrüne Samtvorhänge, und überall Kerzen. Ich hab mir das aber erstmal alles brav von draußen angeguckt, wollte ja nicht zu früh da sein. Erst als der Kellner mich ganz böse angestarrt hat, weil ich die ganze Zeit vor seinem Terrassenfenster rumgeschlichen bin, bin ich dann doch reingegangen.
Mein Baschtl war noch gar nicht da, aber er hatte ein Nebenzimmer gebucht für unsere Party, so richtig schnuckelig war es da mit Plastiktanne und Schnapsbar für später, und an den Tischen saßen schon ein paar Leutchen und haben Marmorkuchen gemümmelt. Die meisten hab ich zum ersten Mal gesehen, scheinen sonst nie aus ihren Büros rauszukommen, aber die Meyerling, die hab ich gleich erkannt. Anscheinend hatte sie ihre Diät für ein Weilchen an den Nagel gehängt, jedenfall hat sie jedesmal, wenn keiner hingeguckt hat, eins von den Lebkuchenherzen vom Tisch gemopst und ganz schnell im Mund verschwinden lassen. Ich hab das aber gar nicht eingesehen, daß die die ganzen Herzen alleine futtert, bloß weil sie die Sekretärin vom Chef ist, also hab ich mich direkt gegenüber hingesetzt und mitgegessen. 
Neben mir saß noch ein Ehepaar, die kannte ich überhaupt nicht. Der Mann hat die ganze Zeit mit einem riesigen Stofftaschentuch an seiner roten Rentiernase rumgetupft, und die Frau, das war so ne ganz feine, die hat den kleinen Finger schon abgespreizt, bevor sie die Kaffeetasse überhaupt in der Hand hatte. Ich hab bloß gehofft, daß der Mann mich nicht ansteckt mit seinem üblen Schnupfen. Gegenüber, neben der Meyerling, saß so ein dürrer Hering, das war wohl ihr Mann, wahrscheinlich bekommt er zu Hause selten was zu essen ab, der hat ganz gierig die Lebkuchenherzen angestarrt, aber gegessen hat er nicht eins davon, vielleicht hatte er Angst, der Ärmste. Ein Kind hatten sie auch noch dabei, das war genauso dünn wie der Vater, so ein blasser Junge mit wilden Flatterohren, die sind mindestens zehn Zentimeter vom Kopf abgestanden. 
Ich hab mir ein Kännchen Kaffee und ein Stück Stollen bringen lassen und gehofft, daß die Rechnung aufs Haus geht, und dann ging auch plötzlich die Tür auf, und es kamen noch eine ganze Menge Leute rein, vielleicht von einer anderen Filiale, die Wiesenhoffirma stellt nämlich Kochtöpfe her, und da gibt es auch noch ein Außenlager irgendwo hinter Neckarau. Und dann ist doch tatsächlich mein Baschtl auf die Bühne gegangen. Vor lauter Mitarbeitern hatte ich den gar nicht gesehen. Fesch hat er ausgesehen in seinem Anzug, und er hat nur mich angelächelt, da war ich mir ganz sicher.
„So, jetzt geht es mit dem Programm los“, hat er nach der Begrüßung gesagt, und daß sie da einiges vorbereitet hätten. Oje, und damit fing die ganze Bescherung an. Da kamen nämlich die Kinder von den Mitarbeitern auf die Bühne, eins nach dem anderen, um uns was vorzuspielen. Die zwei kleinen Zwockel mit ihrem Oh du Fröhliche, die haben das ja noch ganz gut hingekriegt, aber dann hat sich ein Mädchen die Blockflöte gegen die Schneidezähne gekloppt und furchtbar zu plärren angefangen. Später kam der Robert dran, das war der blasse Sohn von der Meyerling, der hat schon vorher geschlottert, du. Er hat versucht, ein Gedicht aufzusagen, aber das hat nicht so richtig geklappt. Wär ja auch nicht schlimm gewesen, schlimm war nur die Meyerling, die bei jeder Zeile ihren Mann angestoßen hat, so richtig fest mit dem Ellbogen gegen die Rippen. „Das ist meiner“, hat sie trompetet. „Der da vorne, das ist meiner.“
Der Robert war aber wohl ziemlich froh, als er endlich wieder von der Bühne runter durfte, so froh, daß er die letzten drei Stufen fast noch ausgerutscht wär, und die Meyerling ist ihm um den Hals gefallen wie eine Bekloppte.
Ich hab die ganze Zeit geschaut, wo mein Baschtl sich rumtreibt, aber der war überhaupt nicht zu sehen, und dann hab ich ihn schließlich gefunden, mit einer Frau saß er da rum, zwei Tische weiter, das war die Tussi von dem Foto in seinem Büro, und das Kind war auch dabei. Und wie er seine Hand auf ihre kleine rosa Patschhand gelegt hat, da ist mir fast mein Stollen im Hals stecken geblieben, und ich war mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob das wirklich seine Schwester war.
Inzwischen waren die beiden Geigenspieler zum Glück auch fertig, mir haben schon ordentlich die Ohren weh getan, und der Baschtl ist wieder aufgestanden und wollte nach oben gehen, aber ich hab ihn gerade noch rechtzeitig abgefangen.
„Ja, was denn?“ hat er gefragt und mich ganz verdutzt angeguckt. Und da hab ich meinen ganzen Mut zusammengenommen. „Ein Gedicht“, hab ich gesagt. „Es kommt noch ein Gedicht.“
Ich hatte ja eigentlich erwartet, daß er sich geschmeichelt fühlen würde, aber er hat mich bloß ganz seltsam gemustert.
„Das steht aber nicht im Programm“, hat er gemeint und dann mit den Schultern gewackelt. „Sie können dichten?“
„Na, und wie!“ Ich hätte gern noch viel mehr gesagt, aber ich mußte doch auf die Bühne, bevor er es sich noch anders überlegen und das Programm für beendet erklären konnte, also bin ich hoch und hab mir das Mikro geschnappt. Von da oben sah das aber plötzlich nach viel mehr Leuten aus. Mir ist richtig schwindlig geworden, und ich hab in der Hosentasche ewig nach dem Zettel gesucht, weil ich doch den Text immer vergesse.
„So, Lorchen“, hab ich mir gesagt. „Und jetzt haust du sie alle aus den Socken.“ Hätte ich bestimmt auch geschafft. Aber in dem Moment ging die Tür auf, und es kamen noch ein paar Leute rein, eine davon mit einem ganz breiten Grinsen im Gesicht. Ja, und das war die Grete!
Aber wie es weitergegangen ist, das erzähle ich dir nächste Woche.
Mach’s gut und bis Dienstag

Dein Lorchen

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